Inmitten eines blutigen Bürgerkriegs peitscht Myanmars Militärjunta die zweite Phase ihrer Pseudowahlen durch. Während die Generäle von „Demokratie“ sprechen, wählen die Menschen aus purer Angst vor Repressalien – in einem Wettbewerb, bei dem der Sieger längst feststeht.

YANGON – Es ist ein bizarres Bild, das sich in den Straßen von Myanmars Metropolen bietet: Während weite Teile des 51-Millionen-Einwohner-Landes im Chaos des Bürgerkriegs versinken, inszeniert die regierende Junta die zweite Phase einer Wahl, die international als reine Farce verspottet wird. Nach einer enttäuschenden Wahlbeteiligung von nur 52 % in der ersten Runde am 28. Dezember versucht das Regime nun händeringend, dem Prozess den Anschein von Legitimität zu verleihen.

Ein Sieg ohne Gegner

Seit dem Putsch von 2021 gegen die zivile Regierung und der Inhaftierung der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi kommt das Land nicht zur Ruhe. Die „Nationale Liga für Demokratie“ (NLD), die bei den letzten freien Wahlen triumphierte, wurde kurzerhand aufgelöst. Übrig geblieben ist ein politisches Trümmerfeld, auf dem die militärnahe Union Solidarity and Development Party (USDP) einsam ihre Kreise zieht.

Bereits in der ersten Phase sicherte sich die USDP – eine Kaderorganisation aus pensionierten Offizieren – satte 88 % der Sitze im Unterhaus. „Die USDP steuert auf einen Erdrutschsieg zu“, konstatiert Richard Horsey von der Crisis Group trocken. „Das ist kaum überraschend, wenn man bedenkt, dass alle ernsthaften Konkurrenten ausgeschaltet und die Gesetze massiv zugunsten des Militärs manipuliert wurden.“

Zwischen den Stühlen: Die Angst als Wahlhelfer

In den Wahllokalen herrscht eine beklemmende Atmosphäre. Ein Einwohner aus dem Yangoner Stadtteil Latha beschreibt das Dilemma der Bürger: „Die Menschen haben Angst, dass etwas passiert, wenn sie nicht wählen gehen. Aber sie haben auch Angst, als Kollaborateure stigmatisiert zu werden, wenn sie es tun.“

Die Teilnahme ist für viele kein Akt der politischen Mitbestimmung, sondern eine reine Schutzmaßnahme. „Ich habe für irgendeine andere Partei gestimmt, ich weiß nicht mal mehr den Namen“, gesteht ein 42-jähriger Wähler gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Er sei nur gekommen, um Repressalien der Sicherheitskräfte zu entgehen.

Die riskante Wette der Generäle

Junta-Chef Min Aung Hlaing, der sich im Wahlkampf als volksnaher Staatsmann inszeniert, schweigt beharrlich zu seinen eigenen Ambitionen – doch kaum ein Beobachter zweifelt daran, dass er die Fäden der künftigen Regierung ziehen wird. Militärsprecher Zaw Min Tun verkündete am Sonntag siegessicher: „Dies ist ein Erfolg für all jene, die sich Demokratie und Frieden wünschen.“ Er verspricht für April eine neue Regierung, die internationale Anerkennung finden und das Ende der Sanktionen einleiten werde.

Doch die Realität außerhalb der klimatisierten Regierungsgebäude spricht eine andere Sprache. Myanmar steckt in einer der schwersten humanitären Krisen Asiens. 3,6 Millionen Menschen sind auf der Flucht, Tausende wurden im Konflikt getötet. Die Vereinten Nationen und der Westen bleiben hart: Ohne echte Opposition seien diese Wahlen weder frei noch glaubwürdig.

Ungewisse Zukunft

Am 25. Januar soll die letzte Wahlrunde stattfinden. Während die Junta auf Stabilität hofft, warnen Analysten vor den massiven Risiken: Eine vom Militär kontrollierte Schein-Demokratie dürfte den Widerstand der Rebellengruppen eher befeuern als befrieden. Für das Volk in Myanmar bleibt die Wahl damit das, was sie von Anfang an war – ein gefährliches Theaterstück unter dem Lauf der Gewehre.

 

STIN // AI

Von stin

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