BANGKOK — Es sollte ein Moment des nationalen Stolzes sein, doch kaum sind vier antike Bronzestatuen aus den USA nach Thailand zurückgekehrt, bricht im Nationalmuseum ein erbitterter Streit aus. Was auf den ersten Blick wie eine akademische Debatte um Museumsetiketten wirkt, entpuppt sich als hochbrisanter Kampf um die Deutungshoheit über die thailändische Identität und die Überwindung kolonialer Denkmuster.
Der Stein des Anstoßes in der Thronhalle
Seit Mittwoch präsentiert das Nationalmuseum in der Isara Winitchai Thronhalle stolz die Rückkehrer aus dem Asian Art Museum in San Francisco. Die Statuen der „Prakon Chai“-Gruppe sind Meisterwerke der Metallkunst. Doch die Kuratoren haben sie als „Lopburi-Kunst“ und „Khmer-Kunst in Thailand“ beschildert – Bezeichnungen, die bei Experten und Aktivisten auf heftigen Widerstand stoßen.
Chotiwat Runjaroen, Mitbegründer der einflussreichen Rückgabegruppe „Samnuek 300 Ong“, fordert eine sofortige Korrektur. Sein Argument: Die Figuren des Bodhisattva und Buddha zeigen den unverwechselbaren „Dvaravati-Isan“- oder „Prakon Chai“-Stil. Dieser sei eigenständig und finde sich so nicht in der klassischen Khmer-Kunst wieder.
Ein Erbe der Angst: Die Flucht vor kolonialen Ansprüchen
Warum hält das Amt für Bildende Künste an Begriffen fest, die viele für veraltet halten? Die Antwort liegt in der Geschichte. Rungroj Phirom-anukul, Professor für Geschichte an der Ramkhamhaeng-Universität, erinnert daran, dass der Begriff „Lopburi-Kunst“ im Jahr 1923 von Prinz Damrong Rajanubhab geprägt wurde – aus schierer politischer Notwendigkeit.
Damals versuchte das thailändische Königshaus, Gebietsansprüche des französisch besetzten Kambodschas abzuwehren. Indem man die Kunst als „Lopburi“ (eine Stadt im Zentrum Thailands) und nicht als Khmer-Kunst definierte, schuf man eine historische Pufferzone.
„Doch im Jahr 2026 hat sich die Welt verändert“, mahnt Rungroj. „Diese Bronzen wurden im Mun-Flussbecken gefunden, hunderte Kilometer von Lopburi entfernt. Die aktuelle Bezeichnung ist nicht nur irreführend, sie ist historisch falsch.“
„Reinheit der Rasse existiert nicht“
Besonders scharf kritisiert der Historiker den Verlegenheitsbegriff „Khmer-Kunst in Thailand“. Dies sei ein moderner Versuch, nationalistische Spannungen zu glätten, der jedoch die Realität der Antike ignoriere. Zur Zeit der Entstehung dieser Statuen gab es weder die heutigen Nationalstaaten noch starre ethnische Grenzen.
„Wir dürfen Kunst nicht anhand ethnischer Zugehörigkeit kategorisieren, wenn wir die Identität der Schöpfer gar nicht kennen“, so Rungroj pointiert. „Reinheit der Rasse existiert in dieser Welt nicht.“
Ein neuer Name für eine vergessene Kultur
Woher kamen die Statuen also wirklich? Obwohl sie in Khao Plai Bat (Provinz Buriram) entdeckt wurden, glaubt Rungroj nicht, dass sie dort entstanden sind. Der Fundort – ein kleiner Tempel – sei viel zu unbedeutend für den Hort von über 100 wertvollen Figuren gewesen.
Sein radikaler Vorschlag zur Güte: Die Skulpturen sollten als „Kunst des Mun-Flussbeckens“ neu klassifiziert werden. Damit würde man sie der alten Sri-Canasa-Kultur zuordnen, deren Zentrum im heutigen Nakhon Ratchasima lag. Es wäre ein Befreiungsschlag: weg von modernen Grenzstreitigkeiten, hin zu einer wissenschaftlich fundierten Würdigung einer einst blühenden, eigenständigen Zivilisation.
Der Ball liegt nun beim Amt für Bildende Künste. Die Debatte zeigt deutlich: In Thailand geht es bei der Rückgabe von Artefakten längst nicht mehr nur darum, dass sie zurückkommen, sondern als was sie in den Geschichtsbüchern stehen werden.