Tokio steht vor einem historischen Wendepunkt: Mit Sanae Takaichi könnte Japan erstmals eine Frau zur Premierministerin wählen – ein Meilenstein für das Land, aber auch ein geopolitischer Testfall. Denn Takaichi, die sich selbst als Japans Margaret Thatcher sieht, bringt eine konservative Agenda mit, die in Nordostasien für Unruhe sorgt.
Als neue Vorsitzende der Liberaldemokratischen Partei (LDP) und designierte Regierungschefin steht Takaichi nicht nur vor innenpolitischen Herausforderungen – etwa dem Fehlen einer parlamentarischen Mehrheit – sondern auch vor einer außenpolitischen Gratwanderung. Ihre nationalistische Haltung, gepaart mit sicherheitspolitischer Nähe zu Taiwan, stößt insbesondere in Peking auf Skepsis. Das chinesische Außenministerium warnte bereits vor einer „gefährlichen Provokation“ und forderte die Einhaltung bilateraler Vereinbarungen.
Auch Nordkorea reagiert mit eisigem Schweigen – ein Zeichen tiefer Ablehnung. Pjöngjang betrachtet Japan traditionell als Feind und kritisiert dessen trilaterale Sicherheitskooperation mit den USA und Südkorea scharf. Kim Jong Un sprach gar von einem „NATO-ähnlichen Militärblock“, der die regionale Stabilität gefährde.
Südkorea hingegen zeigt sich vorsichtig optimistisch. Präsident Lee Jae-myung verfolgt einen pragmatischen Kurs und betont Japans wachsende Rolle als Sicherheitspartner. Dennoch bleibt Misstrauen bestehen – insbesondere wegen Takaichis früherer Aussagen zur „Trostfrauen“-Frage und ihrer Besuche des umstrittenen Yasukuni-Schreins.
Russland hält sich ebenfalls bedeckt. Angesichts der Kurilen-Streitigkeiten, der Ukraine-Invasion und der militärischen Annäherung an China ist kaum mit einer positiven Haltung gegenüber Takaichi zu rechnen. Ihre Äußerungen zur Ukraine und zu russischen Militärbasen auf den Kurilen lassen wenig Spielraum für diplomatische Annäherung.
Einziger Lichtblick: Taiwan. Präsident Lai Ching-te lobte Takaichi als „treue Freundin“ und kündigte eine vertiefte Partnerschaft an. Experten sehen in ihr die „taiwanfreundlichste japanische Regierungschefin seit dem Zweiten Weltkrieg“.
Die USA unter Präsident Trump dürften Takaichi zu mehr außenpolitischem Engagement drängen – auch unilateral. Doch Japans neue Regierungschefin muss abwägen: zwischen nationaler Selbstbehauptung und regionaler Kooperation. Ihre Entscheidungen werden nicht nur Japans Zukunft prägen, sondern auch das fragile Gleichgewicht in Nordostasien neu justieren.
STIN // AI