In einer Zeit tiefgreifender geopolitischer Umbrüche markiert die außenwirtschaftliche Kehrtwende der Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump einen Wendepunkt für die globale Ordnung. Von einem jahrzehntelangen Engagement für offene Märkte und multilaterale Zusammenarbeit hat sich Washington zunehmend einem protektionistischen Kurs verschrieben – mit erheblichen Folgen für die weltweite wirtschaftliche Stabilität.

„Zölle sind für mich das schönste Wort im Wörterbuch“, erklärte Trump zu Beginn des Jahres und signalisierte damit den Fortbestand seiner handelspolitischen Hardliner-Strategie, sollte er erneut ins Weiße Haus einziehen. Die Konsequenzen dieser Politik – von Sekundärzöllen bis hin zu neuen Handelsbarrieren – treffen nicht nur traditionelle US-Partner, sondern auch wirtschaftlich aufstrebende Länder des Globalen Südens.

Die geopolitische Unsicherheit, die daraus resultiert, hat die Suche nach alternativen Kooperationsformaten verstärkt – insbesondere unter den BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Der Block erweitert seinen Einfluss, insbesondere durch neue Partnerschaften mit Ländern wie Thailand, das Anfang 2025 offiziell BRICS-Partnerland wurde.

Doch Thailands Position ist alles andere als gefestigt. Die innenpolitische Lage ist angespannt: Premierministerin Paetongtarn Shinawatra wurde suspendiert, und es droht ein Machtvakuum, während ihr Vater, Thaksin Shinawatra, nach 17 Jahren Exil wieder verstärkt auf der politischen Bühne auftritt.

Im außenpolitischen Kontext hingegen sucht Thailand aktiv neue Allianzen. Während die Verhandlungen mit den USA über eine Zollsenkung bislang wenig erfolgreich verliefen, intensiviert Bangkok seine Beziehungen zu Indien – einem aufstrebenden BRICS-Mitglied und künftigem Gastgeber des BRICS-Gipfels 2026. Indiens wachsende wirtschaftliche und geopolitische Bedeutung sowie die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Modi und Trump verschaffen Neu-Delhi einen strategischen Vorteil – auch im Hinblick auf die potenzielle Einführung sekundärer US-Zölle gegen Länder mit engen Verbindungen zu Russland.

Für Thailand ist Indien damit mehr als nur ein Wirtschaftspartner. Es ist ein geopolitisches Gegengewicht in einem sich wandelnden internationalen Umfeld. Im Zentrum steht die Frage: Kann die verstärkte Kooperation zwischen Thailand und Indien innerhalb des BRICS+-Rahmens helfen, den Risiken eines globalen Protektionismus zu begegnen?

Die Antwort darauf dürfte weitreichende Folgen haben. Beide Länder sind in einer Vielzahl multilateraler Foren verbunden – von ASEAN über BIMSTEC bis zur Mekong-Ganga-Kooperation. Diese Plattformen bieten Raum für wirtschaftliche Integration, Sicherheitsdialoge und technologische Zusammenarbeit.

Vor allem wirtschaftlich gibt es Synergien: Indiens Rolle in globalen Lieferketten, sein Fortschritt in Schlüsseltechnologien wie Quantencomputing und seine grüne Transformation – etwa mit dem Ziel der Netto-Null-Emission bis 2070 – passen zur strategischen Ausrichtung Thailands. Der kürzlich überarbeitete thailändische Energieplan strebt bis 2050 einen Anteil von 50 % erneuerbarer Energien an. Indisches Know-how könnte diesen Wandel entscheidend unterstützen.

Gleichzeitig zeigt sich Indien als treibende Kraft in der Süd-Süd-Kooperation – mit Initiativen wie dem BRICS-Impfstoffzentrum – und stärkt so seine Stellung als Partner im Globalen Süden.

Doch Thailands Spielraum bleibt begrenzt. Die sogenannte „Bambusdiplomatie“, also der Versuch, zwischen allen Großmächten ausgewogen zu manövrieren, stößt an Grenzen – vor allem, wenn Menschenrechtsfragen ins Spiel kommen. Die jüngste Abschiebung uigurischer Flüchtlinge hat die Beziehungen zu den USA belastet und zeigt: Handelsfragen sind oft untrennbar mit politischer Glaubwürdigkeit verknüpft.

Während Premierminister Modi Indien vor dem US-Kongress als „Mutter der Demokratie“ inszeniert, steht Thailand vor der Herausforderung, seine eigene demokratische Glaubwürdigkeit zu behaupten – nicht nur im Westen, sondern auch gegenüber gleichgesinnten Partnern im BRICS-Format.

Die wachsende strategische Nähe zwischen Thailand und Indien könnte ein Schlüssel dafür sein, wie mittelgroße Staaten künftig auf die tektonischen Verschiebungen in der Weltwirtschaft reagieren. Zwischen geopolitischem Druck, innenpolitischer Unsicherheit und multipolaren Ambitionen eröffnet sich für beide Länder die Chance, gemeinsam für eine inklusivere Weltordnung einzutreten – fernab der dominanten Narrative aus Washington, Moskau oder Peking.

Dr. Titipol Phakdeewanich ist Politikwissenschaftlerin an der Fakultät für Politikwissenschaft der Universität Ubon Ratchathani in Thailand. Prof. Reena Marwah ist Autorin des Buches „Reimagining India–Thailand Relations: A Multilateral and Bilateral Perspective“ (World Scientific, Singapur, 2020). Sie ist ehemalige Professorin für International Business an der Universität Delhi und derzeit Generalsekretärin der Association of Asia Scholars in Indien.

 

STIN // AI

Von stin

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