Einst schien sie unaufhaltsam, nun wirkt sie wie ein Echo vergangener Tage: Die „Orange Welle“, die Thailands politische Statik erschüttern wollte, erlebte bei den Wahlen am 8. Februar ein Fiasko. Zwischen Tränen, taktischen Fehlern und einem konservativen Comeback steht die Volkspartei vor den Trümmern ihrer Ambitionen.

Der tiefe Fall der Reformer

Es hätte ein Erdrutschsieg werden sollen, ein Triumph der Progressiven über das alte Establishment. Doch als die Zahlen am Wahlabend über die Bildschirme flimmerten, wich die Euphorie der nackten Bestürzung. Die Volkspartei, Erbin der verbotenen „Move Forward Party“, errung lediglich 118 Sitze und 10,4 Millionen Stimmen. Ein dramatischer Absturz im Vergleich zu den 151 Sitzen und 14 Millionen Stimmen vor drei Jahren.

Die Szenen in der Parteizentrale sprachen Bände: Generalsekretär Sarayut Jailak bot unmittelbar seinen Rücktritt an, während der Vorsitzende Natthaphong Ruengpanyawut vor den Mitgliedern in Tränen ausbrach. „Ein herber Verlust“, bilanziert Chaipong Samnieng von der Naresuan-Universität trocken. Das Ziel von 200 Sitzen und 20 Millionen Stimmen blieb eine bloße Illusion.

Eine Chronik des Widerstands und der Verbote

Die Geschichte der „Orangen“ ist eine Odyssee durch die Instanzen. Alles begann 2018 mit der Future Forward Party unter dem charismatischen Tycoon Thanathorn Juangroongruangkit. Ihr Versprechen: Ein Ende der Militärinterventionen und der Wirtschaftsmonopole. Doch der Erfolg wurde bestraft:

  • 2020: Das Verfassungsgericht löst Future Forward wegen eines Kredits auf.

  • 2023: Die Nachfolgepartei Move Forward unter Pita Limjaroenrat gewinnt zwar die Wahl, wird aber durch die Elite blockiert.

  • August 2024: Erneute Auflösung durch die Gerichte wegen der Kampagne zur Reform des Majestätsbeleidigungsgesetzes.

Nun, als Volkspartei wiedergeboren, scheint der Schwung endgültig verloren. Über 44 ehemaligen Abgeordneten droht zudem der Ausschluss durch die Antikorruptionskommission – ein juristisches Damoklesschwert, das die Handlungsfähigkeit der Partei lähmt.

Der Preis des Pragmatismus

Warum wandten sich die Wähler ab? Politikwissenschaftler Yuttaporn Issarachai sieht den Wendepunkt im vergangenen Jahr. Nach der Absetzung von Premierministerin Paetongtarn Shinawatra (Pheu Thai) unterstützte die Volkspartei überraschend die Kandidatur von Anutin Charnvirakul. Für viele Stammwähler war dies ein Verrat an den eigenen Prinzipien. Die „unbeugsame Alternative“ wurde über Nacht zu einem gewöhnlichen Akteur im Hinterzimmer-Poker der „alten Politik“.

Zudem verlor die Partei ihre Identität: Um weiterem juristischem Druck zu entgehen, schwächte sie ihre Forderungen nach Strukturreformen ab. „Sie haben ihre progressive Seele geopfert“, kritisieren Beobachter. Während die Partei 200 Einzelmaßnahmen präsentierte, fehlte die eine, große Vision, die die Massen 2020 noch auf die Straße getrieben hatte.

Nationalismus und Image-Schäden

Die Volkspartei unterschätzte zudem eine neue Welle des Nationalismus. Während sie versuchte, den Einfluss des Militärs zu beschneiden, flammte ein Grenzkonflikt mit Kambodscha auf. Plötzlich stand die Öffentlichkeit hinter den Soldaten – und die Reformer wirkten weltfremd.

Erschwerend kamen hausgemachte Skandale hinzu: Eigene Kandidaten verstrickten sich in Geldwäsche und illegales Glücksspiel. Gleichzeitig fehlte dem neuen Chef Natthaphong das Charisma eines Thanathorn oder Pita. Er wurde von profilierteren Parteikollegen wie Rangsiman Rome schlicht in den Schatten gestellt.

Die Arroganz der „Echokammer“

Ein weiteres Problem war die soziale Kluft. Während die Partei in Bangkok triumphiert und alle 33 Wahlkreise gewinnt, findet sie auf dem Land kaum Gehör. „Man kann sich nicht nur auf die Online-Echokammer verlassen“, warnt Chaipong Samnieng. Dass radikale Anhänger der Partei Wähler anderer Lager als „dumm“ oder „arm“ beschimpften, trieb die Landbevölkerung nur noch tiefer in die Arme der Konservativen.

Wie geht es weiter?

Die Wahlbeteiligung sank von 75 % auf 65 % – ein Zeichen für die Resignation der Jugend. Im März oder April will die Volkspartei auf einer Generalversammlung den Vorstand umbilden. Doch der Weg zurück zur Macht ist steinig. Orapan Jantarueng, Kandidatin aus Chiang Mai, bringt es auf den Punkt: „Gute Oppositionsarbeit reicht nicht mehr. Wir müssen in den lokalen Netzwerken präsent sein, auch wenn gerade kein Wahlkampf ist.“

Die „Orange Welle“ ist nicht verschwunden, aber sie hat ihre zerstörerische Kraft verloren. Ob sie sich zu einer neuen Flut aufbauen kann oder als Rinnsal in der thailändischen Bürokratie versickert, wird die Neuausrichtung im Frühjahr zeigen.

 

STIN // AI

Von stin

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