Bangkok/Chumphon – Es ist ein gigantisches Vorhaben, das die thailändische Politik spaltet und Investoren weltweit elektrisiert: Die „Landbrücke“. Mit einem Budget von über einer Billion Baht will die von der Bhumjaithai-Partei geführte Regierung das Land in das Logistik-Zentrum Südostasiens verwandeln. Doch hinter den glänzenden Versprechen von neuem Wirtschaftswachstum verbergen sich tiefe Zweifel an der Rentabilität und massive Ängste um das ökologische Erbe der Andamanensee.
Das Projekt ist so simpel wie ambitioniert: Eine Hochgeschwindigkeitsverbindung aus Schienen und Straßen soll die Häfen von Ranong (Andamanensee) und Chumphon (Golf von Thailand) verbinden. Das Ziel: Die chronisch verstopfte Straße von Malakka umgehen und die globale Schifffahrt revolutionieren. Besonders die aktuellen Störungen im Welthandel, etwa durch Krisen am Persischen Golf, dienen der Regierung als Steilvorlage, um das jahrzehntealte Projekt nun mit Hochdruck voranzutreiben.
Das Wirtschaftsdilemma: Schneller, aber teurer?
Trotz der strategischen Euphorie schlagen Experten Alarm. Dhanakorn Kasetrsuwan, Vorsitzender des Thai National Shippers‘ Council (TNSC), sieht zwar das Potenzial zur Stärkung der Lieferketten, warnt jedoch vor der harten Realität des Marktes. Branchenanalysen deuten darauf hin, dass die Kosten für den doppelten Umschlag der Waren – vom Schiff auf den Zug und wieder zurück aufs Schiff – die Ersparnis durch den kürzeren Weg auffressen könnten.
„Die Kernfrage ist nicht nur die Machbarkeit, sondern ob im Normalbetrieb genug Fracht vorhanden sein wird“, gibt Dhanakorn zu bedenken. „Ohne eine solide industrielle Basis in der Region riskieren wir ein totes Milliardengrab.“
Auch Tanit Sorat vom Arbeitgeberverband der thailändischen Wirtschaft ist skeptisch. Seine Kalkulation: Die Zeitersparnis beträgt lediglich zwei Tage. Um für internationale Reedereien wirklich attraktiv zu sein, müssten es vier bis fünf Tage sein. „Im Vergleich zur direkten Durchfahrt durch die Meeresenge ist unser Projekt derzeit schlicht nicht wettbewerbsfähig“, so Tanit.
Geopolitik: China als lachender Dritter?
Während Ökonomen rechnen, sehen Geopolitiker wie Somjai Phagaphasvivat in der Landbrücke einen strategischen Geniestreich. In einer Welt, in der sich die Einflusssphären der USA und Chinas überschneiden, könnte Thailand zur neutralen Drehscheibe werden. Insbesondere Peking hätte ein massives Interesse an der Route, um seine Öllieferungen aus dem Nahen Osten abzusichern und die Abhängigkeit von der Straße von Malakka zu verringern.
Für Thailand wäre es die Chance, sich als unverzichtbarer Teil der globalen Lieferkette zu zementieren – vorausgesetzt, die politische Stabilität bleibt gewahrt. „Ein Regierungswechsel könnte dem Projekt jederzeit den Stecker ziehen“, warnt Wichan Jitpukdee, CEO von SCG Packaging.
Der Preis der Natur: Tourismus vs. Industrie
Am lautesten ist der Widerstand jedoch vor Ort. In den Provinzen Ranong und Chumphon fürchten Umweltschützer und Bewohner um ihre Existenzgrundlage.
-
Ökosysteme in Gefahr: Die geplanten Häfen bedrohen Mangrovenwälder und seltene Meeresarten.
-
Tourismus-Angst: Kritiker ziehen Parallelen zu Pattaya – eine industrielle Überformung könnte die unberührte Andamanenküste unwiederbringlich zerstören.
-
Misstrauen gegenüber Investoren: Anwohner berichten bereits von explodierenden Grundstückspreisen und intransparenten Landkäufen durch ausländische Investoren.
Anan Ramphan, Präsident des Tourismusverbandes von Chumphon, fordert daher eine radikale Einbindung der Lokalen: „Wir brauchen Häfen für Kreuzfahrtschiffe, nicht nur für Öltanker. Und wir müssen sicherstellen, dass mindestens 60 bis 70 Prozent der Arbeitsplätze an Menschen aus der Region gehen.“
Fazit: Ein riskanter Sprung nach vorn
Die thailändische Regierung steht vor einem gewaltigen Spagat. Sie muss beweisen, dass die Landbrücke mehr ist als ein überhastetes Prestigeprojekt. Ohne klare Umweltverträglichkeitsprüfungen und verbindliche Zusagen der Reedereien bleibt die Vision einer „Abkürzung zum Reichtum“ vorerst ein riskantes Glücksspiel mit dem Geld der Steuerzahler und der Natur des Landes.
Thailand will den Fortschritt erzwingen – doch der Weg zwischen Ranong und Chumphon ist derzeit noch mit vielen Fragezeichen gepflastert.
Redaktion STIN // CTN-Media