CHIANG MAI – Es war ein stiller Protest, der dennoch laut widerhallte. Vor dem US-Generalkonsulat in Chiang Mai versammelte sich gestern eine kleine Gruppe von Demonstranten zu einem friedlichen Sitzstreik. An ihrer Spitze: Dr. Rungsrit Kanjanavanit, ein renommierter pensionierter Kardiologe und ehemaliger Dozent der Universität Chiang Mai, der sein Stethoskop gegen Protestplakate eingetauscht hat.
„Make America Good Again“
Dr. Rungsrit, der in der Region gleichermaßen als Mediziner wie als engagierter Sozial- und Umweltaktivist bekannt ist, platzierte sich auf einer einfachen Matte direkt vor dem Hochsicherheitstrakt des Konsulats. Seine Botschaft, verfasst in klarem Englisch, richtete sich direkt an das Weiße Haus. Auf den Schildern standen Sätze, die von einer tiefen Enttäuschung zeugen: „No War“, „This is not the America we know“ und die eindringliche Forderung „Make America Good Again“.
Der Kern des Protests ist ein spezifischer, tragischer Vorfall: ein tödlicher Angriff auf eine Mädchengrundschule im Iran sowie US-Militäraktionen, die zivile Opfer und den Tod iranischer Seeleute forderten. Die Demonstranten werfen den USA vor, das Völkerrecht mit Füßen zu treten und die moralische Führungsrolle, die das Land einst in der Weltgemeinschaft innehatte, leichtfertig zu verspielen.
Kritik an den Mächtigen, Hoffnung auf das Volk
In einer verlesenen Erklärung betonte die Gruppe, dass sich ihr Zorn nicht gegen die US-Bürger richte, sondern gegen die Entscheidungen ihrer Regierung. Während sie auch den russischen Einmarsch in die Ukraine und die Unterdrückung durch das iranische Regime verurteilten, kritisierten sie scharf, dass die USA – der selbsternannte Verteidiger der Rechtsstaatlichkeit – bisher keine Verantwortung für die jüngsten zivilen Opfer übernommen haben.
„Die Welt schaut zu“, so Rungsrit in seiner Erklärung. „Nicht als Feind, sondern in der Hoffnung, dass das amerikanische Volk seine Nation wieder zu Weisheit, Zurückhaltung und Frieden führen wird.“
Ein „gewöhnlicher Mensch“ gegen die Ohnmacht
Trotz eines massiven Aufgebots an Polizei in Uniform und Zivil blieb die Lage vollkommen geordnet. Nach dem Verlesen der Botschaften und dem Platzieren der Plakate am Konsulatsschild löste sich die Gruppe friedlich auf.
Später reflektierte Dr. Rungsrit die Aktion auf seiner Facebook-Seite. Auf die Frage vieler Skeptiker, was ein einzelner Mann auf einer Matte bewirken könne, antwortete er mit entwaffnender Aufrichtigkeit:
„Vielleicht haben sie recht und es bedeutet nichts. Aber ich wollte meinen Gefühlen treu bleiben und das tun, was ein gewöhnlicher Mensch wie ich eben tun kann.“
Der Kardiologe bedankte sich bei drei neuen Mitstreitern, die spontan geholfen hatten, die Schilder zu halten, und entschuldigte sich bei der Polizei für die Unannehmlichkeiten – eine Geste, die den friedfertigen Charakter dieses ungewöhnlichen diplomatischen Weckrufs unterstrich.
STIN // AI