Bangkok – Er ist zurück, und er hat Hunger auf Veränderung. Nach 15 Jahren politischer Abstinenz feierte Warong Dechgitvigrom, der einzige Abgeordnete der rechtskonservativen Thai Pakdee Partei, ein lautstarkes Comeback im thailändischen Repräsentantenhaus. Doch statt über große Gesetzespakete zu debattieren, stach der 64-Jährige direkt in ein Wespennest der Privilegien: das kostenlose Mittagessen der Volksvertreter.
Bereits bei der konstituierenden Sitzung am 15. März, die eigentlich der Wahl des neuen Parlamentssprechers gewidmet war, sorgte Warong für einen Eklat. In einer flammenden Rede forderte der viermalige Abgeordnete das sofortige Ende der steuerfinanzierten Verpflegungspauschalen.
„Kauft euch euer Essen selbst!“
„Jeder Abgeordnete verdient derzeit ein monatliches Gehalt von 113.560 Baht“, rief Warong in den Saal, während erste Protestrufe laut wurden. „Warum geben wir Steuergelder für Mittagessen aus? Warum kaufen die Abgeordneten ihre Mahlzeiten nicht selbst?“
Die Zahlen geben seinem Vorstoß eine pikante Note: Jeder Parlamentarier erhält eine tägliche Verpflegungspauschale von 1.000 Baht. Hochgerechnet auf das Jahr verschlingt dieser Posten rund 72 Millionen Baht (etwa 1,8 Millionen Euro). Während Befürworter argumentieren, die Pauschale sichere die Arbeitsfähigkeit bei Marathonsitzungen, sieht Warong darin ein Symbol für die Respektlosigkeit gegenüber dem Steuerzahler.
Abfuhr vom Parlamentspräsidenten
Die Reaktion der Kollegen fiel unterkühlt aus. Der neu gewählte Parlamentspräsident Sophon Saram kanzelte den Vorstoß als „irrelevanten Vorschlag“ ab und zeigte sich sichtlich verärgert über die Abweichung von der Tagesordnung. Doch während die Abgeordneten im Saal murrten, erntete Warong im Netz einen Sturm der Begeisterung. Thailändische Internetnutzer feierten den „seltsamen“ Einwurf als längst überfälliges Signal gegen die Selbstbedienungsmentalität der Elite.
Warong ließ sich nicht beirren. Am 19. März, dem Tag der Wahl des Premierministers, setzte er noch einen drauf: Er lud den wiedergewählten Regierungschef Anutin Charnvirakul öffentlich dazu ein, mit ihm in die Kantine zu gehen und – wie jeder gewöhnliche Bürger – selbst zu bezahlen. Da die Einladung unbeantwortet blieb, speiste der Thai-Pakdee-Chef schließlich allein. Sein demonstratives Mahl: Eine Nudelsuppe für bescheidene 60 Baht.
Vom OP-Saal in den politischen Ring
Hinter dem provokanten Auftreten steckt ein erfahrener Taktiker mit medizinischem Hintergrund. Der 1961 geborene Warong war ursprünglich Arzt und leitete zwei staatliche Krankenhäuser, bevor ihn sein politischer Idealismus 2003 in die Thai Rak Thai Partei von Thaksin Shinawatra führte. Ein kurzes Gastspiel: Da er nicht als Kandidat nominiert wurde, wechselte er bereits ein Jahr später zu den Demokraten.
Dort erarbeitete er sich schnell den Ruf eines gnadenlosen Korruptionsbekämpfers. Es war Warong, der die massiven Unregelmäßigkeiten im Reisverpfändungssystem der Regierung Yingluck Shinawatra aufdeckte – Enthüllungen, die letztlich zu strafrechtlichen Verurteilungen hochrangiger Beamter und der Premierministerin selbst führten.
Ein einsamer Kämpfer für die Krone
Nach einer wechselvollen Odyssee durch verschiedene Lager – inklusive eines schmerzhaften Mandatsverlusts 2019 und dem Bruch mit der Führung der Demokraten – gründete er 2020 seine eigene Bewegung: Thai Pakdee. Die Partei gilt als streng konservativ, nationalistisch und loyal gegenüber der Monarchie.
Obwohl die Partei bei ihrem Debüt 2023 zunächst scheiterte, reichten die Stimmen im Februar dieses Jahres knapp aus, um Warong über die Parteiliste zurück ins Parlament zu hieven. Als einziger Vertreter seiner Fraktion scheint er entschlossen zu sein, die Rolle des unbequemen Mahners auszufüllen.
Ob die 60-Baht-Nudelsuppe tatsächlich das Ende der 1.000-Baht-Pauschale einleitet, bleibt fraglich. Doch eines hat Warong Dechgitvigrom bereits erreicht: Er hat bewiesen, dass man auch als einzelner Abgeordneter den gesamten Apparat nervös machen kann – wenn man bereit ist, den Finger in die Wunde (oder auf den Teller) zu legen.
Redaktion STIN // CTN-Media