BANGKOK / WASHINGTON D.C. – Es ist ein diplomatisches Déjà-vu mit bitterem Beigeschmack: Zum zehnten Mal in Folge haben die USA Thailand auf ihrer berüchtigten Beobachtungsliste für Handelsfragen belassen. Während das Weiße Haus zwar punktuelle Erfolge im Kampf gegen Produktpiraterie lobt, bleibt der Druck auf das Königreich massiv. Der Vorwurf aus Washington: Im thailändischen Online-Handel und im Streaming-Bereich herrscht nach wie vor der „Wilde Westen“.


Ein Jahrzehnt unter Beobachtung

Der am Freitag in Washington veröffentlichte „Sonderbericht 301“ des US-Handelsbeauftragten (USTR) liest sich wie ein Zeugnis mit dem Vermerk „stets bemüht, aber Ziel nicht erreicht“. Zwar schaffte Thailand bereits 2017 den Sprung von der „Prioritätsliste“ (der Stufe der schlimmsten Sünder) auf die einfachere Beobachtungsliste, doch dort stagniert das Land nun seit einer Dekade.

Thailand teilt sich diesen ungemütlichen Platz mit 18 weiteren Handelspartnern – darunter Schwergewichte wie Brasilien, Kanada, die Türkei und neuerdings auch die Europäische Union.

Zwischen Lob und scharfer Rüge

Der Bericht erkennt durchaus Fortschritte an. Besonders hervorgehoben wurde:

  • Gesetzesreformen: Thailand arbeitet an Anpassungen des Patent- und Urheberrechts, um internationalen WIPO-Standards (wie dem WPPT) beizutreten.

  • Harte Kante in Bangkok: Die Behörden gingen gegen das berüchtigte MBK Center vor. Mietverträge von Händlern, die mit Fälschungen erwischt wurden, wurden gekündigt – ein Signal an einen der weltweit bekanntesten Umschlagplätze für Plagiate.

  • Razzien: Polizei und Zoll konnten erfolgreich Piraterie-Server abschalten und Lagerhallen stürmen.

Doch die Kehrseite der Medaille wiegt schwer. Die USA werfen Thailand vor, sich zu sehr auf die „großen Fische“ zu konzentrieren, während die Flut an Verstößen durch Kleinunternehmer wieder das Niveau der Vor-Corona-Zeit erreicht habe. Besonders in Touristengebieten seien Fälschungen zwar weniger sichtbar, im Hintergrund blühe das Geschäft jedoch unvermindert weiter.


Das Schlachtfeld Internet: Streaming und Straffreiheit

Das größte Sorgenkind bleibt die digitale Welt. US-Rechteinhaber schlagen Alarm: Online-Piraterie via Streaming-Apps und modifizierte Hardware verbreite sich rasant. Die Kritik am thailändischen Justizsystem ist dabei so direkt wie selten:

„Selbst wenn es letztendlich zu Verurteilungen kommt, reichen die Strafen nicht aus, um künftiges rechtswidriges Verhalten zu verhindern“, so das USTR-Statement.

Die Zahlen des thailändischen Amtes für geistiges Eigentum (DIP) unterstreichen das Ausmaß: Allein zwischen Oktober 2025 und März 2026 wurden 1,3 Millionen gefälschte Artikel beschlagnahmt. Der wirtschaftliche Schaden wird auf gigantische 2,3 Milliarden Baht taxiert.

Reformdruck und regionale Dynamik

Washington fordert nun eine schnelle Reform des Urheberrechts, um insbesondere illegale Kameraaufnahmen in Kinos („Camming“) effektiver zu bekämpfen und Umgehungsmöglichkeiten für digitalen Kopierschutz zu schließen.

Oramon Sapthaweetham, die Generaldirektorin des thailändischen DIP, gab sich am Samstag kämpferisch. Die Streichung von der Liste sei das erklärte Hauptziel der Regierung. Man arbeite eng mit dem USTR an einem konkreten Aktionsplan, um „greifbare Ergebnisse“ zu liefern.

Ein Blick auf die Nachbarn zeigt, wie dynamisch die Liste ist:

  • Vietnam wurde aufgrund massiver Verstöße als „vorrangiges ausländisches Land“ (Priority Foreign Country) eingestuft.

  • Argentinien und Mexiko gelang der Aufstieg in die moderatere Beobachtungsliste.

  • Bulgarien konnte die Liste nach deutlichen Verbesserungen sogar komplett verlassen.

Für Thailand bedeutet die erneute Listung, dass die Handelsbeziehungen zu den USA weiterhin unter einer Wolke des Misstrauens stehen – ein Zustand, den Bangkok so schnell wie möglich beenden will.

 

Redaktion STIN // CTN-Media

Von stin

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