Das thailändische Parlament wurde am Donnerstag (11. Dezember) zum Schauplatz eines dramatischen politischen Kräftemessens, das die Fundamente der geplanten Verfassungsreform erschütterte und die Regierungskoalition an den Rand eines Misstrauensvotums manövrierte.

In einer hitzigen gemeinsamen Sitzung zur zweiten Lesung des Verfassungsänderungsgesetzes stand der entscheidende Abschnitt 256/28 auf dem Prüfstand, der die künftigen Hürden für eine neue Charta festlegen sollte. Die Empfehlung der Mehrheit im Prüfungsausschuss sah eine Vereinfachung vor: Künftige Verfassungsänderungen sollten lediglich die einfache Mehrheit der gemeinsamen Sitzung benötigen.

Doch die Versammlung, in die sich der zweite Tag der außerordentlichen Beratungen hineinzog, traf eine schockierende Entscheidung: Sie kippte die Empfehlung des Ausschusses und kehrte zur alten, strengeren Regelung zurück, die besagt, dass mindestens ein Drittel der Senatoren jede Änderung unterstützen muss.

Die Stunde der Abweichler und die Reaktion der Opposition

Der Umschwung wurde maßgeblich durch Abgeordnete der Bhumjaithai-Partei orchestriert, einer wichtigen Stütze der Regierungskoalition. Mehrere ihrer Mitglieder stimmten gegen die Mehrheitsposition des Ausschusses und trugen so entscheidend zur Niederlage bei.

Dies provozierte eine sofortige Reaktion des Oppositionsführers im Repräsentantenhaus, Nattapong Ruangpanyawut von der Volkspartei. Er berief sich auf die parlamentarischen Bestimmungen, die eine erneute namentliche Abstimmung ermöglichen, wenn die Differenz weniger als 25 Stimmen beträgt, und forderte eine sofortige Neuauszählung.

Die namentliche Abstimmung legte die Risse in der Regierungskoalition offen: Mehrere Bhumjaithai-Abgeordnete fehlten plötzlich im Plenarsaal. Andere, darunter Chaichanok Chidchob, der Abgeordnete für Buri Ram und Generalsekretär von Bhumjaithai, stimmten offen gegen die Ausschussmehrheit. Auch weitere Abgeordnete der Regierungskoalition folgten der Bhumjaithai-Linie.

Der Zorn der Volkspartei eskalierte. Ihre Vorsitzenden reagierten mit einem frontalen Angriff und riefen ihre Abgeordneten auf, unverzüglich einen Antrag nach Artikel 151 der Verfassung zu unterzeichnen, um eine Misstrauensdebatte mit anschließender Abstimmung um 20 Uhr einzuleiten – ein beispielloser Schritt mitten in den Verfassungsberatungen.

Ein leidenschaftlicher Appell vor der Entscheidung

Zuvor hatte Parit Wacharasindhu, Listenabgeordneter der Volkspartei und Mitglied der Ausschussmehrheit, in einem leidenschaftlichen „letzten Appell“ versucht, seine Kollegen umzustimmen. Die Debatte drehte sich um die Frage, ob der Senat ein Veto-Recht behalten sollte.

Parit argumentierte, der Vorschlag der Ausschussmehrheit entziehe dem Senat keineswegs seine Befugnisse, sondern etabliere lediglich einen neuen, faireren Genehmigungsmechanismus nach Ausarbeitung der neuen Verfassung. Er betonte, dass der Grundsatz „eine Person, eine Stimme“ für alle Mitglieder der Nationalversammlung gelten müsse.

Der Kern seines Arguments: Die eigentliche Kontrolle liege beim Volk. Eine neue Charta müsse in drei separaten Volksabstimmungen gebilligt werden.

„Wenn also die Abgeordneten das Gaspedal und die Senatoren die Bremse sind, dürfen wir nicht vergessen, dass der Besitzer des Autos das Volk ist und dass es auch diejenigen sein sollten, die entscheiden“, flehte Parit. „Ich glaube, wenn wir dem Vorschlag der Ausschussmehrheit folgen, werden letztendlich die Menschen darüber entscheiden, ob dieser Verfassungsentwurf den Bedürfnissen des Landes gerecht wird, denn ihre Stimme ist mächtiger als die eines jeden Abgeordneten oder Senators.“

Doch sein Appell verhallte. Bei der Abstimmung über den kritischen Abschnitt 256/28, an der 606 Mitglieder teilnahmen, votierte eine Mehrheit von 312 Mitgliedern für den verschärften Vorschlag der Minderheitsfraktion – die Beibehaltung der Ein-Drittel-Zustimmung des Senats. Nur 290 stimmten für die ursprüngliche Formulierung der Ausschussmehrheit, sechs enthielten sich.

Der geringe Vorsprung von nur 22 Stimmen ließ Nattapong erneut aufspringen und eine sofortige, namentliche Neuauszählung fordern. Der politische Kampf um die Seele der neuen Verfassung geht in eine nächste, noch spannendere Runde.

 

STIN // AI

Von stin

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest

0 Comments
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
{title}
WP Twitter Auto Publish Powered By : XYZScripts.com
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x