SEOUL – Es ist eine Erkenntnis, die die Hinterbliebenen fassungslos zurücklässt: Alle 179 Insassen des Jeju-Air-Fluges 2216 hätten das Unglück vor einem Jahr überlebt, wäre eine einfache Sicherheitsnorm eingehalten worden. Ein bislang unter Verschluss gehaltener Expertenbericht, der der New York Times vorliegt, belegt nun mit erschütternder Klarheit: Nicht die dramatische Notlandung war das Todesurteil, sondern eine vorschriftswidrige Betonmauer am Ende der Landebahn.
Die Computersimulationen der Forschungsgruppe aus Seoul lassen keinen Raum für Spekulationen. Hätte die Mauer, die die Navigationsantennen beherbergt, den internationalen Richtlinien entsprochen und wäre aus leicht zerbrechlichem Material gefertigt gewesen, wäre die Boeing 737-800 lediglich durch sie hindurchgeglitten. Das Wrack wäre nach weiteren 630 Metern auf dem Rumpf zum Stillstand gekommen – weitgehend intakt, ohne Schwerverletzte, ohne Tote.
Die Chronik eines vermeidbaren Grauens
Der Unfall geschah im Südwesten Südkoreas auf dem Flughafen Muan. Nach einem Vogelschlag fielen die Triebwerke aus, die Piloten setzten zur Bauchlandung an. Mit 373 km/h berührte die Maschine den Asphalt, schlitterte über 1.100 Meter weit, bis sie mit einer Restgeschwindigkeit von 260 km/h gegen den massiven Betonwall prallte. Diese Kollision verwandelte das Flugzeug in ein Trümmerfeld.
Besonders brisant: Eine Untersuchung der Times deckte bereits im Vorjahr auf, dass der Wall – ursprünglich 1999 entworfen – erst zehn Monate vor dem Absturz im Jahr 2024 durch eine zusätzliche Armierung verstärkt worden war. Ein klarer Verstoß gegen Sicherheitsrichtlinien, der das Bauwerk in ein unüberwindbares Hindernis verwandelte.
Vertuschung und politische Beben
Obwohl der Bericht bereits im August fertiggestellt wurde, hielt das Verkehrsministerium die Ergebnisse geheim. Erst durch die Enthüllungen der Abgeordneten Kim Eun-hye drangen die Details an die Öffentlichkeit. „Die Ergebnisse sind schockierend“, erklärte Kim. „Sie widerlegen die Behauptung der Regierung, dass der Damm kein Problem darstellte.“
Während das Ministerium angibt, solche Betonwälle mittlerweile an fünf von sieben betroffenen Flughäfen entfernt zu haben, stehen die Arbeiten in Muan und auf der Urlaubsinsel Jeju noch immer aus.
Wut der Hinterbliebenen
Für die Angehörigen der Opfer, darunter zwei Thailänder und 177 Koreaner, ist der Bericht ein Schlag ins Gesicht. „Keine einzige Zeile wurde uns zugänglich gemacht“, klagt die Organisation der Hinterbliebenen. Besonders die Schlussfolgerung des Berichts, wonach die zusätzliche Betonierung von 2024 die Opferzahl nicht signifikant erhöht habe, stößt auf Skepsis. Lee Jun-hwa, ein Architekt, der seine Mutter bei dem Absturz verlor, vermutet eine Schutzbehauptung: „Diese Schlussfolgerung soll wahrscheinlich die derzeitigen Verantwortlichen entlasten.“
Bisher wurden 44 Personen angezeigt, darunter der ehemalige Verkehrsminister. Angeklagt wurde jedoch noch niemand. Während die Ermittlungen zur Absturzursache – insbesondere zur Entscheidung der Piloten, das falsche Triebwerk abzuschalten – andauern, bleibt eine bittere Wahrheit bestehen: Die Technik hielt der Landung stand, doch der Beton der Behörden wurde zur tödlichen Falle.
STIN // AI