Indien – Beim Absturz eines Air-India-Dreamliners am 12. Juni, bei dem 260 Menschen ums Leben kamen, wurden offenbar kurz vor dem Aufprall die Triebwerke abgeschaltet. Das geht aus einem vorläufigen Bericht des indischen Amtes für Flugunfalluntersuchungen hervor, der am Samstag veröffentlicht wurde. Die Maschine vom Typ Boeing 787-8 war auf dem Weg von Ahmedabad nach London, als sie wenige Minuten nach dem Start abstürzte.

Der Bericht, der noch keine endgültigen Schlussfolgerungen zieht, beschreibt ein dramatisches Szenario im Cockpit: Die sogenannten Treibstoffkontrollschalter beider Triebwerke wechselten fast gleichzeitig von „RUN“ (Betrieb) auf „CUTOFF“ (Abschaltung) – innerhalb einer Sekunde. Eine Cockpit-Aufzeichnung dokumentiert, wie ein Pilot seinen Kollegen fragt, warum er die Triebwerke abgeschaltet habe. Die Antwort: „Ich habe das nicht getan.“

Nach dem abrupten Leistungsverlust sackte die Maschine schnell ab. Zwar wurden die Schalter offenbar wieder auf „RUN“ gestellt, die Triebwerke gewannen kurzzeitig an Leistung – doch der anschließende Notruf „MAYDAY, MAYDAY, MAYDAY“ lässt auf einen aussichtslosen Zustand schließen. Die Fluglotsen, die umgehend Rettungskräfte alarmierten, beobachteten den Absturz der Maschine.

An Bord befanden sich 242 Menschen, darunter 230 Passagiere aus Indien, Großbritannien, Portugal und Kanada sowie 12 Crewmitglieder. Zusätzlich kamen 19 Menschen am Boden ums Leben. Dutzende weitere wurden verletzt. Ein britischer Passagier überlebte wie durch ein Wunder und konnte das Krankenhaus mittlerweile verlassen.

Wie die Fachseite „The Air Current“ zuvor berichtet hatte, liegt der Fokus der Ermittlungen derzeit auf den Treibstoffschaltern. Eine vollständige Analyse könne jedoch Monate dauern, heißt es aus Ermittlerkreisen. Offen bleibt bislang, warum die Schalter überhaupt betätigt wurden – unbeabsichtigt, durch ein technisches Versagen oder menschliches Versagen?

Brisant: Die US-Luftfahrtbehörde FAA hatte bereits 2018 ein Bulletin zur möglichen Deaktivierung einer Sperrfunktion der Treibstoffschalter veröffentlicht. Zwar wurde dies nicht als sicherheitskritischer Mangel eingestuft, dennoch führte Air India die empfohlenen Inspektionen nicht durch. Der Bericht betont allerdings, dass alle verbindlichen Sicherheitsvorgaben eingehalten wurden.

Hinweise auf ein technisches Versagen an den Triebwerken des Typs GE GEnx-1B oder am Flugzeug selbst gebe es bisher nicht, betonen die Ermittler. Entsprechend wurden bislang auch keine Warnhinweise oder Handlungsempfehlungen für Betreiber oder Hersteller ausgesprochen.

An der Untersuchung sind neben indischen Behörden auch Experten aus den USA und Großbritannien beteiligt. Die ICAO, die Luftfahrtorganisation der Vereinten Nationen, verlangt die Vorlage eines ersten Berichts innerhalb von 30 Tagen nach einem Unfall – dieser Pflicht ist Indien nun nachgekommen.

Die Ermittlungen zum Absturz dauern an. Boeing erklärte, man unterstütze die Untersuchungen weiterhin vollumfänglich. „Unsere Gedanken sind bei den Opfern dieser tragischen Katastrophe“, teilte der Flugzeughersteller mit.

 

Redaktion STIN // CTN-Media

Von stin

{title}
WP Twitter Auto Publish Powered By : XYZScripts.com