PARIS / NAYPYIDAW – In den düsteren Korridoren der Macht in Myanmar herrscht Schweigen, doch international bricht ein Sturm los: Der Druck auf die regierende Militärjunta, einen unumstößlichen Lebensbeweis für die inhaftierte Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi vorzulegen, erreicht eine neue Eskalationsstufe. Während ihr Sohn Kim Aris in Paris persönlich bei der französischen Regierung interveniert, fordert der Staatenbund ASEAN ultimativ Transparenz von den Generälen.
Ein Hilferuf aus dem Exil
Kim Aris, der Sohn der 2021 gestürzten Ikone, richtete am Dienstag einen emotionalen Appell an Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. „Ich appelliere an Frankreich, sich meinem Aufruf anzuschließen“, schrieb Aris in einem Brief, der der Nachrichtenagentur AFP vorliegt. Sein Ziel: Ein unabhängig verifizierter Beweis, dass seine 80-jährige Mutter überhaupt noch am Leben ist.
Trotz Berichten der Junta, wonach Suu Kyi aus dem Gefängnis in den Hausarrest überstellt wurde, fehlt von der charismatischen Anführerin jede Spur. „Wir haben seit Jahren keinen Lebensbeweis, keine Fotos, nicht einmal einen Hinweis darauf, dass sie tatsächlich verlegt wurde“, kritisierte ihr Anwalt François Zimeray nach einem Treffen mit dem französischen Außenminister Jean-Noël Barrot. Ein von der Junta veröffentlichtes, undatiertes Foto, das Suu Kyi zwischen Uniformierten zeigt, sorgt eher für Skepsis als für Erleichterung. „Wir wissen nicht, ob es echt ist oder ob es sich um KI handelt“, so Zimeray trocken.
Diplomatisches Tauziehen in Südostasien
Nicht nur in Europa, auch in Myanmars direkter Nachbarschaft reißt der Geduldsfaden. Die Philippinen, die aktuell den Vorsitz der ASEAN (Verband Südostasiatischer Nationen) innehaben, forderten am Mittwoch unmissverständlich Zugang für ihren Sondergesandten. Die Junta müsse endlich „echtes Engagement für die nationale Versöhnung“ zeigen, indem sie der Gefangenen Kontakt zu ihrer Familie und den internationalen Vermittlern gestattet.
Zwar wurde Suu Kyis ursprünglich drakonische Haftstrafe von 27 Jahren im Zuge einer Amnestie symbolisch um ein Sechstel reduziert, doch für ihre Unterstützer ist dies reine Makulatur. Catalina de la Sota, eine weitere Anwältin aus Suu Kyis Team, äußerte gegenüber AFP tiefste Besorgnis: „Wir können uns nicht vorstellen, dass sie nicht mehr lebt, aber warum wird sie unter völliger Geheimhaltung gehalten? Das verstößt gegen alle internationalen Konventionen.“
Frankreich als Speerspitze des Widerstands
Das französische Außenministerium sicherte Aris volle Unterstützung zu. Minister Barrot betonte, Frankreich werde weiterhin unermüdlich für die sofortige und bedingungslose Freilassung der gewählten Staatschefin kämpfen.
Fünf Jahre nach dem blutigen Militärputsch von 2021 bleibt die Lage in Myanmar instabil. Die Generäle unter Junta-Chef Min Aung Hlaing stehen mit dem Rücken zur Wand: Während sie versuchen, durch kleine Zugeständnisse wie den angeblichen Hausarrest den internationalen Druck zu mindern, wächst der Verdacht, dass der Zustand von „The Lady“ weit kritischer ist, als die Propaganda aus Naypyidaw zugeben will. Die Welt wartet nun auf ein Zeichen – ein echtes.
STIN // AI