Bangkok. Kay sitzt in einem unscheinbaren Straßenrestaurant in einem Vorort der thailändischen Metropole. Er ist erst 21 Jahre alt, doch sein Blick ist der eines Mannes, der zu viel gesehen hat. Seine Hände zittern leicht, während er von dem Moment berichtet, der sein Leben in ein brutales Gefängnis verwandelte. Es begann mit der Hoffnung auf ein besseres Gehalt und endete in der „Modernen Sklaverei“.
Kay ist einer von Hunderttausenden, die jährlich in die Fänge chinesischer Mafiabanden geraten. Mit glänzenden Jobversprechen auf Facebook gelockt, finden sich die Opfer in sogenannten „Scam-Fabriken“ in Kambodscha, Myanmar oder Laos wieder – Hochsicherheitskomplexe, aus denen es kein Entrinnen gibt.
Folter im Akkord: Wenn das Opfer zum Täter wird
„Ich musste zwölf Stunden am Tag arbeiten, manchmal ohne Pause. Wenn ich meine Quote nicht erfüllte, gab es kein Essen“, erinnert sich Kay. In einem riesigen Raum, bewacht von bewaffneten Aufsehern, saß er vor Reihen von Computern und Mobiltelefonen. Sein Auftrag: Identitätsdiebstahl und Erpressung.
Die Grausamkeit des Systems ist perfide: Die Opfer werden gezwungen, selbst zu Tätern zu werden. Kay musste sich am Telefon als Polizist ausgeben und Menschen in seiner Heimat Thailand um ihr Erspartes bringen. „Ich hatte eine Liste mit 150 Opfern pro Tag. Wenn das Geld nicht floss, holten sie einen Übersetzer, damit ich die Drohungen der Bosse verstand. Dann schlugen sie mich mit Holzstöcken.“
An seinem Arm prangen Narben – physische Zeugnisse einer Zeit, in der er mehrfach wie eine Ware an andere Betreiber weiterverkauft wurde. Wer nicht spurt, wird mit Elektroschocks gefoltert; wer flieht, riskiert sein Leben.
Ein kriminelles Imperium mit Milliardenumsätzen
Was wie ein Einzelschicksal klingt, hat systemische Ausmaße erreicht. Benedikt Hofmann vom Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) zeichnet ein erschreckendes Bild der Lage:
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Verschleppte: Allein in Kambodscha werden rund 100.000 Menschen festgehalten, in Myanmar weitere 120.000.
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Finanzkraft: Die Scam-Industrie in Kambodscha erwirtschaftet jährlich bis zu 12,5 Milliarden Dollar – das entspricht fast der Hälfte des gesamten Bruttoinlandsprodukts des Landes.
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Strukturen: Die Banden nutzen die Infrastruktur des „Goldenen Dreiecks“ – einer Region, die seit Jahrzehnten für Drogenhandel berüchtigt ist.
„Besonders beunruhigend ist die globale Vernetzung“, warnt Hofmann. Die chinesischen Syndikate haben während der Pandemie leere Casinos in Cyber-Festungen umgewandelt und strecken ihre Fühler längst nach Europa und in die USA aus. Auch deutsche Internetnutzer geraten zunehmend ins Visier dieser professionell organisierten Callcenter.
Die Fassade der Gerechtigkeit
Unter internationalem Druck inszeniert die kambodschanische Regierung in Phnom Penh medienwirksame Razzien. Offiziell wurden bereits Tausende befreit und illegale Zentren geschlossen. Doch Experten und Menschenrechtsorganisationen sind skeptisch. Es besteht der Verdacht, dass lokale Eliten aus Wirtschaft und Politik tief in die Geschäfte verstrickt sind und die Razzien oft nur kosmetischer Natur sind, während die Schattenindustrie im Hintergrund ungebremst weiterfloriert.
Flucht in ein zweites Leben
Kay verdankt sein Leben einem Moment der Unachtsamkeit seiner Wärter. In tiefer Verzweiflung gelang es ihm, seine Mutter anzurufen. Über die Hilfsorganisation Survive Sampai konnte er schließlich die Grenze nach Thailand überqueren.
Heute lebt er in einem Zeugenschutzprogramm. Er ist frei, doch die Angst bleibt. Kay will nun dabei helfen, die Hintermänner zu entlarven, damit sein Schicksal keinem anderen mehr widerfährt. Sein Bericht ist ein Weckruf: Hinter jedem verlockenden Jobangebot im Netz kann eine Falle lauern, die direkt in die moderne Sklaverei führt.
STIN // AI