SEOUL – Es war ein Beben, das die Grundfesten einer der stabilsten Demokratien Asiens erschütterte. Am Donnerstag fand das politische Drama um Südkoreas ehemaligen Präsidenten Yoon Suk Yeol sein vorläufiges Ende: Das Bezirksgericht Seoul verurteilte den in Ungnade gefallenen Ex-Staatschef wegen eines versuchten Staatsstreichs zu lebenslanger Haft.

Was als verzweifelter Versuch begann, die Macht mit Waffengewalt zu zementieren, endete für den 65-jährigen Yoon in der totalen Isolation. Der Mann, der einst als „Star-Staatsanwalt“ das Recht verteidigte, wurde nun von eben jenem System für schuldig befunden, einen Aufstand angeführt zu haben, um seine politischen Gegner in der Nationalversammlung buchstäblich zu „lähmen“.

Sechs Stunden am Abgrund

Rückblick: Im Dezember 2024 hielt die Welt den Atem an. In einer abrupten, nächtlichen Fernsehansprache verkündete Yoon das Kriegsrecht. Mit martialischer Rhetorik schwor er, „staatsfeindliche Kräfte“ auszumerzen und die zivile Ordnung durch eine Militärherrschaft zu ersetzen.

Obwohl der Spuk nur sechs Stunden dauerte, löste er eine landesweite Panik aus. Während Yoon Truppen entsandte, um das Parlamentsgebäude zu stürmen und Kritiker zu verhaften, spielten sich im Inneren des Hohen Hauses filmreife Szenen ab: Abgeordnete verbarrikadierten Türen mit Büromöbeln, um das Militär aufzuhalten, und erzwangen in einer dramatischen Dringlichkeitssitzung die Aufhebung des Dekrets.

Ein Urteil ohne Reue

„Die Verhängung des Kriegsrechts hat enorme soziale Kosten verursacht“, erklärte der vorsitzende Richter Ji Gwi-yeon in seiner Urteilsbegründung. Besonders schwer wog für das Gericht, dass Yoon bis zuletzt keinerlei Anzeichen von Reue zeigte. Der Richter beschrieb den Ex-Präsidenten als „fixiert“ auf die Idee, die Opposition wolle ihn neutralisieren – ein Tunnelblick, der ihn zur illegalen Machtgreifung trieb.

Die Staatsanwaltschaft hatte ursprünglich die Todesstrafe gefordert. In Südkorea herrscht jedoch ein inoffizielles Moratorium; die letzte Hinrichtung liegt fast drei Jahrzehnte zurück. So blieb es bei lebenslanger Haft – eine Strafe, die nach südkoreanischem Recht neben dem Tod die einzige rechtlich zulässige Konsequenz für einen Aufstand darstellt.

„Machtgier“ vs. „Freiheit“

Yoon selbst inszenierte sich während des Prozesses als Retter der Verfassung, der gegen eine „legislative Diktatur“ der Opposition gekämpft habe. Die Anklage hingegen zeichnete das Bild eines Mannes, der von purer Machtgier und dem Traum von einer langfristigen Diktatur getrieben war. Der gescheiterte Putsch weckte in der Bevölkerung traumatische Erinnerungen an die Militärdiktaturen der 60er bis 80er Jahre.

Ein gespaltenes Land vor den Toren des Gerichts

Draußen vor dem Gerichtsgebäude spiegelte sich die Zerrissenheit der Nation wider:

  • Die Getreuen: Tausende Anhänger schwenkten Plakate mit Slogans wie „Yoon Great Again“ und forderten seine Freilassung.

  • Die Enttäuschten: Gegendemonstranten zeigten sich schockiert über die „milde“ Strafe. „Wir hatten mit der Todesstrafe gerechnet“, empörte sich die 60-jährige Lim Choon-hee. „Er ist zu glimpflich davongekommen.“

Falltiefe: Vom Präsidentenpalast in die Zelle

Zusätzlich zur lebenslangen Haft wurde Yoon bereits wegen geringerer Vergehen zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Sein neues Zuhause wird das chronisch überfüllte Gefängnissystem sein – ein brutaler Kontrast zu dem Luxusleben, das er während seines rasanten Aufstiegs genoss.

Auch seine engsten Verbündeten entgingen der Justiz nicht:

  • Kim Yong-hyun (ehem. Verteidigungsminister): 30 Jahre Haft.

  • Noh Sang-won (ehem. General): 18 Jahre Haft.

Yoons Verteidiger deutete an, dass eine Berufung aussichtslos sein könnte, nannte das Urteil eine „vorab festgelegte Schlussfolgerung“. Ob der Ex-Präsident jemals wieder die Freiheit sieht, ist ungewiss. Frühestens nach 20 Jahren könnte er theoretisch einen Antrag auf Bewährung stellen.

Südkorea atmet auf, doch die Narben dieses Dezembers 2024 werden noch lange sichtbar bleiben.

 

STIN // AI

Von stin

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gg1655
gg1655
18 Tage zuvor

Ich befürchte demnächst ein ähnliches Szenario in den USA. Hoffentlich mit selbem Ausgang und ohne Blutvergießen vorher bzw. während.

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