Bangkok/Phnom Penh – Der jüngste Grenzkonflikt mit Kambodscha hat die politische Landschaft in Thailand ins Wanken gebracht – und zugleich den ohnehin mächtigen Streitkräften weiteren Auftrieb verschafft. Während die Kämpfe entlang der gemeinsamen Grenze dutzende Menschenleben forderten, geriet die Zivilregierung unter Premierministerin Paetongtarn Shinawatra massiv unter Druck.

Seit Jahrzehnten spielt das Militär in Thailand eine dominierende Rolle: Mindestens zwölf Putsche seit 1931, zuletzt 2014, prägen das politische Gedächtnis. Erst 2019 kehrte nach fast einem 5 Jahren Junta-Herrschaft eine Zivilregierung ins Amt zurück. Doch die Kontrolle der Generäle blieb schwach – und sie schwindet nun weiter.

Kämpfe an der Grenze – politische Erschütterungen in Bangkok
Die Spannungen mit Kambodscha, die seit 2024 schwelten, eskalierten im April, als ein kambodschanischer Soldat bei einem Feuergefecht getötet wurde. Ende Juli folgten fünf Tage intensiver Gefechte mit über 40 Toten und Hunderten Verletzten. Zwar einigten sich beide Länder auf einen Waffenstillstand, doch Beobachter warnen vor brüchigen Vereinbarungen und wachsendem militärischem Eigenmächtigkeit.

„Das Militär hat nun faktisch freie Hand, mit minimaler ziviler Kontrolle zu agieren“, sagt Napon Jatusripitak vom ISEAS-Yusof-Ishak-Institut.

Regierungskrise nach diplomatischem Fehltritt
Ausgerechnet in der angespannten Lage suchte Premierministerin Paetongtarn Shinawatra im Juni den direkten Draht zu Kambodschas politischem Schwergewicht Hun Sen. Ihr respektvoller Ton – sie sprach ihn als „Onkel“ an – und ihre Kritik am eigenen Militär sorgten in Bangkok für Empörung.

Kurz darauf trat die konservative Bhumjaithai-Partei aus der Regierungskoalition aus, die Premierministerin wurde wegen Hochverratsvorwürfen vom Verfassungsgericht suspendiert. Das Militär besetzte Schlüsselposten, darunter das Verteidigungsministerium.

Militär im Aufwind – Vertrauen in Regierung schwindet
Meinungsumfragen bestätigen den Trend: Die Mehrheit der Thailänder vertraut dem Militär mehr als der Zivilregierung, wenn es um die nationale Sicherheit geht. Nationalistische Rhetorik in sozialen Medien verstärkt den Rückhalt der Generäle.

„In den Grenzregionen herrscht de facto Kriegsrecht“, warnt Thailand-Experte Paul Chambers. Soldaten handelten zunehmend ohne Rücksprache mit der Regierung.

Ungewisse Zukunft – Gefahr einer Rückkehr der Junta
Das politische Schicksal Thailands hängt nun auch von anstehenden Gerichtsurteilen gegen Paetongtarn Shinawatra und ihren Vater Thaksin ab. Ein politisches Aus für den Shinawatra-Clan könnte konservativen und militärnahen Kräften Tür und Tor öffnen – möglicherweise sogar für ein Comeback des früheren Premierministers General Prayut Chan-ocha.

Analysten halten einen erneuten Putsch zwar für unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Klar ist: Der Grenzkonflikt hat das Militär gestärkt – und die Zivilregierung in ihre schwerste Krise seit dem Machtwechsel 2023 gestürzt.

 

STIN // AI

Von stin

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