Blockfreiheit im Stresstest: Südostasiens Balanceakt in einer gespaltenen Welt
Die Rückkehr geopolitischer Rivalitäten zwingt Südostasiens Staaten zu einem Drahtseilakt. Für Indonesien und Vietnam – beides Länder mit einer langen Tradition blockfreier Außenpolitik – wird es zunehmend schwieriger, zwischen den Großmächten zu lavieren. Angesichts verschärfter US-Sanktionen, einer unberechenbaren zweiten Trump-Präsidentschaft und der verstärkten Rolle des BRICS-Bündnisses in der globalen Ordnung, suchen beide Nationen nach neuen außenpolitischen Wegen.
Im Juni 2025 wurde Vietnam als Partnerland in den Kreis der BRICS-Staaten aufgenommen – ein symbolträchtiger Schritt, der auf eine tiefere strategische Öffnung gegenüber dem Block hindeutet. Indonesien ging sogar weiter: Bereits im Januar wurde das Land Vollmitglied und macht damit deutlich, dass es in einer zunehmend fragmentierten Weltordnung eigene Akzente setzen will.
Zwischen Rivalitäten und Reformen
Lange Zeit galt die Außenpolitik Vietnams und Indonesiens als Paradebeispiel für strategische Autonomie. Doch die Zeiten ändern sich. Der technologische Wettstreit zwischen den USA und China, zunehmende Handelsbarrieren und rivalisierende Infrastrukturprojekte zwingen Länder wie Vietnam und Indonesien, ihre Optionen neu zu bewerten.
Besonders Vietnam gerät unter Druck: Die USA fordern eine geringere Abhängigkeit von chinesischen Zulieferern – ein schwieriges Unterfangen für ein Land, dessen exportorientierte Wirtschaft eng mit China verflochten ist. Neue US-Zölle auf vietnamesische Produkte verschärfen die Lage zusätzlich. Im Juni kündigte Trump eine Abgabe von 20 Prozent auf vietnamesische Exporte an, für Güter mit chinesischem Ursprung sogar 40 Prozent. Der wirtschaftspolitische Spielraum Hanois schrumpft.
Indonesiens Aufstieg – mit diplomatischen Dissonanzen
Auch Jakarta steht vor einem außenpolitischen Kurswechsel. Unter Präsident Prabowo Subianto zeigt sich Indonesien international offensiver, aber auch widersprüchlicher. Ein demonstrativ herzlicher Anruf bei Trump im Wahljahr sorgte innenpolitisch für Irritationen. Der darauffolgende Besuch in Moskau verstärkte den Eindruck, Jakarta wolle sich aus der Umklammerung westlicher Narrative lösen – auch um sich Spielräume gegenüber Washington und Peking zu sichern.
Mit dem Beitritt zu BRICS sendet Indonesien ein deutliches Signal: Jakarta will nicht zwischen den Blöcken wählen, sondern selbst eine gestaltende Rolle im internationalen System einnehmen. Diplomatische Akteure sprechen von einer pragmatischen Ausrichtung, bei der Kooperation vor Konfrontation steht – insbesondere in Fragen von Technologie, Finanzreform und nachhaltiger Entwicklung.
Vietnams vorsichtiger Pragmatismus
Vietnam bleibt zurückhaltender – und doch strategisch nicht weniger aktiv. Der Partnerstatus innerhalb von BRICS verschafft Hanoi Zugang zu Investitions- und Kooperationsprojekten, ohne sich politisch vollständig festzulegen. Premierminister Pham Minh Chinh betonte beim BRICS-Gipfel in Rio de Janeiro die Bedeutung gemeinsamer digitaler Infrastrukturen, nachhaltiger Entwicklung und einer menschenzentrierten KI-Governance.
In Hanois außenpolitischem Denken bleibt das Konzept der „Bambusdiplomatie“ zentral – flexibel, widerstandsfähig, aber nie orientierungslos. Zwischen den engen Wirtschaftsbeziehungen zu China und den sicherheitspolitischen Verflechtungen mit den USA, Japan und Indien bleibt BRICS ein Forum, das Optionen eröffnet – nicht Verpflichtungen.
Mittelmächte in Bewegung
Weder Indonesien noch Vietnam betrachten BRICS als ideologischen Gegenpol zum Westen. Vielmehr sehen sie darin ein Instrument zur Stärkung ihrer Position als Mittelmächte. Für Indonesien bietet die Mitgliedschaft einen Rahmen, um globale Strukturreformen voranzutreiben – von der Reform multilateraler Institutionen bis hin zur digitalen Ordnungspolitik.
Vietnam wiederum nutzt das Netzwerk, um seine grüne und digitale Agenda voranzutreiben. 2024 stieg der Anteil von Elektrofahrzeugen an Neuwagenverkäufen auf 22 Prozent, mit inländischen Herstellern wie VinFast an der Spitze. BRICS könnte helfen, neue Märkte in Südamerika und Afrika zu erschließen – jenseits westlich dominierter Handelsräume.
Fazit: Ein dritter Weg mit offenem Ausgang
Inmitten globaler Verwerfungen und wachsender Blockbildung suchen Indonesien und Vietnam einen dritten Weg – nicht als Zaungäste der Geschichte, sondern als Akteure mit eigenen Prioritäten. BRICS bietet ihnen dabei keine Garantie, wohl aber eine Plattform.
Ob diese Allianz der Mittelmächte mehr sein kann als ein Gegengewicht zum Westen, hängt davon ab, ob sie konkrete Impulse liefern kann – in Bereichen wie KI, Klima, Handel und Sicherheit. Klar ist: Die Entscheidungen von Jakarta und Hanoi werden weit über Südostasien hinausstrahlen. Sie könnten zu Wegmarken einer neuen multipolaren Weltordnung werden.