Im Süden Thailands scheint der Frieden weit entfernt

Bei der Suche nach den Attentätern des Bombenanschlages in Hua Hin und anderen Orten, vollzieht die thailändische Führung bizarre Verrenkungen. Aber auch die Separatisten im Süden lüften keine Schleier. Auf beiden Seiten hat das System.

In der Nacht auf Mittwoch sind im Süden Thailands erneut zwei Bomben explodiert. Die Explosionen ereigneten sich im Abstand von 20 Minuten vor dem Southern Hotel im Hauptort der Provinz Pattani sowie vor nahe gelegenen Einkaufsgeschäften. Gemäss Polizeiangaben wurden eine Frau getötet und dreissig Personen verletzt. Bei den Opfern soll es sich um Thailänder handeln. Zu den Anschlägen hat sich einmal mehr niemand bekannt. Es wird allerdings immer deutlicher, dass es sich bei den Urhebern der Serie, die vor knapp zwei Wochen ihren Anfang nahm, um Separatisten aus den drei mehrheitlich muslimischen Provinzen Pattani, Yala und Narathiwat handelt.

Verwirrung mit System

Offiziell bestätigen will dies zwar niemand. Aber die Hinweise mehren sich, dass die Militärregierung bereits nach den Attentaten vom 11. und 12. August das Gespräch mit separatistischen Bewegungen im Süden suchte. Manche Beobachter glauben, dass bereits ab Anfang September verhandelt wird. Es scheint, als wäre deren Warnung, ihre Attentate allenfalls in die touristischen Hochburgen zu tragen, in Bangkok verstanden worden. In bizarr anmutenden Erklärungsversuchen hat die Regierung in den vergangenen zehn Tagen eine Reihe von Fährten gelegt. Man sprach von «lokalen Abrechnungen», einem «Mastermind», womit man auf die politischen Kräfte um den 2006 gestürzten Regierungschef Thaksin Shinawatra anspielte, oder relativierte die Attentate als kriminelle Aktionen. Am Wochenende präsentierte das Militär dann gar eine Gruppe von fünfzehn Personen, die angeblich einem Geheimbund mit kommunistischen Wurzeln angehörten; mit dieser Geschichte wurde zusätzliche Verwirrung gestiftet.
Für lokale Beobachter in Hat Yai und langjährige Kenner der Verhältnisse im «tiefen Süden», wie die südlichsten Provinzen Thailands genannt werden, ist die Handschrift unverkennbar. Aus der früher tonangebenden Pattani United Liberation Organization (Pulo) und der Barisan Revolusi Nasional (BRN) mögen sich in den vergangenen Jahren wohl Splittergruppen gebildet haben. Doch nur eine Rebellengruppe sei heute in der Lage, praktisch zeitgleich ein Dutzend koordinierter Anschläge durchzuführen: die BRN.

Dass sich niemand zu den Attentaten bekenne, die Regierung in Bangkok phantastische Erklärungen liefert und auf Zeit spiele, sei kennzeichnend für die Situation: Die BRN verstehe sich als politische Kraft, die kein Interesse daran habe, in den rund zwei Millionen Einwohner zählenden Provinzen Yala, Pattani und Narathiwat als Terrororganisation abgestempelt zu werden. Durch ihr Schweigen hält die Organisation zudem die auch dieses Mal zirkulierende These warm, die Anschläge seien vom Militär selbst verübt worden. Das sät zusätzliches Misstrauen gegenüber der Staatsgewalt.

Dogma des Einheitsstaats

Auch die regierenden Generäle unter der Führung von Ministerpräsident Prayuth lüften keine Schleier. Dass in der jüngeren Vergangenheit weder Skandale noch Attentate oder Morde in Ferienorten wirklich aufgeklärt worden sind, ist im Urteil von westlichen Diplomaten nicht nur auf die Unfähigkeit von Polizei und Justiz zurückzuführen. Es geht dabei auch um das Bemühen, negative Schlagzeilen so rasch als möglich verschwinden zu lassen. Der Schein von Stabilität hat Vorrang.

Bei den Attentaten im Süden kommt dazu, dass die Regierung auf keinen Fall einräumen will, dass sie im Süden ein Problem mit einer historisch, kulturell, religiös und sprachlich verschiedenen Bevölkerungsgruppe hat. Die Einheit des Staates, des Königreichs und die Legitimität Bangkoks sind sakrosankt. Jeder Abstrich an diesem Dogma birgt das Risiko, dass sich Drittländer oder internationale Organisationen zu Vermittlungen berufen fühlen. Falls wie jetzt die Fühler nach den Drahtziehern im Süden ausgestreckt werden, dann nur im Geheimen und unter bewusster Irreführung der Öffentlichkeit.

Dass der muslimisch geprägte Süden anders ist und anders sein will, ist offensichtlich. Hat Yai, der Hauptort der Provinz Songkhla, gleicht in vielem einer mittelgrossen thailändischen Stadt mit architektonisch verwüstetem Kern, betriebsamen Bars und Industriequartieren am Rand. Moscheen gibt es verhältnismässig wenige. Man spricht Thai, Bilder des Königspaars sind omnipräsent, Bettler ebenfalls. Auch ausländische Besucher gehören zum Strassenbild.

Protest an der Urne

Erst in den vier südlichen seiner insgesamt sechzehn Distrikte, Chana, Natawee, Sabayoi und Tapah, wird in Songkhla ein genuin muslimischer Charakter sichtbar: Der Muezzin ruft lauter, zu den Schriftzeichen in Thai gesellt sich das ans Arabisch erinnernde Yawi, gesprochen wird überwiegend Malaiisch. Hier manifestiert sich die historische Nordgrenze des Sultanats Patani, hier hört aus der Sicht der Muslime das buddhistische Siam auf. Zu Patanis Kerngebiet gehörten die heutigen Provinzen Yala, Narathiwat und Pattani, wo das Symbol des örtlichen Islams steht, die Kru-Se-Moschee aus dem 16. Jahrhundert. Das Verfassungsreferendum vom 7. August hat diese Demarkation erneut zum Ausdruck gebracht. Während die zwei Dutzend südlichen Provinzen die neue Verfassung mit 76,9 Prozent überdurchschnittlich deutlich annahmen, lehnte der muslimische «tiefe Süden» die Vorlage klar ab. In Pattani erreichte der Nein-Anteil 65,1 Prozent, in Narathiwat 61,8 und in Yala 59 Prozent. Der Protest äusserte sich zudem in der tiefen Stimmbeteiligung, die in allen drei Provinzen deutlich unter 40 Prozent lag.

Die klare Ablehnung der Verfassung kann im Urteil örtlicher Stimmen auf drei Gründe zurückgeführt werden. Ausschlaggebend sei erstens die Tatsache, dass die neue Konstitution den zentralstaatlichen und buddhistischen Charakter Thailands festige; dies komme unter anderem im nuancierten Festhalten am Status quo der gesellschaftlich-sozialen Klassenstruktur sowie in der Streichung staatlicher Gelder für muslimische Schulen (Pondoks) zum Ausdruck; in diesen wird traditionell in malaiischer Sprache unterrichtet. Zweitens hat jede Bangkoker Zentralgewalt im «tiefen Süden», der Siam in früheren Jahrhunderten bestenfalls Tribute zahlte, sich historisch mehrheitlich aber nie mit dem buddhistischen Königreich identifiziert, ein Legitimationsproblem. Dazu kommt drittens, dass der Verfassungstext unter quasi diktatorischen Umständen entworfen wurde und nie öffentlich debattiert werden konnte.

Verhältnisse wie in China?

Die Einschätzung der Militärregierung, dass sie sich mit dem Ja zur 20. Verfassung eine breite Legitimitätsbasis verschafft hat, könnte sich als trügerisch erweisen. Im Süden pochen Separatisten auf mehr Respekt gegenüber der muslimisch-malaiischen Identität; weil ihr Anliegen im Rahmen der sich abzeichnenden «Restauration» noch weniger Gehör zu finden droht, machen sie Druck – mit Bomben.

Aber auch in Bangkok regt sich Widerstand, vorab in akademischen Kreisen. Aus der Sicht des an der Thammasat-Universität lehrenden Professors Sustarum Thammaboosadee drohen Thailand politische Zustände wie in China, wo sich eine Führungsclique an ein Machtmonopol klammert. Diese hat einen Zwanzigjahreplan entworfen, der künftige Regierungen bindet, feudale Strukturen zementiert und einen Regierungschef ohne demokratisches Mandat ermöglicht. Hinter dem eingefrorenen Gesellschaftskonflikt verbärgen sich Bruchlinien zwischen Alt und Jung, Stadt und Land sowie Reich und Arm. So ist es schwer vorstellbar, dass sich die Träume von mehr Selbstbestimmung im «tiefen Süden» verwirklichen lassen.

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3 Kommentare zu Im Süden Thailands scheint der Frieden weit entfernt

  1. emi_rambus sagt:

    Endlich!

    Government claims Thais linked to Islamic State
    http://www.bangkokpost.com/news/politics/1142117/government-claims-thais-linked-to-islamic-state

    Traurig, dass dies wieder von aussen kommen muss!
    Es ist nur viel komplizierter, wie man bei dieser Spitze des Eisberges vermutet!!

  2. berndgrimm sagt:

    berndgrimm: Man könnte ja ein paar Inseln vor Langkawi dafür verlangen.

    Ich habe gerade mal Langkawi gegoogelt.
    Ich kann mich erinnern dass dies in den 80er Jahren
    als Geheimtip galt und die LTU sogar direkt dorthin flog.
    Inzwischen ist es wohl genauso verkommen wie Phuket
    und würde doch hervorragend zu Thailand passen!

  3. berndgrimm sagt:

    In dem Beitrag steht viel Richtiges aber auch viel plumpe Thaksinpropaganda.
    Wie lange diese Militärdiktatur dauert hängt davon ab ob die wirklich
    demokratischen Kräfte in diesem Lande zusammenhalten oder nicht.
    Abhisit war der Einzige der mit rationalen Argumenten die Militär Verfassung
    abgelehnt hat während Thaksins Hassprediger hinterher wieder rumjaulten
    weil sie zu blöd/geizig waren ihr Wahlvieh zu motivieren!

    Wer sind diese Süd Thailand Spezialisten? Und was qualifiziert sie?

    Ich bin kein selbsternannter Thailandkenner! Schon garnicht Südthailand.
    Ich war nur ein einziges Mal südlich von Krabi in Haadyai und nie in den
    malayischen Provinzen!
    Damals war Alles ruhig.Es war Ende der 80er Jahre.

    Die Gewalt im Süden kenne ich erst seit Tak Bai welches Thaksin seinem
    grossmäuligem Krieg gegen Terror opferte!

    Da Thailand nicht gewillt ist den dreieinhalb Malayischen Provinzen
    mehr Eigenständigkeit zu gewähren wird es unter keiner Regierung
    zu einer Besserung kommen.
    Die Malayischen Enklaven in Thailand sind durch Grenzbegradigung
    und Landtausch entstanden.

    Warum tauscht man sie nicht zurück?
    Man könnte ja ein paar Inseln vor Langkawi dafür verlangen.

    Einen Religionskrieg sehe ich nicht.
    Ich habe in Prawet , einem Bezirk BKKs wo es viele Thai Muslime gibt
    gelebt und dort gab es niemals Probleme zwischen Muslimen
    und Buddhisten.
    Am Khlong Prawet und Prakanong Kao liegen Wat an Moschee
    und Moschee an Wat.

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