Bintulu, Malaysia – Der 12. Januar markierte für die kleine Missclyen Roland einen Meilenstein, der für andere Kinder selbstverständlich ist, für sie jedoch einer emotionalen Achterbahnfahrt glich: der erste Tag im Kindergarten. Die Fünfjährige leidet an Hypertrichose, einer extrem seltenen genetischen Mutation, die als „Werwolf-Syndrom“ bekannt ist und zu dichtem Haarwuchs im Gesicht und am Körper führt.
In der Klasse des Kindergartens SK Sungai Tisang traf die Realität eines außergewöhnlichen Kindes auf die Ungefiltertheit von 24 Gleichaltrigen – ein Zusammentreffen, das zunächst von Tränen und Fluchtreflexen geprägt war.
Ein Tag voller Tränen und Weglaufen
„Ihr erster Tag war anders“, erinnert sich ihr Vater, Roland Jimbai, im Gespräch mit der Zeitung The Star. Die Reaktion der anderen Kinder war eine Mischung aus Unverständnis und Urangst. „Einige ihrer Klassenkameraden rannten schreiend aus dem Zimmer. Manche hatten schlicht Angst, andere lachten sie aus.“ Für Missclyen war dieser Moment der totalen Reizüberflutung kaum zu ertragen; sie fühlte sich in einer Welt, die sie gerade erst entdecken wollte, vollkommen verloren.
Doch wer glaubt, dass Missclyen nach diesem traumatischen Start aufgeben würde, unterschätzt den Mut der Fünfjährigen. Angetrieben von dem Wunsch, es ihren drei älteren Geschwistern gleichzutun, die dieselbe Schule besuchen, kehrte sie am zweiten Tag zurück.
Die Wende: Wenn aus Angst Freundschaft wird
Schon am nächsten Morgen begann das Eis zu tauen. Roland Jimbai berichtet von einer spürbaren Verbesserung: Erste Klassenkameraden überwanden ihre Scheu und begannen, sich mit Missclyen anzufreunden. „Jedes Kind ist anders, und das verstehen wir“, sagt der Vater gefasst. Er weiß, dass Akzeptanz Zeit braucht – im Durchschnitt eine Woche, so schätzt er, bis die Interaktion zur Normalität wird.
Die Schule und die lokalen Behörden beobachten die Situation genau. Aktuell befindet sich Missclyen in einer Art Probephase, um zu sehen, ob sie sich langfristig in das soziale Gefüge integrieren kann. Die Anwesenheit ihrer Geschwister – ihr Bruder in der ersten, ihre Schwester in der vierten Klasse – dient ihr dabei als sicherer Anker.
Unter dem Schutz der Krone
Missclyens Schicksal ist in Malaysia kein unbekanntes. Bereits vor drei Jahren, im Alter von nur zwei Jahren, sorgte sie für landesweites Aufsehen, als sie in einer Moschee auf den damaligen König, Sultan Abdullah Ahmad Shah, und seine Gemahlin Tunku Azizah traf. Die Begegnung war wegweisend: Die ehemalige Königin war so gerührt, dass sie anbot, die Schirmherrschaft für das Mädchen zu übernehmen. Sie finanziert seitdem sowohl die medizinische Behandlung als auch die Ausbildung der kleinen Missclyen.
Die Last der Seltenheit
Hypertrichose ist mehr als nur eine medizinische Kuriosität; sie ist eine soziale Bürde. Aufgrund des mangelnden Wissens in der Bevölkerung werden Betroffene oft stigmatisiert oder als Kuriosität betrachtet. Doch für Missclyen zählt momentan nur eines: die Freude am Lernen.
Auf die Frage ihres Vaters, ob ihr die Schule trotz der schwierigen ersten Momente gefalle, antwortete sie mit einem klaren „Ja“. Es ist ein kleiner Sieg des Lebenswillens über die Vorurteile – und ein Beweis dafür, dass hinter einer seltenen Diagnose vor allem ein Kind steckt, das einfach nur dazugehören möchte.
STIN // AI