Es war kurz nach 20 Uhr am Wahlabend, als die ersten Hochrechnungen der vorgezogenen Parlamentswahlen eintrafen. In diesem Moment interviewte ich zwei Kandidaten der Volkspartei (PP). Die Zuversicht war fast greifbar: Man träumte von einem Erdrutschsieg, sprach von 170 bis 200 Sitzen. Ein fataler Irrtum, wie sich nur wenige Stunden später herausstellen sollte.
Der Absturz ist beispiellos. Hatte die Vorgängerorganisation „Move Forward“ im Jahr 2023 noch 151 Sitze errungen und war als stärkste Kraft hervorgegangen, zeichnet sich nun – bei 94 Prozent ausgezählter Stimmen – ein Desaster ab. Die PP wird wohl lediglich 110 Mandate erreichen. Währenddessen triumphiert der Hauptrivale: Die Bhumjaithai-Partei (BJT) unter Anutin Charnvirakul steuert auf die 200-Sitze-Marke zu – ein gewaltiger Sprung von ehemals nur 71 Sitzen vor drei Jahren.
Die Ursachen für diesen politischen Selbstmord lassen sich in sieben Lehren zusammenfassen:
1. Der „Frankenstein-Effekt“
Natthaphong Ruengpanyawut und die Volkspartei haben ihren eigenen Untergang selbst finanziert und politisch legitimiert. Indem sie im vergangenen September für Anutin stimmten, schenkten sie ihm die Macht auf dem Silbertablett. Anutin nutzte diesen unerwarteten Geldsegen geschickt: Er zog über 60 Abgeordnete auf seine Seite, besetzte Schlüsselpositionen in der Verwaltung neu und installierte loyale Provinzgouverneure. Damit war das Feld für die Neuwahlen zu seinen Gunsten bestellt.
Natthaphongs damalige Rechtfertigung – man stimme nicht für Anutins Herrschaft, sondern nur für eine Verfassungsänderung – wirkt heute wie eine Mischung aus naiver Arroganz und politischer Blindheit. Eine Entschuldigung blieb er bis heute schuldig; sein jetziges Versprechen, Anutin nicht zum Premier zu wählen, kommt viel zu spät. Die Volkspartei hat das „Monster“, das sie nun bekämpft, mit politischen Steroiden selbst großgezogen.
2. Isolation statt Allianz
Die Partei bewies ein fatale Neigung dazu, Verbündete zu vergraulen. Ob der prominente Ex-Unterstützer Chuwit Kamolvisit oder scheidende Abgeordnete: Die PP scheint Brücken lieber abzureißen als zu bauen. Hinzu kommt eine destruktive Tendenz zur Selbstzerfleischung, wie der Fall der ehemaligen Abgeordneten Thisana Choonhavan zeigt.
3. Ein verlorener Wettlauf im Nationalismus
In dem Versuch, auf der populistischen Welle des thailändisch-kambodschanischen Nationalismus mitzureiten, verzockte sich die Partei. Sie wollte Anutin rechts überholen, konnte ihn in diesem Metier jedoch nie ernsthaft gefährden.
4. Der Verlust der Kernthemen
Die emotionalen Zugpferde früherer Tage sind verbraucht. Themen wie die Reform der Majestätsbeleidigung oder der Kampf gegen die Militärjunta ziehen nicht mehr in dem Maße, wie es für eine breite Mobilisierung nötig wäre.
5. Der tiefe Graben im pro-demokratischen Lager
Die Feindschaft zwischen den „Orange-Roten“ Lagern ist inzwischen toxisch. Radikale Kräfte auf beiden Seiten bekämpfen sich unerbittlich. Diese Zersplitterung hat das ehemals hoffnungsvolle demokratische Lager in die strategische Bedeutungslosigkeit und Selbstzerstörung getrieben.
6. Die Echokammer der Arroganz
Die Anhängerschaft der Volkspartei scheint in einer Realitätsverweigerung gefangen. Man wähnt sich im alleinigen Besitz der moralischen Wahrheit und blickt auf Andersdenkende herab. Die Senatorin Angkhana Neelapajit kritisierte dies heute Morgen scharf: Vor der Wahl habe es an jeder Demut gefehlt; Kritik wurde sofort niedergeschrien. Man hielt sich allein aufgrund des jungen Alters für überlegen.
Nach der Wahl schlug die Arroganz in Verachtung um: Wähler in den Provinzen wurden als „dumm“ beleidigt, weil sie das politische System angeblich nicht verstünden. Dass Abgeordnete mehr tun müssen, als nur Gesetze zu prüfen – nämlich den Menschen zuzuhören –, wurde als irrelevant abgetan. Dabei zeigt die parlamentarische Realität oft ein anderes Bild: Viele Abgeordnete, die sich für so überlegen halten, glänzen in Ausschüssen eher durch Schweigen als durch Fachkompetenz.
7. Die Spaltung zwischen Stadt und Land
Zwar konnte die Volkspartei alle Wahlkreise in Bangkok gewinnen, doch das unterstreicht nur die tiefe ideologische Kluft zum Rest des Landes. Während Bangkok atomisiert und modern lebt, prägen Klientelpolitik und ungleiche Lebensbedingungen die Provinzen. Eine Kluft, die die PP nicht zu schließen vermochte.
Fazit: Anutin Charnvirakul und seine Bhumjaithai-Partei gehen als die lachenden Dritten aus diesem Machtspiel hervor. Sie profitierten von der Kurzsichtigkeit Natthaphongs und einer harten diplomatischen Linie gegenüber Kambodscha. Letztlich war es die Volkspartei selbst, die den Weg für die neue, mächtige konservative Dominanz in Thailand geebnet hat.
STIN // AI
Artikel könnte von mir sein —> absolut korrekt. 👍
Gibt noch Punkte, die fehlen, die habe ich schon in einem Kommentar erklärt.
Wie die beiden Mafios in den eigenen Reihen usw.