Ein Wahlsieg, der das Land erschüttert hat: Die Bhumjaithai-Partei überrollt Thailand mit einer „blauen Welle“. Doch während Parteichef Anutin Charnvirakul noch im Taumel des unerwarteten Ruhms schwebt, wartet die eigentliche Herkulesaufgabe bereits auf ihn. Es geht nicht mehr nur um Stimmen auf dem Land – es geht darum, ein gespaltenes Land vor dem wirtschaftlichen Kollaps zu bewahren.
In den sozialen Netzwerken kursiert eine Anekdote, die den Kern des Wahlsiegs trifft: Ein Kandidat der Bhumjaithai-Partei kenne „jeden einzelnen Namen der Markthändler in seinem Bezirk“. Während die intellektuelle Konkurrenz der Volkspartei (Orange) auf große Visionen und digitale Markenbildung setzte, grub Bhumjaithai (Blau) tief in der thailändischen Provinz. Das Ergebnis vom Sonntag war kein Zufall, sondern das Resultat einer gnadenlosen, persönlichen Strategie, die die Konkurrenz schlichtweg unterschätzt hat.
Vom Provinz-Kicker zu Real Madrid
Anutin Charnvirakul wirkt dieser Tage wie ein Junge vom Lande, der plötzlich bei Real Madrid unter Vertrag genommen wurde. Bisher war sein Status als Übergangs-Premierminister ein Schutzschild. Er konnte „Außenseiter“ in sein Kabinett holen – die „drei Musketiere“ aus Handel, Außenpolitik und Finanzen –, die dem Land einen frischen Wind verliehen. Doch die Schonfrist ist vorbei. Der Übergangsstatus, der ihn vor den hässlichen Realitäten des politischen Systems bewahrte, ist Geschichte.
Jetzt beginnt das wahre Spiel. Und die Bedingungen sind tückisch.
Das Dilemma der „Königsmacher“
Anutin muss nun Allianzen schmieden. Sein größtes Kopfzerbrechen: Die Partei Kla Tham unter dem umstrittenen Thammanat Prompao. Kla Tham hat im ländlichen Raum abgeräumt und ist nun der „Königsmacher“, mit dem Anutin verhandeln muss. Doch Prompaos Image ist Gift für eine Regierung, die nach Modernität und Integrität strebt. Schließt Anutin die alten politischen Kuhhandel, riskiert er, seine hochkarätigen Fachminister zu verlieren und das Vertrauen der Wähler zu verspielen.
Zudem hat Nationalismus ein Verfallsdatum. Die Grenzkonflikte mit Kambodscha und die globale Handelskrise haben die Wähler in die Arme der Blauen getrieben, doch dieser Effekt wird verblassen. Was bleibt, wenn die Träume verkauft sind?
Ein Tabubruch als letzte Hoffnung?
Die Liste der Versprechen ist lang: LGBTQ-Rechte, Cannabis-Deregulierung, Abschaffung der Schuluniformen. Das alles ist „einfach“. Die wahre, fast unmögliche Mission ist eine andere: Die Kooperation zwischen Blau und Orange.
Es ist eine absurde thailändische Tradition, dass die beiden stärksten Parteien – die zusammen den Willen von fast 15 Millionen Menschen repräsentieren – sich als Erzfeinde gegenüberstehen müssen. Diese tiefe ideologische Spaltung hat Thailand zum „kranken Mann Asiens“ gemacht. Während die Orange-Anhänger in Bangkok die Landbevölkerung als „dumm“ beschimpfen und die Blauen sich in ihrem Provinzsieg sonnen, blutet das Land wirtschaftlich aus.
Die Chance der Geschichte
Ein Blick auf die Wahlkarte zeigt: Blau ist heute überall, außer in Bangkok. Die politische Geografie hat sich gewandelt. Es ist Zeit für einen „Lennon-Moment“ in der thailändischen Politik: „You may say I’m a dreamer, but I’m not the only one.“
Anutin hat am Sonntag Geschichte geschrieben. Doch er könnte zur Legende werden, wenn er den Mut besitzt, über den eigenen Schatten zu springen. Wahre Demokratie bedeutet nicht, die Gegenseite zu verteufeln, sondern ihre fähigsten Köpfe einzubinden. Wenn Anutin und der Anführer der Volkspartei, Natthaphong Ruengpanyawut, aufhören zu blöffen und anfangen, miteinander zu reden, könnte Thailand das Trauma der Spaltung endlich hinter sich lassen.
Die „Blaue Welle“ hat Anutin an die Macht gespült. Jetzt muss er beweisen, dass er mehr ist als nur ein Rockstar für eine Nacht. Er muss der Architekt eines neuen Thailands werden.
STIN // AI
Ja, ich sehe das genauso, wie in diesem Artikel gut beschrieben.
Man sollte den Wählerwillen berücksichtigen und Platz 1 und Platz 2 sollten koalieren.
berndgrimm meinte vor der Wahl das gleiche: er meinte, es ginge nicht anders – Platz 1 (Volkspartei), müsse unbedingt mit Platz 2 (Pheu Thai) koalieren.
Natürlich dachte er an einen Sieg der Volkspartei und auf Platz 2 dann die Pheu Thai.
Aber es kam anders, das Volk wollte keine PT mehr und entschied sich stattdessen für BJT.
Leider hat Natthapong aus verletztem Stolz, eine Brandmauer errichtet und ohne Gespräche mit BJT zu führen, denen eine
Absage erteilt. Ich hätte es auch gerne gesehen, dass die Volkspartei als Korrektiv an der Seite der BJT regiert hätte.
Nun bleibt vermutlich Anutin nichts anderes übrig, als mit der Khla Tam Partei zu koalieren, um nicht noch eine schlechtere
Wahl treffen zu müssen – sich in Abhängigkeit von PT zu begeben.
Ja, er ist nicht zu beneiden und ich hoffe sehr, seine hochkarätigen, international hoch angesehenen Experten bleiben und steigen nicht aus.