Nach Jahren als „kranker Mann Asiens“ sendet Thailand im vierten Quartal 2025 ein kräftiges Lebenszeichen. Ein überraschender Wachstumsschub sorgt für Euphorie an den Märkten, doch Experten warnen: Der Patient braucht noch lange Physiotherapie, bevor er wieder mit den Nachbarn um die Wette laufen kann.
BANGKOK – Die Metapher war bewusst gewählt und saß: „Thailand hat die Intensivstation verlassen“, verkündete Finanzminister Ekniti Nitithanprapas jüngst mit Blick auf die neuesten Wirtschaftsdaten. Mit einem Wachstum von 2,5 Prozent im letzten Quartal 2025 stemmt sich das Königreich gegen das Image des ewigen Sorgenkinds der Region.
Der „Quick Big Win“ der Regierung
Lange Zeit hinkte Thailand seinen dynamischen Nachbarn hinterher. Doch kurz vor der Auflösung des Repräsentantenhauses im Dezember zündete die Regierung unter Anutin Charnvirakul ein fiskalisches Feuerwerk. Ekniti schreibt den Erfolg vor allem den „Quick Big Win“-Maßnahmen zu. Das Herzstück: Das Zuzahlungsprogramm „Khon La Khrueng Plus“.
Rund 20 Millionen Bürger erhielten staatliche Zuschüsse von 50 Prozent auf Alltagsgüter, flankiert von Steuererleichterungen im Tourismus und Direkthilfen für die Ärmsten. Das Ergebnis: Der private Konsum schoss im vierten Quartal um 3,3 Prozent nach oben. Zusammen mit massiven staatlichen Bauinvestitionen von über 92 Milliarden Baht wurde das Jahreswachstum 2025 auf 2,4 Prozent gehievt – ein Wert, der selbst kühne Prognosen übertraf.
Börsenrausch und politische Schatten
Die Euphorie schwappte direkt auf das Parkett der Börse über. Seit den Wahlen im Februar ist der Leitindex SET um über 17 Prozent nach oben geschnellt. Investoren setzen auf Stabilität: Die Bhumjaithai-Partei ging mit 193 Sitzen als klarer Sieger aus den Wahlen hervor und schürt die Hoffnung auf eine vierjährige, verlässliche Regierungszeit.
Doch der Optimismus steht auf tönernen Füßen. „Der Markt wettet auf politische Stabilität“, erklärt Paiboon Nalinthrangkurn, CEO von TISCO Securities. Aber über dem Wahlsieg schwebt ein dunkler Schatten: Berichte über Unregelmäßigkeiten und Manipulationsvorwürfe könnten das Ergebnis noch zu Fall bringen. Sollte die Wahl annulliert werden, droht der Börse ein jäher Absturz.
Das „Krankenhaus-Dilemma“: Wachstum am Tropf
Trotz der Jubelmeldungen bleibt die Skepsis unter Ökonomen groß. Pipat Luengnaruemitchai, Chefökonom der Kiatnakin Phatra Financial Group, wählt ein deutlich vorsichtigeres Bild als der Finanzminister:
„Wir sind vielleicht von der Intensivstation runter, aber definitiv noch nicht aus dem Krankenhaus entlassen. Wir brauchen jetzt Physiotherapie, um unser volles Potenzial auszuschöpfen.“
Der Vergleich mit der Konkurrenz schmerzt: Während Thailand mühsam die 2-Prozent-Marke verteidigt, sprinten die Nachbarn davon. Vietnam (8,0 %), Singapur (6,9 %) und Malaysia (6,3 %) spielen in einer anderen Liga.
Die Suche nach dem neuen Motor
Thailands Problem ist strukturell. Das aktuelle Wachstum ist teuer erkauft – es hängt am Tropf staatlicher Stimuli und Einmaleffekten wie dem Boom bei Elektrofahrzeugen durch auslaufende Steuerboni.
-
Haushaltsdisziplin: Der Spielraum für weitere Milliarden-Geschenke ist erschöpft.
-
Wettbewerbsfähigkeit: Ohne echte Reformen droht das Land den Anschluss endgültig zu verlieren.
Für 2026 prognostiziert der staatliche Thinktank NESDC ein moderates Wachstum von rund 2 Prozent. Ob Thailand wirklich wieder zu einem „Tigerstaat“ aufsteigt oder nur ein Patient auf Genesungsurlaub bleibt, wird sich daran entscheiden, ob die neue Regierung den Mut zu einem „neuen Wachstumsmotor“ aufbringt – jenseits von kurzfristigen Cash-Geschenken.
STIN // AI