Trotz massiver US-Luftangriffe auf iranische Atomanlagen zeigt sich das iranische Atomprogramm laut internationalen Experten weiterhin funktionsfähig. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) äußerte sich besorgt über Teherans zunehmende Intransparenz und den verweigerten Zugang zu sensiblen Anlagen.
Der IAEA-Direktor Rafael Grossi erklärte am 28. Juni, dass der Iran bereits in wenigen Monaten erneut Uran in mehreren Zentrifugenkaskaden anreichern könne. Damit widersprach er direkt der Darstellung von US-Präsident Donald Trump, der zuvor erklärt hatte, die Angriffe hätten das iranische Atomprogramm „um Jahrzehnte zurückgeworfen“.
Im Rahmen der US-Militäroperation „Midnight Hammer“ hatten die Streitkräfte am 22. Juni mehrere iranische Nuklearanlagen mit bunkerbrechenden Bomben und Marschflugkörpern angegriffen. Unter den Zielen befanden sich die bekannten Standorte Fordo, Natans und Isfahan. Während US-Quellen erhebliche Schäden betonen, berichten unabhängige Experten von nur begrenztem Erfolg. Viele Anlagen blieben demnach unversehrt.
Jeffrey Lewis, Rüstungsexperte am Middlebury Institute, verwies gegenüber der Deutschen Welle darauf, dass das iranische Atomprogramm dezentral organisiert sei. Ein Großteil des bereits auf 60 Prozent angereicherten Urans befand sich offenbar nicht an den bombardierten Standorten. „In Fordo wird angereichert, aber das meiste Material wird später bei Isfahan gelagert“, so Lewis.
Die genaue Schadenslage in Fordo bleibt unklar – vor allem, da Teheran internationale Inspektionen bislang verweigert. Die iranische Regierung begründete dies mit mangelndem Schutz durch die IAEA, die die jüngsten Angriffe nicht verurteilt hatte. Das Parlament setzte daraufhin die Zusammenarbeit mit der Atomenergiebehörde aus.
„Die Überwachung durch die IAEA wird dadurch massiv erschwert“, erklärte der Politikwissenschaftler Hamid Reza Azizi von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Schon seit dem US-Ausstieg aus dem Atomabkommen 2018 habe Teheran seine Transparenzpflichten schrittweise reduziert, so Azizi.
US-Präsident Trump hingegen drohte am Freitag mit weiteren militärischen Maßnahmen. Sollten Geheimdiensterkenntnisse auf eine neue Eskalation der Urananreicherung hindeuten, werde man „ohne Frage“ erneut zuschlagen. Irans Oberster Führer Ali Chamenei wies die Wirkung der Angriffe unterdessen als begrenzt zurück und sprach von einem „strategischen Fehlschlag“ der USA.
Die Lage bleibt angespannt. Ohne internationale Kontrollen wird die Einschätzung des tatsächlichen Fortschritts des iranischen Atomprogramms zunehmend zur Frage von Spekulation und Geheimdienstinformationen – ein Risiko, das die Gefahr weiterer Konfrontationen erheblich erhöht.
STIN // AI