BANDAR SERI BEGAWAN – Inmitten einer eskalierenden globalen Energiekrise steht Südostasien an einem gefährlichen Scheideweg. Während leere Zapfsäulen und drohende Blackouts die Region in Atem halten, richtete die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas in der schwülen Hitze Bruneis einen dringlichen, fast beschwörenden Appell an die ASEAN-Partner: Lassen Sie sich nicht auf den „Pakt mit dem Teufel“ ein – kaufen Sie kein russisches Öl.
Das Dilemma der leeren Tanks
Die Ausgangslage ist dramatisch. Der Nahostkonflikt zwischen den USA, Israel und dem Iran hat die Weltwirtschaft an einer ihrer empfindlichsten Stellen getroffen. Die Straße von Hormus, durch die normalerweise ein Fünftel des weltweiten Öls fließt, ist faktisch dicht. Für Nationen wie Vietnam, Thailand, die Philippinen und Indonesien, deren Wirtschaftsmotor auf günstigen Treibstoff angewiesen ist, bedeutet das den Ausnahmezustand.
In dieser Notlage erscheint das preisreduzierte Öl aus Moskau wie ein Rettungsanker. Doch für Brüssel ist dieser Rettungsanker mit Blut befleckt.
Kallas’ klare Kante: „Das große Ganze sehen“
Kaja Kallas, die estnische Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, wählte im Gespräch mit Reuters nach dem Treffen mit den ASEAN-Außenministern deutliche Worte. Sie erkennt die Not der Region an, fordert aber eine moralische und strategische Weitsicht, die über den nächsten Tankstopp hinausgeht.
„Wir haben eine Energiekrise und brauchen Nachschub. Andererseits muss man das große Ganze sehen: Wenn man russisches Öl kauft, können sie diesen Krieg in der Ukraine fortsetzen“, so Kallas.
Die EU hat erst diesen Monat die Daumenschrauben angezogen und eine neue Runde massiver Sanktionen verabschiedet. Das Ziel ist klar definiert: Moskaus Kriegskasse soll austrocknen. Kallas betonte dabei, dass es der EU nicht darum gehe, südostasiatische Unternehmen zu bestrafen, sondern die globalen Öleinnahmen des Kremls zu kappen.
Die gefährliche Allianz: Moskau, Teheran und die Blockade
Besonders brisant ist Kallas’ Analyse der geopolitischen Verflechtungen. Sie schlägt eine Brücke zwischen den Schlachtfeldern der Ukraine und den blockierten Seewegen im Persischen Golf. Laut der Diplomatin profitiere Russland direkt von der Sperrung der Straße von Hormus durch den Iran. Mehr noch: Wer russisches Öl kaufe, helfe indirekt Teheran dabei, die Seewege geschlossen zu halten – eine Behauptung, die Kallas im Raum stehen ließ, ohne die technischen Details dieser unheilvollen Allianz weiter auszuführen.
Der Trump-Faktor und das „heldenhafte“ Lob
In die diplomatische Mission mischte sich auch eine gehörige Portion Skepsis gegenüber der künftigen Rolle Washingtons. Kallas hinterfragte offen, wie die US-Regierung unter Donald Trump auf die jüngsten Annäherungen zwischen Moskau und Teheran reagieren wird.
Nachdem Russlands Präsident Wladimir Putin den Iran erst am Montag für seinen „heldenhaften“ Kampf gegen Amerika gelobt hatte, stellte Kallas die entscheidende Frage: „Ändert das die Haltung Amerikas gegenüber Russland im Ukraine-Krieg? Denn bisher haben sie es vermieden, den nötigen Druck auf Russland auszuüben.“
Fazit: Ein Kontinent unter Druck
Für die ASEAN-Staaten ist der Appell aus Brüssel eine bittere Pille. Während die EU auf die Verteidigung demokratischer Werte und die Schwächung des Aggressors pocht, kämpfen die Regierungen in Südostasien gegen die soziale Instabilität im eigenen Land. Das Treffen in Brunei hat eines deutlich gemacht: Der Krieg in der Ukraine und die Krise im Nahen Osten sind längst zu einer einzigen, globalen Schicksalsfrage verschmolzen, bei der es um weit mehr geht als nur um den Preis pro Barrel.
Redaktion STIN // CTN-Media