WASHINGTON – Es sollte die Geburtsstunde einer neuen Ära des Friedens in Südostasien sein, doch hinter den Kulissen brodelt es gefährlich. In einem exklusiven Interview mit Reuters am Rande seines Washington-Besuchs warf der kambodschanische Premierminister Hun Manet dem Nachbarland Thailand vor, trotz eines mühsam ausgehandelten Waffenstillstands weiterhin kambodschanisches Territorium zu besetzen.

Ein brüchiger Frieden unter US-Aufsicht

Eigentlich ist Hun Manet in die US-Hauptstadt gereist, um dem von US-Präsident Donald Trump ins Leben gerufenen „Friedensrat“ beizuwohnen. Das Gremium, ursprünglich zur Überwachung des Gaza-Friedensplans konzipiert, soll nach dem Willen Trumps nun weltweit als diplomatische Eingreiftruppe fungieren. Doch die Realität an der 817 Kilometer langen Grenze zwischen Kambodscha und Thailand spottet derzeit jeder diplomatischen Erfolgsmeldung.

„Die Lage ist fragil“, warnte Hun Manet in seinem ersten großen internationalen Medienauftritt seit seiner Machtübernahme im Jahr 2023. Zwar schweigen die Waffen seit dem 27. Dezember offiziell, doch von Normalität kann keine Rede sein.

Schiffscontainer und Stacheldraht: Die „Fakten vor Ort“

Der kambodschanische Regierungschef fand deutliche Worte für das Vorgehen des thailändischen Militärs. Er beschuldigte Bangkok, Truppen tief in Gebieten stationiert zu haben, die Thailand in der Vergangenheit selbst als kambodschanisch anerkannt habe.

„Dies ist keine bloße Anschuldigung, sondern eine Darstellung der harten Fakten vor Ort“, so Hun Manet.

Berichten zufolge riegeln thailändische Streitkräfte ganze Areale mit Schiffscontainern und Stacheldraht ab. Für Hunderttausende Zivilisten, die vor den schwersten Gefechten seit über einem Jahrzehnt geflohen waren, bleibt die Rückkehr in ihre Heimat damit ein lebensgefährliches Wagnis. Kambodscha könne diese „Verletzung der Souveränität“ nicht dauerhaft hinnehmen, betonte der Premier.

Diplomatische Schockwellen

Die Vorwürfe treffen Thailand zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Das thailändische Außenministerium hüllte sich nach den Äußerungen zunächst in Schweigen, betonte jedoch zuvor, dass die Truppenpräsenz lediglich der Deeskalation diene. Eine Besetzung fremden Territoriums wird strikt bestritten.

Für die US-Administration steht viel auf dem Spiel. Nachdem ein im Oktober unterzeichnetes Abkommen bereits nach wenigen Wochen kollabierte, ist der aktuelle Waffenstillstand das Aushängeschild der Trump’schen Vermittlungsbemühungen in der Region. Hun Manet fordert nun, dass eine gemeinsame Grenzkommission unverzüglich die Arbeit aufnimmt, um den schwelenden Konflikt endgültig zu lösen.


Kurskorrektur in Phnom Penh?

Neben dem Grenzkonflikt nutzte Hun Manet die Bühne in Washington für eine Charmeoffensive gegenüber dem Westen. Er lobte die verbesserten Beziehungen zur US-Regierung und versprach ein hartes Durchgreifen gegen die berüchtigten Cyberbetrugszentren, die Kambodscha international in Verruf gebracht haben.

Ob diese Annäherung an Washington ausreicht, um den Druck auf Thailand zu erhöhen, bleibt abzuwarten. Sicher ist nur: Der Frieden im Schatten der Tempelruinen hängt an einem seidenen Faden.

 

STIN // AI

Von stin

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