Angesichts drohender US-Strafzölle rückt Indien enger an China und Russland heran – und betont zugleich seine strategische Unabhängigkeit. Premierminister Narendra Modi versucht, die Balance zwischen Rivalität und Kooperation in einer zunehmend angespannten Weltordnung zu halten.
Annäherung an China
Beim Besuch des chinesischen Außenministers Wang Yi in Neu-Delhi vereinbarten beide Länder neue Gespräche über den Grenzverlauf im Himalaya sowie die Wiederaufnahme von Direktflügen. Auch Pilgerreisen nach Tibet sollen erleichtert werden. „Seit meinem Treffen mit Präsident Xi Jinping in Kazan haben die Beziehungen stetige Fortschritte gemacht“, erklärte Modi auf X. Die Schritte deuten auf eine vorsichtige Entspannung zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Welt hin.
Druck aus Washington
Die US-Regierung wirft Indien und China vor, russisches Öl zu importieren und damit Moskau indirekt zu stützen. Für Indien sollen am 27. August zusätzliche Zölle von 25 Prozent in Kraft treten – eine Maßnahme, die Neu-Delhi als „ungerechtfertigt“ zurückweist. Während Washington und Peking über einen Aufschub verhandeln, richtet Indien den Blick verstärkt auf regionale Partner.
Fester Draht nach Moskau
Unmittelbar nach den Gesprächen mit Wang Yi reiste Indiens Außenminister Subrahmanyam Jaishankar nach Moskau zu Sergej Lawrow. Auch Sicherheitsberater Ajit Doval war kürzlich dort. Ein Besuch von Präsident Wladimir Putin Anfang September in Indien gilt als wahrscheinlich. Im Zentrum steht der Ölhandel – Neu-Delhi erwägt, russisches Rohöl zu noch günstigeren Konditionen einzukaufen.
Strategische Autonomie als Leitmotiv
Beobachter sehen in Modis Kurs den Versuch, Indiens Handlungsspielräume zu sichern. „Das zunehmende Engagement mit China muss nicht zwangsläufig als Antwort auf Spannungen mit den USA verstanden werden“, sagt China-Experte Aravind Yelery. Vielmehr wolle Indien seine Abhängigkeit von Washington reduzieren und die multilateralen Plattformen BRICS und SCO stärker nutzen.
Schwieriger Partner USA
Trotz der Zölle bleiben die Vereinigten Staaten für Indien ein zentraler strategischer und wirtschaftlicher Verbündeter. Ex-Diplomatin Meera Shankar kritisiert jedoch die Doppelstandards: Europa importiere deutlich mehr Energie aus Russland als Indien. Auch Ajay Bisaria, früherer Botschafter, betont, Indien müsse die Partnerschaft mit den USA pflegen – und womöglich ein Treffen Modis mit Präsident Trump am Rande des Quad-Gipfels vorbereiten.
Balanceakt im geopolitischen Spannungsfeld
Während Modi Ende August am Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit teilnimmt, wächst der Druck, eine außenpolitische Linie zwischen Washington, Moskau und Peking zu finden. Indien will nicht wählen müssen – sondern auf mehreren Bühnen zugleich agieren.
STIN // AI