Drei Wochen vor dem Schicksalstag am 8. Februar herrscht in Thailands politischer Landschaft eine fast greifbare Anspannung. Die People’s Party (PP) – Phönix aus der Asche der aufgelösten Move Forward Party (MFP) – bläst zum Frontalangriff. Ihr Ziel ist nichts Geringeres als ein „Erdrutschsieg“. Doch während die Umfragewerte steigen, stellt sich eine brennende Frage: Wie viel „Vorwärtsbewegung“ steckt eigentlich noch in dieser neuen Volkspartei?
Der Schatten des „Beinahe-Premierministers“
Die Wunden der Wahl von 2023 sitzen bei den Anhängern tief. Pita Limjaroenrat, der charismatische Hoffnungsträger, scheiterte am Widerstand des Establishments und verarbeitete sein Trauma literarisch in „The Almost Prime Minister“. Am 7. August 2024 folgte der juristische Todesstoß: Die MFP wurde aufgelöst, Pita für zehn Jahre politisch kaltgestellt.
Nun führt Natthapong Ruengpanyawut die Nachfolgeorganisation an. Ihm fehlt Pitas Strahlkraft, doch er steht vor derselben Herkulesaufgabe: die absolute Mehrheit im Repräsentantenhaus zu gewinnen. Nur so, argumentiert die Parteispitze, könne man eine Sabotage durch den „Deep State“ verhindern, der die Progressiven nach wie vor als systemkritische Bedrohung brandmarkt.
Der große Rückzug: Strategie oder Verrat?
Wer die Programmatik der PP heute mit der der MFP vergleicht, reibt sich verwundert die Augen. Wo einst der mutige Ruf nach einer Reform des drakonischen Gesetzes gegen Majestätsbeleidigung (Artikel 112) stand, herrscht heute strategisches Schweigen. Das Verfassungsgericht hatte diesen Reformwillen als Umsturzversuch gewertet – eine Lektion, welche die neue Führung offenbar verinnerlicht hat.
Auch gegenüber dem Militär, einst der Erzfeind der Progressiven, schlägt die Partei plötzlich versöhnliche Töne an. Das thailändische Militär genießt nach seinem „erfolgreichen“ Grenzkrieg gegen Kambodscha eine Popularität wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die PP reagiert darauf opportunistisch: Statt das Militär als Belastung für die Demokratie zu brandmarken, forderte Pita – immer noch spiritueller Mentor der Partei – gar öffentlich um Verzeihung für frühere Kritik.
Besonders brisant: Parteichef Natthapong befürwortete unlängst den Einsatz von Gripen-Kampfjets gegen Ziele in Kambodscha, um dortige „Betrugszentren“ zu bekämpfen – eine Rhetorik, die man eher von Generälen als von Bürgerrechtlern erwarten würde.
„Blut schlucken“ für die Macht
Dieser Kurswechsel sorgt für Zerreißproben innerhalb der eigenen Reihen. Die ehemalige Abgeordnete Kanyapat Rachitaroj warf kürzlich medienwirksam das Handtuch. Ihr Vorwurf: Die Partei habe ihre DNA verloren. Um die Regierungsfähigkeit zu erzwingen, müsse man nun „Blut schlucken“ und faule Kompromisse eingehen.
Besonders die Personalpolitik sorgt für Stirnrunzeln:
-
Der Hoffnungsträger: Anuchart Puangsamlee, ehemaliger Dekan der Thammasat-Universität, soll als Bildungsminister für echte Expertise stehen. Ein Lichtblick für viele.
-
Der Streitfall: Pisan Manawapat, potenzieller Außenminister. Er diente unter Putschist Prayut Chan-o-cha als Botschafter in Washington und verteidigte die Junta damals in Briefen an die New York Times. Dass ein früherer Senator der Junta nun das Gesicht einer „progressiven“ Regierung sein soll, empfinden viele Basis-Mitglieder als Schlag ins Gesicht.
Fazit: Eine Frage des Geschmacks
Die Transformation der Volkspartei erinnert an eine ausländische Restaurantkette in Bangkok: Zu Beginn ist das Rezept authentisch und kühn, doch sobald die ursprünglichen „Küchenchefs“ weg sind, werden die Zutaten gestreckt und der Geschmack dem Massenmarkt angepasst.
Die PP versucht nun, konservative Wechselwähler zu ködern, indem sie sich „zähmt“. Doch Kanyapat Rachitaroj warnt in ihrem Abschiedsbrief: „Das Volk ist keine Selbstverständlichkeit.“ Wenn eine Partei im Spiegel nicht mehr erkennt, warum sie einst angetreten ist, könnte der ersehnte Sieg am 8. Februar ein hohler Triumph werden.
STIN // AI
Was sollen sie denn auch sonst machen – gegen Militär steht nicht mal Abhisit, weil der klug ist und auch nicht gegen
LM 112 – weil er weiß, dass nicht mal vermutlich die Mehrheit der Thais möchte eine Reform möchte.