VON BANGKOK BIS KAMPHAENG PHET – Ein Meer aus Sneakers, abgewetzten Sandalen und eleganten Business-Schuhen windet sich im Morgengrauen wie eine bunte Schlange über den Asphalt. Doch wer nun an den Einlass eines begehrten Rockkonzerts oder den Verkaufsstart des neuesten Smartphones denkt, irrt gewaltig. Was sich derzeit vor den Filialen der staatlichen Krung Thai Bank im ganzen Land abspielt, ist der verzweifelte – und zutiefst thailändische – Kampf mit der Bürokratie.
Das Land befindet sich im Registrierungs-Fieber für das milliardenschwere Hilfsprogramm „Thai Chuay Thai Plus“. Doch statt digitaler Effizienz regiert vor Ort das nackte Chaos – und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Die „Schuh-Warteschlange“ erobert das Netz
Da die Türen der Banken erst Stunden später öffnen, die Hitze aber schon früh drückt, haben die Bürger eine ebenso geniale wie skurrile Methode erfunden, um sich ihren Platz in der Hierarchie der Wartenden zu sichern: Sie ziehen kurzerhand ihre Schuhe aus und lassen sie stellvertretend in der Schlange „stehen“.
Die Bilder, die derzeit in den sozialen Medien wie ein Lauffeuer um die Welt gehen, entbehren nicht einer gewissen Komik: Während kilometerlange Ketten aus Fußbekleidung die Gehwege blockieren, sieht man die eigentlichen Antragsteller barfuß im Schatten sitzen, auf Socken über den heißen Beton huschen oder geduldig im Gras warten. Wer kein Wechselpaar dabei hatte, stand buchstäblich ohne Schuhe da – ein Opfer für die Chance auf staatliche Unterstützung.
Wenn die Technik versagt: Der Kollaps der „Pao Tang“-App
Hinter dem kuriosen Spektakel steckt jedoch ein ernstes Problem. Eigentlich sollte das Programm, das gestern anlief und noch bis zum 29. Mai läuft, reibungslos über die Regierungs-App „Pao Tang“ abgewickelt werden. Doch die Realität in Provinzen wie Nakhon Ratchasima oder Kamphaeng Phet sieht anders aus.
Das bürokratische Nadelöhr: Die Regierung bestätigte, dass zahllose Bürger an technischen Hürden scheitern. Ob eine neue Telefonnummer, ein vergessenes Passwort oder Fehlermeldungen bei der Gesichtserkennung – wer das System nicht knackt, muss persönlich zur Krung Thai Bank, um seine Identität mühsam manuell verifizieren zu lassen. Die Folge: Ein gigantischer Ansturm, der die Bankfilialen völlig überrollt.
Darum geht es beim Milliardenprojekt „Thai Chuay Thai Plus“
Der Anreiz, sich dieser Prozedur zu unterziehen, ist für viele Familien im Land existenziell. Es geht um bares Geld:
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Das Volumen: Rund 30 Millionen thailändische Staatsbürger ab 18 Jahren sind anspruchsberechtigt.
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Die Summe: Insgesamt 4.000 Baht winkt jedem Teilnehmer. Die Auszahlung erfolgt über vier Monate (jeweils 1.000 Baht pro Monat), beginnend ab dem 1. Juni.
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Das Prinzip: Es handelt sich um ein Zuzahlungsmodell. Der Staat übernimmt satte 60 % der Ausgaben für Waren und Dienstleistungen bei teilnehmenden Händlern. Das tägliche Limit ist dabei auf 200 Baht gedeckelt.
Während das Programm den Binnenkonsum ankurbeln soll, hat es vorab vor allem eines angekurbelt: den Erfindungsgeist der Thailänder im Umgang mit endlosen Wartezeiten. Ob die Schuh-Taktik am Ende allen Wartenden den ersehnten Bonus sichert, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Bis dahin bleibt Thailand das wohl einzige Land der Welt, in dem man barfuß für sein Recht auf Staatsfeinde ansteht.
Redaktion STIN // CTN-Media
Einfallsreich sind die Thais, muss man ihnen lassen.
Warum in der Sonne stehen, wenn es so auch geht.