Jakarta/Rio de Janeiro – Mit seiner Teilnahme am BRICS-Gipfel am 6. Juli in Rio de Janeiro unterstreicht der indonesische Präsident Prabowo Subianto das außenpolitische Ziel seines Landes: eine ausgewogene Partnerschaft sowohl mit China als auch mit den Vereinigten Staaten. Während geopolitische Spannungen und ein sich wandelnder Multilateralismus die globale Bühne prägen, versucht Indonesien, sich als Vermittler und Stabilitätsanker zu etablieren.
Beim Gipfel begrüßte Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva Indonesien als zukünftiges Vollmitglied der BRICS-Staatengruppe. Ab Januar 2025 wird Jakarta offiziell Teil des Bündnisses sein. Lula betonte die historische Verbindung zur Asien-Afrika-Konferenz von 1955 in Bandung und lobte BRICS als heutigen Träger des „Bandung Spirits“ – ein Symbol für Unabhängigkeit und Solidarität des Globalen Südens.
Indonesiens Entscheidung, sich stärker an BRICS anzulehnen, kommt zu einem Zeitpunkt wachsender wirtschaftlicher Spannungen mit den Vereinigten Staaten. Präsident Donald Trump kündigte Anfang April massive Zollerhöhungen an, darunter eine 32-prozentige Abgabe auf Importe aus Indonesien. Zwar wurde die Maßnahme im Juli um 90 Tage verschoben, doch der Handelsstreit ist keineswegs vom Tisch.
Indonesien, das 2024 einen Handelsüberschuss von rund 16,8 Milliarden US-Dollar mit den USA erzielte, bemüht sich intensiv um ein Entgegenkommen Washingtons. Dazu zählt unter anderem die Zustimmung zu einem umfassenden Wirtschaftspaket im Wert von 52,3 Milliarden US-Dollar, das verstärkte US-Investitionen im indonesischen Energie- und Agrarsektor vorsieht. Doch Trump stellt sich quer: Er droht mit einem „Take-it-or-leave-it“-Angebot und lehnt weitere Verhandlungen ab.
Der wirtschaftspolitische Druck aus den USA fügt sich in ein größeres Bild geopolitischer Rivalitäten. Prabowo betonte in Rio de Janeiro, dass Indonesien keine Konfrontation anstrebe, sondern eine Brückenrolle einnehmen wolle – zwischen dem Globalen Süden und den Industrieländern des Nordens. Ziel sei es, BRICS nicht als Gegenpol zum Westen zu positionieren, sondern als Plattform für einen inklusiven Multilateralismus.
Die USA betrachten BRICS hingegen zunehmend mit Misstrauen. Trump drohte jüngst mit zusätzlichen 10-prozentigen Zöllen gegen Länder, die sich der von ihm als „antiamerikanisch“ eingestuften Agenda der Gruppe anschließen. Besonders kritisch sieht Washington BRICS-Initiativen zur Finanzierung in lokalen Währungen und die Forderung nach einer Reform der globalen Institutionen wie der WTO und der Bretton-Woods-Strukturen.
Trotz solcher Spannungen bleibt Indonesien seinem traditionellen außenpolitischen Kurs treu: aktiv, unabhängig und neutral. Bereits 2019 hatte Jakarta mit dem „ASEAN Outlook on the Indo-Pacific“ (AOIP) einen inklusiven Regionalansatz vorgestellt, der sowohl China als auch die USA einbindet. Auch im Bereich der Rohstoffindustrie, insbesondere beim strategisch wichtigen Nickel, suchte Indonesien aktiv die Kooperation mit den Vereinigten Staaten – bislang vergeblich.
Eine aktuelle Analyse des Foreign Affairs Magazine hebt hervor, dass Indonesien unter den ASEAN-Staaten eine der effektivsten Strategien des diplomatischen Gleichgewichts verfolgt. Im „Anatomy of Choice Alignment Index“ erzielte Jakarta einen Mittelwert von 49 – ein klarer Hinweis auf die sorgfältige Balance zwischen Washington und Peking.
Prabowos Appell, Indonesien als Vermittler zwischen den Blöcken zu etablieren, dürfte daher international auf offene Ohren stoßen. Denn während BRICS mit wachsender Schlagkraft Reformen fordert, besteht zugleich das Risiko einer weiteren Polarisierung. Indonesien will dieser Entwicklung entgegenwirken – und sich als moderierender Akteur einer multipolaren Weltordnung positionieren.
Fazit:
Indonesien stellt sich nicht auf eine Seite – es strebt danach, eine neue Rolle zu definieren: die eines Brückenbauers in einer fragmentierten Weltordnung. Mit Präsident Prabowo an der Spitze wird Jakarta diesen Weg auch unter schwierigen geopolitischen Bedingungen weiterverfolgen.
STIN // AI