Die globale Handelsarchitektur befindet sich in einem tektonischen Umbruch. Multilaterale Institutionen verlieren an Gewicht, Handelshemmnisse nehmen zu, und Länder weltweit reagieren mit einem dichten Netz bilateraler und regionaler Freihandelsabkommen. Mittendrin: Thailand – ein Land, das sich zwischen wachsenden Chancen und ernsthaften Bedrohungen seiner Exportwirtschaft neu orientieren muss.
Ein Abkommen, das die Spielregeln verändert
Der 27. Januar 2026 markiert eine Zäsur in der Welthandelsgeschichte. Nach mehr als zwei Jahrzehnten zäher Verhandlungen unterzeichneten die Europäische Union und Indien ihr gemeinsames Freihandelsabkommen – und schufen damit laut dem unabhängigen Wirtschaftswissenschaftler Aat Pisanwanich das größte Freihandelsabkommen, das beide Parteien jemals abgeschlossen haben. Fast zwei Milliarden Menschen, rund 25 Prozent der Weltbevölkerung, leben in den beteiligten Märkten. Gemeinsam erwirtschaften sie etwa 20 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts.
Die Konsequenzen für den Welthandel sind immens – und für Thailand besonders spürbar.
Bislang wurden indische Exporte in die EU mit Einfuhrzöllen zwischen 4 und 26 Prozent belastet, je nach Produktkategorie. Besonders betroffen waren arbeitsintensive Güter: Textilien, Bekleidung, Lederwaren, Schuhe und Meeresfrüchte – allesamt Kernexportprodukte Indiens. Mit dem neuen Abkommen gewährt die EU Indien Zollpräferenzen auf 99,5 Prozent des gesamten Exportwerts. Die meisten Produkte sind künftig sofort zollfrei, der Rest profitiert von schrittweisen Senkungen oder Zollkontingenten. Die vollständige Umsetzung wird aufgrund von Ratifizierungs- und Übersetzungsprozessen für Anfang 2027 erwartet.
Thailands Exporteure unter Zugzwang
Die Rechnung für Thailand ist einfach – und unangenehm. Während Indien nun nahezu zollfrei in die EU exportieren kann, zahlen thailändische Produzenten weiterhin Meistbegünstigungszölle zwischen 0 und rund 26 Prozent. Das verschafft indischen Wettbewerbern einen erheblichen Preisvorteil auf dem europäischen Markt.
„Dies erhöht das Risiko von Handelsumlenkungen“, warnt Ökonom Pisanwanich. Konkret: Europäische Importeure könnten zunehmend von thailändischen Waren auf günstigere indische Alternativen umsteigen. Am stärksten gefährdet sind Sektoren, die preissensitiv und arbeitsintensiv produzieren – also genau jene Industrien, in denen Indien traditionell stark aufgestellt ist: Bekleidung und Textilien sowie Meeresfrüchte und verarbeitete Meeresfrüchteprodukte.
Doch auch im gehobenen Segment bleibt Thailand nicht verschont. Edelsteine und Schmuck – eine der Stärken des Landes – werden künftig verstärktem Wettbewerb ausgesetzt sein. Allerdings, so Pisanwanich, könne Thailand seine Wettbewerbsfähigkeit im mittleren und oberen Marktsegment durch konsequente Qualitäts- und Designstrategie verteidigen.
Erschwerend kommt hinzu: Thailand steht nicht nur durch das EU-Indien-Abkommen unter Druck, sondern auch durch das bereits bestehende Freihandelsabkommen zwischen der EU und Vietnam.
Die Verhandlungen mit Brüssel: Elf von 24 Kapiteln abgeschlossen
Genau deshalb gewinnen die laufenden Freihandelsverhandlungen zwischen der EU und Thailand an strategischer Dringlichkeit. Chotima Iemsawasdikul, Generaldirektorin der thailändischen Abteilung für Handelsverhandlungen (DTN), berichtet von stetigen Fortschritten: In bislang acht Gesprächsrunden – die jüngste davon in Chiang Mai – konnten 11 von 24 Kapiteln abgeschlossen werden.
Die jüngsten Einigungen betreffen drei neue Kapitelblöcke: Erstens Handelsschutzmaßnahmen, die es ermöglichen, bei Import-spitzen infolge von Zollsenkungen gegenzusteuern. Zweitens Ausnahmeregeln für öffentliche Gesundheit, Umweltschutz und nationale Sicherheit. Drittens Regelungen zur Inländerbehandlung und zum Marktzugang für den Warenhandel. Zudem wurde eine Einigung zu Lieferdiensten im Dienstleistungs- und Investitionskapitel erzielt, was Wettbewerb und regulatorische Transparenz in diesem Sektor fördern soll.
In früheren Runden hatten sich beide Seiten bereits auf Regelungen zu bewährten regulatorischen Praktiken, Zollverfahren und Handelserleichterungen, nachhaltigen Ernährungssystemen, Handel und nachhaltiger Entwicklung, KMU-Förderung, technischen Handelshemmnissen und Kapitalverkehr verständigt. Wesentliche Fortschritte gibt es auch bei staatseigenen Unternehmen, Wettbewerbspolitik und dem Automobilanhang. Die Verhandlungen zu geistigem Eigentum, Streitbeilegung, Marktzugang sowie öffentlichem Beschaffungswesen laufen parallel weiter.
Das erklärte Ziel beider Seiten: Abschluss der Verhandlungen noch in diesem Jahr. Die nächste Runde ist für Juni geplant. Die wirtschaftliche Grundlage ist dabei beträchtlich: Im Jahr 2025 war die EU Thailands viertgrößter Handelspartner mit einem bilateralen Handelsvolumen von 45,03 Milliarden US-Dollar – ein Plus von 3,44 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Thailand exportierte Waren im Wert von 26,4 Milliarden Dollar in die EU und importierte für 18,5 Milliarden Dollar.
Krise als Chance: Wie Thailand sich neu positionieren kann
Pisanwanich mahnt zu einer nüchternen, aber strategischen Lagebewertung: Das EU-Indien-Abkommen sei kein Schicksal, das Thailand passiv hinnehmen müsse. Jede Krise berge auch Chancen – wenn man sie proaktiv nutze.
Sein Dreipunkteplan für Bangkok: Erstens sollte Thailand seine Rolle als Zulieferer für indische Exportindustrien ausbauen, die auf den europäischen Markt zielen. Denn Indien wird wachsende Mengen an Vorprodukten benötigen. Thailand erzielt bereits erhebliche Handelsüberschüsse mit Indien bei Chemikalien und Beschichtungen. Hinzu kommen Wachstumspotenziale bei textilen Zwischenprodukten – etwa Baumwoll- und Synthesefasergewebe – sowie bei Automobilteilen.
Zweitens muss Bangkok die Freihandelsverhandlungen mit der EU entschieden beschleunigen. Ohne einen zeitnahen Abschluss werden arbeitsintensive thailändische Exportwaren auf dem europäischen Markt systematisch Marktanteile an Indien verlieren.
Drittens – und das ist vielleicht die langfristig entscheidende Weichenstellung – muss Thailand seine Produktionsstandards an die Umwelt- und Nachhaltigkeitsanforderungen der EU anpassen: den CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) und die Regelungen zu Menschenrechten und Arbeitsbedingungen. Diese Normen sind längst keine rein technischen Handelshemmnisse mehr, sondern werden zu geopolitischen Weichen – und wer sie erfüllt, verschafft sich einen strategischen Vorsprung sowohl im direkten EU-Zugang als auch als bevorzugter Zulieferer für Indien.
Die Botschaft ist klar: Thailand hat die Mittel und das Potenzial, um in der sich neu ordnenden Weltwirtschaft eine starke Rolle zu spielen. Voraussetzung ist, dass Bangkok nicht abwartet – sondern handelt.