Nach der Flut liegt die Wirtschaft am Boden

(Handelsblatt) Die Folgen der Fluten vom Oktober in Thailand sind längst nicht überstanden. In vielen Straßen Bangkoks steht noch immer das Wasser. Die Wirtschaft hat mit den Folgen der Überschwemmungen schwer zu kämpfen.
Zehn Zentimeter. Der Unterschied zwischen einem großen Schaden und einer Katastrophe. „Als das Wasser in unsere Lagerhalle floss, haben wir mit den Gabelstaplern unsere Ware in die Gestelle gehoben – bis zur letzten Minute“, sagt Roland Hoehn von Stiebel Eltron.

[caption id="attachment_1877" align="alignright" width="150" caption="Überflutete Autos im Honda Werk Ayutthaya"] [/caption]

„Der Wasserspiegel stieg auf 1 Meter 70. Dann stoppte er“, erinnert sich der Asien-Pazifik-Chef des deutschen Mittelständlers. Die Paletten, beladen mit hunderten von Wasserheizern und Filtern, lagen auf 1,8 Meter. Ware im Wert von hunderttausenden Euro. Doch die Büroräumlichkeiten, der Empfang – alles stand unter Wasser. Als er drei Monate nach der Flutkatastrophe durch die Hallen in einem Industriegebiet nördlich von Bangkok geht, treibt Hoehn der Gedanke an diese Tage noch immer den Schweiß auf die Stirn.

Wo einst geschäftiges Treiben herrschte, reinigen heute ein paar Arbeiter verschlammte Telefonkabel und legen neue elektrische Leitungen. Die Gipsplatten der Wand und der Decke – verdreckt und verschimmelt – sind entsorgt. Im Hof warten teure Maschinen auf den Entscheid, ob sie gerettet werden sollen oder auf der Müllkippe landen. Wie groß der Schaden ist, weiß Hoehn nicht. Er wartet auf einen Kostenvoranschlag für die Reparaturen. Nur dank der guten Vorbereitung, der Rettung der Lagerbestände und der Verlegung eines Teils der Fertigung aus hält sich auch der Einkommensausfall in Grenzen. Einen Monat Produktion habe er verloren, sagt der 47jährige Braunschweiger. „Wir hatten Glück“.

Das können im Einzugsgebiet von Bangkok nicht alle sagen. Wer durch die nördlichen und westlichen Vorstädte der Metropole fährt, sieht bald, dass die Krise für tausende Bewohner anhält. Noch immer stehen Straßen unter Wasser. So manche Autobahnauffahrt ist nur im Allradfahrzeug zu bewältigen. Wenige Kilometer vom Geschäftszentrum Bangkoks entfernt waten noch immer Menschen durch eine stinkende Brühe, durchsetzt mit Fäkalien, toten Tieren, Müll. Die tropische Hitze verstärkt den Gestank, die Gefahr von Infektionskrankheiten.

Mehr als 800 Menschen sind bisher gestorben – viele an Stromschlag – seit sich im Oktober 15 Milliarden Kubikmeter Wasser gegen Süden bewegten, zum Golf von Thailand. Der Chao Phraya-Fluss mit einer Kapazität von täglich 400 Millionen Kubikmeter Wasser, hatte keine Chance, nach Monate langen Regenfällen die Fluten aufzunehmen. Das Wasser überspülte erst die Stadt Ayutthaya im Norden. Dann fraß es sich durch die Vororte von Bangkok. Erschwert wurde die Situation durch eine chaotische Informationspolitik der Regierung von Premierministerin Yingluck Shinawatra und der Stadtbehörden von Bangkok.

Während ein Amt Entwarnung gab, rief ein anderes zur Evakuierung auf. Nur weil die Fluten mit Dämmen in andere Stadtteile umgeleitet wurden, blieb das Geschäftszentrum schließlich verschont. Dort, wo 45 Prozent des Bruttoinlandprodukts von Thailand erbracht wird. Einige Experten hatten für den Fall einer Überflutung der City den Kollaps der thailändischen Wirtschaft befürchtet.

Die Industrie ist um bis zu 10 Prozent eingebrochen

Auch ohne diese ultimative Katastrophe sind die Konsequenzen für die zweitgrößte Volkswirtschaft Südostasiens monumental. Die Flutschäden und Produktionsausfälle gehen in die dutzende Milliarde Dollar, so verschiedene Schätzungen. Am Donnerstag reduzierte das Finanzministerium die Wachstumsprognose für das laufende Jahr auf 1,1 % – von bisher 1,7  bis 2,0 %. Die industrielle Produktion dürfe um bis zu 10 % eingebrochen sein, so die Behörden. Der „Ground Zero“ Thailands sind seine Industriezentren, riesige Gebiete, in denen jeweils dutzende bis hunderte von Unternehmen angesiedelt sind. Sie beschäftigen tausende von Angestellten, von denen wiederum zehntausende von Angehörigen und kleine Versorgungsbetriebe wirtschaftlich abhängig sind.

Sieben von acht „Industrial Estates“ im Umkreis von Bangkok wurden überflutet. Sie sind nicht nur das Herz der thailändischen Industrie – für dutzende von globalen Unternehmen sind sie ein entscheidendes Glied in der internationalen Versorgungskette. Die Überschwemmungen brachten zwei der Standbeine der thailändischen Wirtschaft beinahe zum Einknicken: die Computerindustrie und die Automobilbranche. Laut Supachai Suthipongchai, dem Vorsitzenden des Verbandes der Elektronikhersteller, muss seine Industrie im letzten Quartal des ablaufenden Jahres mit einem Rückgang der Exporte im Umfang von mehreren Milliarden Euro rechnen.

Thailand ist einer der weltweit größten Hersteller von Computerbestandteilen. Alle großen Hersteller sind präsent. Fast die Hälfe aller Festplatten werden in den Industriegebieten nördlich von Bangkok gebaut. Die Versorgungsengpässe haben weltweit zu einem Anstieg der Preise für Computerteile geführt.

Auch wenn inzwischen in den meisten Industriegebieten die Aufräumarbeiten weit fortgeschritten sind, ist es schwierig, von den Unternehmen Klarheit über den Stand des Wiederaufbaus zu erhalten. Zweckoptimismus scheint bei Firmenverlautbarungen im Vordergrund zu stehen. Meldungen über  die Wiederaufnahme der Fertigung, wie sie jüngst etwa der Festplattenhersteller Western Digital gemacht hatte, sollten jedenfalls mit Vorsicht aufgenommen werden, warnen Analysten. Besuche in den Betrieben werden derzeit kaum bewilligt. „Wer es doch rein schafft, sieht, dass die so genannte ‚Wiederaufnahme‘ aus nicht viel mehr als vier Frauen besteht, die an einem Tisch ein paar Platten zusammenschrauben“, sagt ein Kenner der Situation.

Maschinen stehen im Wasser

Denn selbst wenn die Fabrik geputzt ist, die Stromversorgung wieder steht und die Arbeiter bereit zum Einsatz sind, bleibt fast allen Herstellern ein fundamentales Problem: tausende von Spezialanlagen sind nach sechs Wochen im Wasser entweder schrottreif, oder sie können nur mit großem Aufwand repariert werden. Alleine 10 000 Kunststoff-Formmaschinen seien außer Gefecht, sagt Supachai. Es werde mindestens ein bis zwei Jahre dauern, bis die Geräte repariert werden können. Selbst Unternehmen, die sich zum Kauf neuer Maschinen entscheiden, stehen vor einem Problem: die Nachfrage ist so groß, dass Hersteller der Geräte mit der Produktion nicht nachkommen.

Für keinen Industriesektor haben die Fluten so schwerwiegende Folgen wie für die Kfz-Branche, die für 12 % des BIP des Landes verantwortlich ist. Thailand exportierte im letzten Jahr nicht nur rund 900 000 Fahrzeuge und ist ein entscheidendes Glied in der Lieferkette fast aller großen Automobilhersteller.  Rund um den Globus leiden Fertigungsstätten von Unternehmen wie Honda, Toyota, Nissan, Mazda und Isuzu wegen der Schließung der Zubehörfabriken unter signifikanten Produktionsausfällen. In Japan laufen die Fließbänder langsamer oder stehen still. Vor ein paar Tagen reduzierte Toyota seine Gewinnprognose für das Geschäftsjahr bis Ende März um 57 % auf 200 Mrd. Yen (1,9 Mrd. Euro). Die Fluten hätten dazu geführt, dass Fabriken in zehn Ländern nicht zeitgereicht mit Bauteilen beliefert wurden. Honda lässt in diesen Tagen 1000 Neuwagen verschrotten, die in der Fabrik in Ayutthaya unter Wasser standen.

Trotz der noch immer kritischen Lage ist die thailändische Regierung optimistisch. Die generelle Haltung unter Investoren gegenüber Thailand bleibe „positiv“, so auch Vize-Industrieminister Suparp Kleekhajai. Der Automobilverband weist darauf hin, dass drei neue KfZ-Fabriken in Planung seien. Damit solle die Produktionskapazität auf schließlich 3 Mio. Neuwagen jährlich wachsen, hofft der Verband. „Thailand wird dann der zehntgrößte Autohersteller sein“. Analysten meinen, dass die Wiederaufbauarbeiten zwar zu einem stärkeren Wachstum der Gesamtwirtschaft führen werden. Eine jüngste offizielle Prognose von 5 % gilt allerdings als sehr optimistisch.

Um das Vertrauen ins Land zu stärken, stellte die Regierung letzte Woche einen Reparaturfonds von insgesamt 350 Mrd. ThB (8,5 Mrd. Euro) in Aussicht. Wie er finanziert werden soll, ist nicht klar. Die Ausgabe von speziellen „Flut-Staatsanleihen“ wird diskutiert.

Ausländische Investoren sind verunsichert

Solche Maßnahmen alleine werden das Vertrauen ausländischer Investoren kaum zurückbringen – noch immer empört von der scheinbaren Inkompetenz der Behörden während der Krise. Wirtschaftsvertreter fordern lautstark einen „Masterplan“ zum Schutz der Metropole vor weiteren Überschwemmungen. „Ich glaube, die Regierung hat nach anfänglichem Zögern den Wink mit dem Zaunpfahl gespürt“, meint ein Geschäftsmann. Trotzdem hält sich in Bangkok hartnäckig das Gerücht, ein japanischer Großkonzern prüfe den Abzug aus Thailand, für den Fall, dass die Regierung nicht garantiere, die Stadt und die Industriegebiete überschwemmungssicher zu machen.  Denn die nächste Flut, sagen Experten, ist nur eine Frage der Zeit.

Die deutsche Industrie ist bei der Flutkrise in Thailand mit einem blauen Auge davon gekommen. Das sagt Rolf-Dieter Daniel, Vorsitzender der thailändisch-deutschen Handelskammer (AHK) in Bangkok. Viele deutsche Firmen hätten ihre Betriebe im Süden von Bangkok, und seien von den Überschwemmungen nicht direkt betroffen. Engpässe von Zulieferern und Personal, das wegen der Überschwemmungen nicht zur Arbeit erschien, machte es vielen Herstellern trotzdem schwer, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Von den Firmen, die im Norden angesiedelt sind, wurden unter anderem der Brillenglashersteller Rodenstock und der Schreibwarenproduzent Staedtler verschont, dem Daniel als Thailand-Chef vorsteht. „Das hat nicht zuletzt mit der guten Planung und Vorbereitung zu tun“, so Daniel. Die Belegschaften vieler Firmen arbeiteten wochenlang, um die Betriebe mit Sandsäcken und Notmauern gegen die heranrückenden Fluten zu schützen.

Die AHK hielt während der Krise ihre Mitglieder rund um die Uhr auf dem Laufenden über die Entwicklungen. Das war Angesicht der unzuverlässigen Informationspolitik der thailändischen Regierung entscheidend. Heute konzentriert sich die AHK auf die Unterstützung der betroffenen Firmen. Viele säßen auf flutgeschädigten Maschinen und wüssten nicht, ob die Apparate repariert werden können oder Abschreiber sind. „Fachleute, die das beurteilen können, gibt es hier fast nicht“, meint Daniel. Er sucht inzwischen in Deutschland nach entsprechenden Experten.

Auch mit versicherungstechnischen Problemen ist die Kammer beschäftigt. Die Versicherer mehrerer Unternehmen haben bereits signalisiert, künftig keine Flutschäden mehr bezahlen zu wollen. „Da muss die Regierung schnellstens eine Lösung finden“, meint Daniel. Trotz der Krise sei Thailand ein Produktionsstandort erster Klasse, gerade für deutsche Unternehmen. „Die Leute sind zuverlässig, das politische Klima ist anlegerfreundlich – und wir sind mitten in einer der größten Wachstumsregionen auf dem Globus“. Im kommenden Jahr feiern Thailand und Deutschland 150 Jahre Wirtschaftsbeziehungen.

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3 Kommentare zu Nach der Flut liegt die Wirtschaft am Boden

  1. berndgrimm sagt:

    Um das Vertrauen ins Land zu stärken, stellte die Regierung letzte Woche einen Reparaturfonds von insgesamt 350 Mrd. ThB (8,5 Mrd. Euro) in Aussicht. Wie er finanziert werden soll, ist nicht klar.

    Und wieviel davon am Ende wirklich ankommt auch nicht.
    Die Taschen des Shinawatra/Pombejra Clans sind tief.
    Takkis Marionetten wissen zwar nix vom Job den sie ausüben sollen.
    Aber den schnellsten Weg des Geldes auf die Virgin Islands kennen sie alle.

  2. berndgrimm sagt:

    Die Versicherer mehrerer Unternehmen haben bereits signalisiert, künftig keine Flutschäden mehr bezahlen zu wollen. „Da muss die Regierung schnellstens eine Lösung finden“

    Das ist der einzige Grund weshalb Takkis Marionettenbühne in Aktivismus verfällt.
    Versicherer und Rückversicherer machen dieses Nichtstun nicht mehr mit.
    Mal sehen welches Theaterstück Takki als nächstes aufführen lässt.

  3. bukeo sagt:

    Erschwert wurde die Situation durch eine chaotische Informationspolitik der Regierung von Premierministerin Yingluck Shinawatra und der Stadtbehörden von Bangkok.

    wenigstens erkennt nun auch das Ausland, das diese PM in Krisen ebenso versagte, wie seinerzeit ihr Bruder.

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