Am 1. Oktober tritt Vitai Ratanakorn, bislang Präsident der staatlichen Government Savings Bank (GSB), sein Amt als Gouverneur der Bank of Thailand (BoT) an. Er folgt auf Sethaput Suthiwartnarueput, dessen fünfjährige Amtszeit Ende September ausläuft. Der Wechsel fällt in eine Phase wachsender Unsicherheit – politisch wie wirtschaftlich.

Hohe Erwartungen und drängende Aufgaben

Thailands neue Zentralbankspitze sieht sich mit einem Berg von Herausforderungen konfrontiert: die fragile politische Lage, die Wahrung der Unabhängigkeit der Notenbank, eine bessere Abstimmung mit der Fiskalpolitik sowie die Sorge um Staatsverschuldung und Haushaltsdisziplin. Dazu kommen strukturelle Wachstumshemmnisse, ein starker Baht, zunehmende notleidende Kredite bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) und die Belastungen durch US-Zölle.

„Vitai bringt Erfahrung in der Unterstützung von Geringverdienern und KMU mit, die Erwartungen an seine Führung sind entsprechend hoch“, sagt Amonthep Chawla, Chefökonom der CIMB Thai Bank. Ob er diese Stärken auch in der Steuerung der Makroökonomie ausspielen kann, bleibe jedoch abzuwarten, so Ökonom Kiatanantha Lounkaew von der Thammasat-Universität.

Balance zwischen Regierung und Unabhängigkeit

Beobachter erwarten von Vitai eine enge Zusammenarbeit mit der neuen Regierung unter Premier Anutin Charnvirakul – warnen jedoch zugleich vor einer Verwässerung der Autonomie der Zentralbank. „Jeder Zweifel an ihrer Unabhängigkeit könnte das Vertrauen von Öffentlichkeit und Investoren untergraben“, mahnt Kiatanantha.

Forderungen aus Wirtschaft und Industrie

Aus dem Exportsektor kommen Appelle, die Koordinierung zwischen Regierung und BoT zu verbessern. „Der Export ist nach wie vor der Wachstumsmotor Thailands, leidet aber unter der Volatilität des Baht und globaler Unsicherheit“, erklärt Dhanakorn Kasetrsuwan vom Thai National Shippers’ Council. Er fordert neben Konjunkturmaßnahmen eine Zinspolitik, die Unternehmen entlastet, ohne die Stabilität zu gefährden.

Auch aus der Tourismus- und Immobilienbranche werden Stimmen laut: Ein zu starker Baht erschwere die Wettbewerbsfähigkeit, während strenge Kreditvergaberegeln den Zugang zu Hypotheken und Krediten für KMU erschwerten. Forderungen reichen von Zinssenkungen über flexiblere Kreditregeln bis hin zu gezielten Unterstützungsprogrammen.

Schulden als Dauerproblem

Besonders drängend bleibt die hohe Verschuldung von Haushalten und KMU. Laut BoT beliefen sich die Verbindlichkeiten im ersten Quartal 2025 auf 87,4 Prozent des BIP – informelle Schulden nicht eingerechnet. Die Industrie sieht hier Handlungsbedarf. „Die Lösung sowohl formeller als auch informeller Schulden muss zur nationalen Agenda werden“, betont Kriengkrai Thiennukul, Vorsitzender des thailändischen Industrieverbandes FTI.

Zentrale Frage: Stabilität oder Wachstumsimpulse?

Während Exporteure einen schwächeren Baht verlangen und KMU auf niedrigere Zinsen hoffen, warnen Ökonomen vor vorschnellen Lockerungen. „Die Priorität der Zentralbank muss die wirtschaftliche Stabilität bleiben“, so Kiatanantha.

Vitai Ratanakorn steht damit vor einem Drahtseilakt: Er muss das Vertrauen in die Währung und die Finanzmärkte sichern, gleichzeitig aber Wachstum stützen und den Druck auf hochverschuldete Haushalte lindern. Wie er diese Balance hält, wird nicht nur von Investoren und Politikern genau beobachtet – sondern von einem ganzen Land.

 

STIN // AI

Von stin

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