Ein politisches Beben erschüttert Thailand: Die Bhumjaithai-Partei unter Premierminister Anutin Charnvirakul hat bei den Parlamentswahlen einen Erdrutschsieg errungen. Während liberale Hoffnungsträger und das einst übermächtige Shinawatra-Lager herbe Verluste einstecken, bahnt sich eine Ära konservativer Dominanz an.

Der Fall der Giganten: Wie die Wahl verlief

Es war ein Wahlabend, der die politischen Landkarten Thailands neu zeichnete. Trotz optimistischer Umfragen für die liberale Volkspartei kristallisierte sich früh ein klarer Sieger heraus: Bhumjaithai. Mit einer aggressiven Expansionsstrategie drang die Partei in den wählerstarken Nordosten vor – eine Region, die fast zwei Jahrzehnte lang als uneinnehmbare Bastion der Pheu-Thai-Partei und des Shinawatra-Clans galt.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters sicherte sich Bhumjaithai rund 193 der 500 Parlamentssitze. Zum Vergleich: 2019 waren es lediglich 51 Sitze. Während die Volkspartei zwar die Hauptstadt Bangkok für sich entschied, aber mit 118 Sitzen auf Platz zwei landete, erlebte Pheu Thai mit nur 74 Sitzen ein historisches Debakel. Die Anführer beider Oppositionslager mussten bereits in der Wahlnacht ihre Niederlage eingestehen.

Der Architekt der Macht: Anutins Weg zur Koalition

Anutin Charnvirakul steht nun vor der historischen Chance, als erster Premierminister seit 20 Jahren wiedergewählt zu werden. Seine Verhandlungsposition ist blendend:

  • Keine Blockade: Die zweitplatzierte Volkspartei hat bereits erklärt, kein Gegenbündnis schmieden zu wollen.

  • Die Macht der Kleinen: Rund ein Dutzend kleinerer Parteien teilen 117 Sitze unter sich auf. Allein ein Bündnis mit der Klatham-Partei (58 Sitze) und der Palang Pracharath (5 Sitze) würde Anutin eine parlamentarische Mehrheit sichern.

  • Vom Partner zum Rivalen: Eine Allianz mit der geschwächten Pheu Thai gilt als möglich, ist aber brisant. Anutin hatte die Koalition im Vorjahr verlassen, um nach der gerichtlichen Absetzung von Paetongtarn Shinawatra selbst das Ruder zu übernehmen.

Anutin gilt als „gewiefter und gerissener“ Taktiker, der besonders bei den Konservativen und Royalisten hohes Ansehen genießt. Es wird erwartet, dass er zahlreiche Überläufer und Splitterparteien wie ein Magnet anziehen wird.

Stabilität oder Stillstand?

Für das thailändische Establishment und das Militär ist Anutin der Wunschkandidat. Nach Jahren der Unruhe, in denen progressive Kräfte ausgebremst und sechs Shinawatra-treue Regierungschefs durch Putsche oder Gerichtsurteile gestürzt wurden, verspricht Anutin Kontinuität.

Doch die Hürden sind hoch: Um echte Stabilität zu gewährleisten, muss er die schwächelnde Wirtschaft beleben und den schwierigen Spagat zwischen den Interessen mächtiger Wirtschaftsgruppen und den Institutionen des Landes meistern.

Das riskante Kalkül: Warum er gewann

Anutins Sieg ist das Ergebnis einer riskanten Wette. Inmitten eines hitzigen Konflikts mit Kambodscha löste er das Parlament auf und ritt auf einer Welle des Nationalismus zum Erfolg. Er stilisierte sich als alleiniger Verteidiger der nationalen Souveränität, während er seine Gegner als unpatriotisch brandmarkte.

Obwohl er zum Wahlzeitpunkt weniger als 100 Tage im Amt war, gelang es ihm, Bhumjaithai als Partei der Macher zu präsentieren. Durch die Rekrutierung profilierter Technokraten und das gezielte Abwerben erfahrener Politiker positionierte er sich als kompetenter Verwalter – ein scharfer Kontrast zur „unerprobten“ Volkspartei und einer Pheu Thai, die ihre Wahlversprechen nicht einlösen konnte.

Der Fahrplan zur neuen Regierung

Der Zeitplan steht:

  1. Bestätigung: Die Wahlkommission hat 60 Tage Zeit für das Endergebnis.

  2. Konstituierung: 15 Tage nach der Bestätigung muss das Parlament zusammentreten.

  3. Wahl: Ein Kandidat benötigt die absolute Mehrheit der 500 Abgeordneten.

Regierungssprecher zeigen sich optimistisch: Man geht davon aus, dass die neue Regierung unter Anutin Charnvirakul bereits bis Ende April offiziell die Geschäfte aufnehmen wird.

 

STIN // AI

Von stin

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