Ein gigantisches Budget, Vorwürfe der Vetternwirtschaft und eine kompromisslose Opposition: In Thailand ist ein heftiger politischer Streit um das Megaprojekt „TH-AI Passport“ entbrannt. Während die Kritiker von Insider-Deals sprechen und eine sofortige Vollbremsung fordern, schaltet Digitalminister Chaichanok Chidchob auf Angriff.
Der 1,62-Milliarden-Baht-Showdown
Thailands Minister für digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DE), Chaichanok Chidchob, steht unter massivem Druck. Die oppositionelle Volkspartei wirft der Regierung Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe eines 1,62 Milliarden Baht (rund 45 Millionen US-Dollar) schweren KI-Projekts vor. Doch trotz der Drohung mit einer offiziellen Antikorruptionsuntersuchung denkt der Minister gar nicht daran, die Notbremse zu ziehen. Er wies die Forderungen nach einem sofortigen Baustopp des Projekts „TH-AI Passport“ rigoros zurück: Das Projekt werde ohne jede Verzögerung durchgezogen.
Die Opposition lässt derweil die Muskeln spielen. Sie kündigte eine offizielle Petition an das staatliche Rechnungsprüfungsamt (SAO) sowie die mächtige nationale Antikorruptionskommission (NACC) an. Ihr Ziel: Das gesamte Vergabeverfahren einzufrieren, bis mutmaßliche Interessenkonflikte und Mauscheleien lückenlos aufgeklärt sind.
Der Minister konterte die Vorwürfe kühl. Er habe weder das Lastenheft manipuliert noch in den Beschaffungsprozess eingegriffen. „Ich begrüße Transparenz genauso wie alle anderen“, betonte Chaichanok. Er habe die zuständigen Behörden sogar selbst zur Aufklärung einbestellt, fordert nun jedoch eine strikte Trennung der Debatten:
„Ich bitte darum, die Transparenzprüfung vom eigentlichen Wert des Projekts zu trennen. Es handelt sich um eine äußerst kosteneffiziente und für die Zukunft unseres Landes unerlässliche Initiative.“
Das Ziel: Digitale Souveränität statt Big Tech
Hinter dem politischen Tauziehen steckt ein ambitionierter Plan: Thailand will sich aus der Umklammerung der globalen Tech-Giganten lösen. Um Datenschützer zu beruhigen, stellte Chaichanok klar, dass sämtliche Nutzerdaten des „TH-AI Passport“ auf Servern im eigenen Land verbleiben.
Ausländischen KI-Anbietern, die an dem Programm mitwirken, wird es per Gesetz strengstens untersagt, Daten thailändischer Bürger für das Training ihrer eigenen Modelle im Ausland zu nutzen. Stattdessen will Bangkok die Datenbasis als Fundament für eine eigene „Souveräne KI“ nutzen. Dass das Projekt der Öffentlichkeit erst nach massiven Fortschritten präsentiert wurde, verteidigte der Minister mit einem straffen Zeitplan. Man habe zu keinem Zeitpunkt Informationen verheimlichen wollen.
Finanzierung am Parlament vorbei?
Wie aber finanziert man ein solches Mega-Projekt im Eiltempo? Hier kommt Patchara Anuntasilpa, Staatssekretärin im Bildungsministerium, ins Spiel. Sie legte eine detaillierte Chronologie vor, die zeigt, dass die Wurzeln der Initiative im späten Jahr 2025 unter der Regierung von Premierminister Anutin Charnvirakul liegen – mit dem Fokus auf digitaler Weiterbildung.
Da das Ministerium auf regulärem Weg oder über Notfalltöpfe nicht schnell genug an Geld kam, griffen die Planer zu einem Kniff: Sie zapften den Nationalen Fonds für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft an und sicherten sich so einen außerbudgetären Pool von über einer Milliarde Baht. Laut Patchara lief dabei alles legal ab, das Rechnungsprüfungsamt habe grünes Licht gegeben.
Am 7. April 2026 wurde der Vertrag schließlich mit drei privaten Unternehmen besiegelt. Mit einer Summe von 1,621 Milliarden Baht habe man den staatlichen Medianpreis sogar um 29 Millionen Baht (ca. 805.000 US-Dollar) unterboten. Den Vorwurf, die Ausschreibungskriterien seien gezielt so zugeschnitten worden, dass ein Unternehmen aus dem Dunstkreis der regierenden Bhumjaithai-Partei den Zuschlag erhält, wies die Staatssekretärin vehement zurück. Für ein solches Mammutprojekt brauche es schlicht einen Partner, der bereits Erfahrung mit staatlichen IT-Infrastrukturen in Milliardenhöhe vorweisen kann.
Der Fahrplan zur KI-Großmacht
Das Ministerium hat den Takt für die digitale Transformation bereits fest vorgegeben:
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September – Oktober 2025: Konzeption des Projekts im Zuge der Digitalisierungsstrategie von Vizepremierminister Anutin Charnvirakul.
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5. November 2025: Der Computerausschuss des Ministeriums segnet die Schätzungen ab. Die Milliarden-Finanzierung wird über den Nationalen Fonds gesichert und vom Wirtschaftskabinett abgesegnet.
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17. November 2025: Start des Beschaffungsverfahrens. Sieben Firmen reichen erste Angebote ein.
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24. Dezember 2025 – 26. Januar 2026: In der offiziellen 30-tägigen Frist kristallisieren sich drei finale private Bieter heraus.
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7. April 2026: Offizielle Vertragsunterzeichnung für 1,621 Milliarden Baht.
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Juni 2026 (Kommender Monat): Startschuss für die öffentliche Kampagne. 5 Millionen Bürger ab 15 Jahren sollen erste Leistungsansprüche erhalten.
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Geschäftsjahr 2027: Die nächste Tranche wartet schon. Ein Budgetantrag über 900 Millionen Baht (25 Millionen US-Dollar) für Phase 2 liegt bereits zur Prüfung vor.
KI-Power zum „Großhandelspreis“
Auch von wirtschaftlicher Seite wird das Projekt vehement verteidigt. Wetang Phuangsup, Generalsekretär der Nationalen Kommission für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft (ONDE), betonte die extrem harten Auswahlkriterien: Die Bieter wurden nach einem Schlüssel von 80 Prozent technischer Kompetenz zu 20 Prozent Preis bewertet. Wer mitspielen wollte, musste ein KI-Modell vorlegen, das global zu den Top 5 gehört.
Das Ergebnis sei ein echter Coup für die Steuerzahler. Während ein regulärer Premium-Zugang für KI-Dienste auf dem freien Markt üblicherweise 19 bis 20 US-Dollar pro Monat kostet, drückt das Großhandelsmodell der Regierung den Preis drastisch: Auf gerade einmal 27 Baht (ca. 0,75 US-Dollar) pro Nutzer und Monat.
Insgesamt 5 Millionen KI-Nutzerlizenzen sollen so an die thailändische Bevölkerung ab 15 Jahren verteilt werden, verwaltet von einem gemeinsamen öffentlich-privaten Ausschuss. Ungeachtet der schweren Korruptionsvorwürfe der Opposition stehen die Zeichen im Ministerium also weiterhin unmissverständlich auf Sturm und digitaler Expansion.
Redaktion STIN // CTN-Media