Ein thailändischer Fabrikarbeiter wird Opfer einer brutalen Attacke durch seinen Chef. Trotz illegalem Aufenthaltsstatus erfährt er nun beispiellose Solidarität vom Staat – während gegen den Arbeitgeber wegen schwerer Gewalt ermittelt wird.
HWASEONG – Es sind Szenen, die man eher in einem düsteren Thriller als in einer modernen Industrienation vermuten würde: In einer Fabrikhalle in Hwaseong, rund 60 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Seoul, soll ein Fabrikbesitzer am 20. Februar seine Luftpistole auf einen Angestellten gerichtet und abgedrückt haben. Das Opfer: Ein thailändischer Wanderarbeiter in seinen 40ern, dessen Visum bereits im Sommer 2020 abgelaufen war.
Zwischen OP-Saal und Abschiebegefahr
Der Mann wurde durch den Schuss schwer verletzt und musste im Osan Hankook Krankenhaus in Suwon notoperiert werden. Während er sich mühsam von den Verletzungen erholt, rückte sein Fall in das Zentrum einer nationalen Debatte über Menschenwürde und Arbeitsrechte. Besonders schockierend: Anstatt medizinische Hilfe zu rufen, soll der Chef versucht haben, den verletzten Mann zur sofortigen Ausreise nach Thailand zu drängen – offenbar in der Hoffnung, die Tat so vertuschen zu können.
„Keine Diskriminierung“ – Staat garantiert Hilfe
Doch der Plan schlug fehl. Die Empörung in der südkoreanischen Öffentlichkeit ist so groß, dass sich nun sogar die höchste staatliche Ebene eingeschaltet hat. Präsident Lee Jae-myung verurteilte den Vorfall scharf und bezeichnete Gewalt gegen schutzbedürftige Wanderarbeiter als ein „unerträgliches Verbrechen“.
In einer bemerkenswerten Kehrtwende der Behörden steht nun der Schutz des Opfers über dem Aufenthaltsrecht:
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Keine Abschiebung: Das Justizministerium hat die Ausweisung des Thailänders ausgesetzt, um die Ermittlungen sicherzustellen und ihm eine Genesung zu ermöglichen.
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Gleichbehandlung bei Entschädigung: Der staatliche Dienst für Arbeitnehmerentschädigung (COMWEL) betonte gegenüber der Korea Times, dass der illegale Status keine Rolle für den Versicherungsschutz spielt. „Wir behandeln koreanische und ausländische Arbeiter nach denselben Standards“, so ein Beamter.
Ermittlungen gegen den Fabrikbesitzer
Für den über 60-jährigen Fabrikbesitzer wird die Luft dünn. Die Polizei hat ein Ausreiseverbot gegen ihn verhängt. Während er behauptet, der Schuss sei „nicht zum Spaß“ gefallen und er habe niemanden zur Flucht gedrängt, ermitteln die Behörden wegen gefährlicher Körperverletzung und Nötigung. Parallel dazu hat das Arbeitsministerium die Fabrik in Hwaseong einer genauen Inspektion unterzogen.
Der Fall, der auch von internationalen Menschenrechtsorganisationen wie dem Business and Human Rights Centre beobachtet wird, könnte zu einem Wendepunkt für die Rechte der Tausenden „unsichtbaren“ Arbeiter in Südkorea werden. In einem Land, das händeringend auf Arbeitskräfte aus Südostasien angewiesen ist, stellt dieser Vorfall die Frage: Wie viel ist ein Menschenleben wert, wenn die Papiere fehlen?
STIN // AI