Der fünftägige Grenzkrieg mit Thailand hat Kambodscha nicht nur militärisch erschüttert, sondern auch die politische Bühne neu geordnet. Hun Sen, offiziell seit zwei Jahren nicht mehr Premierminister, bleibt weiterhin der zentrale Machtfaktor des Landes – und steuert seine Außenpolitik mit kalkulierter Doppelstrategie.

Am 23. August erinnerte Hun Sen auf Facebook daran, dass er die Amtsgeschäfte 2023 an seinen Sohn Hun Manet übergeben habe. „Zwei Jahre sind genug Zeit, um die Führung der neuen Generation zu verstehen“, schrieb er – ein klarer Hinweis auf seine Familie und enge Vertraute der regierenden Kambodschanischen Volkspartei (CPP). De facto kontrolliert der langjährige Machthaber das Land weiterhin als Parteichef, Senatspräsident und Vorsitzender des Kronrats.

Krieg als Schwächeoffenbarung

Der jüngste Konflikt mit Thailand offenbarte die Schwächen des kambodschanischen Militärs: schwere Verluste, schlecht ausgerüstete Truppen und Soldaten, die via Facebook um Spenden für Motorräder und Hilfsgüter baten. Oppositionelle im Exil warfen Hun Sen vor, wichtige Tempel- und Grenzposten an die thailändische Armee verloren zu haben. Der Kontrast zwischen dem Reichtum der Hun-Familie und der prekären Lage der Frontsoldaten befeuerte die Kritik.

Politische Ablenkungsmanöver

Um von den militärischen Rückschlägen abzulenken, inszenierte Hun Sen landesweite „Dankmärsche“ an US-Präsident Donald Trump. Offiziell sollten diese Washingtons Unterstützung für die Freilassung von 18 gefangenen kambodschanischen Soldaten einfordern – faktisch dienten sie dazu, der Bevölkerung außenpolitische Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.

Diese pro-amerikanischen Gesten fallen in eine Phase wachsender militärischer Kontakte zwischen den USA und Kambodscha. Am 25. August wird eine US-Flotte im Stützpunkt Ream erwartet, nur wenige Monate nach dem Anlauf eines US-Kriegsschiffs in Sihanoukville. Damit knüpft Washington an frühere Kooperationen an, die 2017 wegen der Zerschlagung der Opposition in Kambodscha eingefroren wurden.

Balanceakt zwischen Großmächten

Trotz dieser Annäherung an die USA bleibt Hun Sens Nähe zu China und Vietnam unübersehbar. Peking darf den strategischen Stützpunkt Ream weiter ausbauen, und König Norodom Sihamoni sowie Königinmutter Monineath reisten jüngst erneut zu medizinischen Untersuchungen nach China – ein symbolträchtiges Zeichen enger Beziehungen.

Auch Vietnam bleibt ein zentraler Partner: Hun Manet wird Anfang September als Ehrengast an den Feierlichkeiten zum 80. Nationalfeiertag in Hanoi teilnehmen. Bereits am 21. August hatte Hun Sen persönlich den Jahrestag der vietnamesischen Augustrevolution in Phnom Penh mitgefeiert.

Fazit

Analysten sehen in Hun Sens Politik weniger eine Abkehr von China als vielmehr den Versuch, auf mehreren internationalen Bühnen gleichzeitig präsent zu sein. Zwischen Washington, Peking und Hanoi sucht er nach einem Gleichgewicht, das die Macht seiner Familie im Inneren absichert. Angesichts der militärischen Niederlagen und wachsender öffentlicher Kritik könnte diese außenpolitische Balance zu einem entscheidenden Rettungsanker werden.

 

STIN // AI

Von stin

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