Es ist ein Moment, den niemand im Tempel Wat Rat Prakong Tham je vergessen wird: Ein dumpfes Klopfen aus einem Sarg – Sekunden bevor eine 65-jährige Frau eingeäschert werden sollte. Was wie der Auftakt zu einer makabren Legende klingt, hat sich am Sonntagmorgen im Bezirk Bang Yai bei Bangkok tatsächlich ereignet.
Dabei schien alles eindeutig: Am Vortag hatten Angehörige und Dorfbeamte in der Provinz Phitsanulok den Tod von Chonthirat Sakulkoo bestätigt. Ihre Atmung sei ausgesetzt, ihr Körper reglos gewesen. Der Dorfvorsteher unterschrieb die notwendigen Dokumente. Ihr Bruder Mongkol handelte schnell – auch aus Sorge vor Verwesung, da der Körper nicht mit Formalin behandelt worden war. Er verließ sein Haus um 3 Uhr morgens und erreichte Bangkok sieben Stunden später, in der Hoffnung, die Leiche seiner Schwester an das Chulalongkorn-Universitätskrankenhaus zu spenden.
Doch dort scheiterte der Plan: Ohne Autopsiebericht durfte das Krankenhaus den Körper nicht annehmen. Die Polizei verwies ihn weiter, Zeit ging verloren. Mongkol entschied sich für den Tempel in Nonthaburi, der kostenlose Einäscherungen anbietet. Der Sarg wurde vorbereitet, der Ofen stand bereit.
Dann das Geräusch.
Tempelmitarbeiter hörten Klopfen – ein unerklärliches, erschütterndes Geräusch aus dem Inneren des Sarges. Als sie den Deckel öffneten, sahen sie, wie sich Chonthirat bewegte. Sofort wurden Vitalwerte gemessen: Puls – vorhanden. Atmung – vorhanden. Die Frau lebte.
In einem Rettungswagen wurde sie ins Bang-Yai-Krankenhaus gebracht, wo Ärzte das Unfassbare erklärten: Kein Herzstillstand. Kein Atemstillstand. Stattdessen: eine schwere Hypoglykämie, ein gefährlich niedriger Blutzucker, der zu einem todesähnlichen Zustand geführt hatte. Nach der Behandlung stabilisierte sich Chonthirats Zustand rasch. Am selben Abend erklärten die Ärzte sie sogar für entlassungsfähig – später entschieden die Behörden, sie vorerst weiter zu beobachten.
Für Tempelkassierer Pairat Sudthup, der Tausende von Einäscherungen begleitet hat, war dieser Vorfall ein Novum. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte er. Der gesamte Moment wurde per Livestream auf der Facebook-Seite des Tempels dokumentiert und löste landesweit Fassungslosigkeit aus.
Mongkol selbst blieb ruhig – zu ruhig für viele Beobachter. Er erklärte, seine Gelassenheit rühre von seiner langen Erfahrung in der Pflege älterer Menschen her. Doch auch er gab zu, dass er mit einem solchen Ausgang nie gerechnet hatte.
Krankenhausakten und Aussagen von Behörden zeigen: Der Ablauf entsprach allen medizinischen und rechtlichen Standards. Die Ärzte bestätigen, dass Hypoglykämie in seltenen Fällen zu einem Zustand führen kann, der Laien wie ein Tod erscheint.
Chonthirat befindet sich weiterhin in stabiler Verfassung. Eine Rückkehr nach Phitsanulok ist geplant – sobald die Ärzte grünes Licht geben.
In Thailand gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Fälle, in denen Menschen fälschlicherweise für tot gehalten wurden. Doch dass jemand kurz vor der Einäscherung wieder zu Bewusstsein kommt, ist ein Ereignis, das selbst erfahrene Tempel- und Krankenhausmitarbeiter sprachlos macht.
Ein Klopfen aus einem Sarg – und eine ganze Gemeinschaft hält den Atem an.
STIN // AI