In Südostasien verschieben sich die tektonischen Platten der Geopolitik: Erstmals seit Jahren führt China in der Gunst der ASEAN-Staaten knapp vor den USA. Besonders deutlich wird dieser Trend in Thailand – einem Land, das eigentlich als loyaler Militärpartner Washingtons gilt, sich aber zunehmend in den wirtschaftlichen und politischen Orbit Pekings begibt.


Ein Wendepunkt in der öffentlichen Meinung

Die Ergebnisse der achten jährlichen Studie „State of Southeast Asia“ des renommierten ISEAS-Yusof-Ishak-Instituts aus Singapur lassen aufhorchen. Unter den 2.008 befragten Experten aus Politik, Wirtschaft und Medien gaben 52 Prozent an, China gegenüber den USA den Vorzug zu geben. Das ist ein historischer Wendepunkt, nachdem Washington zwischen 2020 und 2023 das Ranking noch angeführt hatte.

In Thailand ist die Tendenz sogar noch ausgeprägter: 55 Prozent der Thailänder sprechen sich für Peking aus, während nur 45 Prozent die USA favorisieren. Dieser Stimmungswandel trifft auf eine neue politische Realität in Bangkok: Die Regierung unter dem frisch im Amt befindlichen Premierminister Anutin Charnvirakul steht vor der Mammutaufgabe, diese öffentliche Sehnsucht nach China mit den bestehenden Sicherheitsgarantien der USA in Einklang zu bringen.

Vor dem Sturm: Das „Epic Fury“-Vakuum

Ein entscheidendes Detail der Umfrage ist ihr Timing: Die Daten wurden zwischen dem 5. Januar und dem 20. Februar 2026 erhoben. Damit spiegeln sie die Stimmung vor der US-Operation „Epic Fury“ gegen den Iran wider. Experten sind sich einig: Die Eskalation im Nahen Osten und die Unberechenbarkeit der US-Außenpolitik unter Präsident Donald Trump – insbesondere die Sorgen vor neuen Handelszöllen – haben das Vertrauen in die Schutzmacht USA bröckeln lassen.

„Die Umfrage zeigt weniger eine endgültige Entscheidung für einen Block, sondern vielmehr das Bemühen der Region, eine gefährliche binäre Wahl zu vermeiden“, ordnet der ehemalige US-Botschafter Scot Marciel die Ergebnisse ein.

Ein Block der Gegensätze

Trotz des leichten Vorsprungs für China bleibt Südostasien ein tief gespaltener Kontinent. Thailand findet sich in einer heterogenen Nachbarschaft wieder:

  • Das Pro-China-Lager: Indonesien führt die Liste mit einer überwältigenden Zustimmung von 80,1 Prozent für China an, gefolgt von Malaysia (68 %) und Singapur (66,3 %).

  • Die US-Bastionen: Die Philippinen stehen mit 76,8 Prozent treu zu Washington. Überraschend: Auch in Vietnam (59,2 %), Myanmar (61,4 %) und Kambodscha (61 %) genießen die USA weiterhin hohe Sympathiewerte – oft als strategisches Gegengewicht zu Chinas Dominanz.

Thailands Dilemma: Bündnispflicht vs. Wirtschaftsrealität

Für Thailand ist das Ergebnis besonders heikel. Als formaler militärischer Verbündeter der USA ist das Land strukturell an Washington gebunden. Doch seit dem Staatsstreich von 2014 hat Bangkok seine wirtschaftlichen Fühler immer stärker nach Norden ausgestreckt.

China wird in der gesamten Region von 55,9 Prozent der Befragten als die dominierende Wirtschaftsmacht wahrgenommen. In Thailand wird diese Realität durch eine pragmatische „Zweigleisigkeit“ gelebt: Man übt den militärischen Schulterschluss mit den USA, während man die ökonomische Zukunft in der Partnerschaft mit Peking sieht.

Fazit: Fragiles Gleichgewicht im „Zentrum der Spaltung“

Die ASEAN-Staaten mit ihren rund 680 Millionen Einwohnern weigern sich, Spielfiguren in einem neuen Kalten Krieg zu sein. Doch während Länder wie Vietnam und die Philippinen den Schutz der USA suchen, um sich gegen Pekings Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer zu behaupten, driftet Thailand – das „Herz Festlandsüdostasiens“ – langsam in die andere Richtung.

Die Umfrage von 2026 beweist: Die Ära der unangefochtenen US-Dominanz in Südostasien ist vorbei. Thailand spiegelt dieses neue, fragile Gleichgewicht perfekt wider – ein Land im Spagat zwischen alter Treue und neuen Profiten.

 

STIN // AI

Von stin

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