Vietnam gehört laut einem neuen Bericht der Carnegie Endowment for International Peace zu den größten Empfängern chinesischer Polizeiausbildung – direkt hinter Laos und Myanmar. Dass Hanoi auf Pekings Expertise im Bereich öffentlicher Sicherheit setzt, überrascht kaum: Beide Regime teilen die Angst vor „feindlichen“ äußeren Kräften und inneren Dissensen.
Doch während Vietnam seit Jahren chinesisches Know-how annimmt, hielt es sich bislang von chinesischer Hardware fern – aus Sorge um die eigene innere Sicherheit. Umso bemerkenswerter ist die Nachricht vom 28. November: Huawei und ZTE erhielten Verträge über mehr als 40 Millionen US-Dollar zur Lieferung von 5G-Ausrüstung. Ein Bruch mit der bisherigen Linie, die auf westliche Anbieter wie Ericsson, Nokia und Qualcomm setzte.
Für Peking wie für Hanoi gilt: Nationale Sicherheit bedeutet Regimesicherheit. Xi Jinpings „umfassendes nationales Sicherheitskonzept“ hat China zum globalen Exporteur von Überwachungstechnologie gemacht. In Vietnam wiederum ist To Lam, der neue Generalsekretär der Kommunistischen Partei, ein Mann der Sicherheitsapparate. Als früherer Minister für öffentliche Sicherheit baute er das Ministerium aus, trieb die Antikorruptionskampagne „Burning Furnace“ voran und verschärfte mit einem Cybersicherheitsgesetz die staatliche Kontrolle über Daten.
Die sicherheitspolitische Kooperation mit China ist eng, bleibt aber intransparent. Zwischen 2000 und 2024 nahm Vietnam an rund 50 chinesischen Polizeiausbildungen teil. Für Peking sind solche Programme diplomatische Erfolge, für Hanoi ein Werkzeug zur Stärkung der eigenen Autorität. Doch die Skepsis bleibt: Der letzte Krieg Vietnams galt China, und der Streit im Südchinesischen Meer ist bis heute das größte Sicherheitsrisiko.
Auch die Bevölkerung misstraut Pekings Ambitionen. Laut einer Umfrage des ISEAS-Yusof Ishak Institute von 2023 haben zwei Drittel der Vietnamesen wenig oder kein Vertrauen in Chinas „Globale Sicherheitsinitiative“.
Besonders heikel ist die Hardware-Frage. Vietnam hat wiederholt Cyberangriffe aus China erlebt – von gehackten Regierungsseiten bis zu Störungen an Flughäfen. Deshalb mied Hanoi lange chinesische Technologie im Kern seiner Infrastruktur. Dennoch stammen 90 Prozent der Überwachungskameras im Land aus China, vor allem von HikVision, das in den USA sanktioniert ist.
Die jüngsten 5G-Verträge mit Huawei und ZTE wirken daher wie ein Kurswechsel, sind aber wohl eher pragmatisch motiviert: Vietnam will bis 2030 eine landesweite 5G-Abdeckung von 99 Prozent erreichen – und die chinesischen Anbieter sind schlicht günstiger. Parallel dazu baut das staatliche Unternehmen MobiFone ein eigenes Sicherheitsökosystem auf, das langfristig auch international vermarktet werden soll.
Hanoi bleibt damit auf einem schmalen Grat: Es nimmt Pekings Ausbildung und Expertise an, doch bei Hardware entscheidet es selektiv und vorsichtig. Erst nach Jahren eigener technologischer Fortschritte fühlt sich Vietnam sicher genug, chinesische Komponenten in sein Netz zu lassen. Die Ausbildung aber – sie geht weiter.
STIN // AI