Ein Leben zwischen spiritueller Erleuchtung und skrupellosem Kapitalismus findet sein jähes Ende: Der ehemalige Abt des weltberühmten Shaolin-Tempels wurde wegen massiver Korruption zu einer jahrzehntelangen Haftstrafe verurteilt. Es ist der Schlusspunkt hinter dem beispiellosen Absturz eines Mannes, der die Wiege des Kung Fu in ein globales Wirtschaftsimperium verwandelte – und dabei moralisch wie rechtlich völlig die Spur verlor.

HENAN (CHINA). Am Freitag machten Chinas Staatsmedien öffentlich, was das Ende einer Ära besiegelt: Shi Yongxin, das einstige Gesicht des modernen Buddhismus, wurde von einem Gericht in der zentralchinesischen Provinz Henan zu 24 Jahren Gefängnis verurteilt. Zusätzlich verhängten die Richter eine saftige Geldstrafe von 3,5 Millionen Yuan (rund 517.000 US-Dollar). Die Liste der Verbrechen, die dem 60-jährigen Mönch zur Last gelegt werden, liest sich eher wie das Sündenregister eines Mafiabosses als das eines spirituellen Lehrers: Veruntreuung, Unterschlagung sowie das Annehmen und Zahlen von Bestechungsgeldern.

Ein Tempel als Cash-Machine

Der Fall des Mannes, der 1981 als Liu Yingcheng die Mönchsweihe empfing, ab 1987 die Geschicke des Klosters lenkte und 1999 schließlich offiziell zum Abt aufstieg, erschüttert die buddhistische Welt. Über fast drei Jahrzehnte hinweg soll Shi Yongxin seine immense Machtposition schamlos ausgenutzt haben. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er Gelder im astronomischen Gesamtwert von etwa 300 Millionen Yuan (rund 41,5 Millionen US-Dollar) veruntreut und durch illegale Kanäle geschleust hat.

Shi, der in den Medien schon vor Jahren den vielsagenden Spitznamen „CEO-Mönch“ verpasst bekam, hatte den historischen Tempel durch aggressive Vermarktung, weltweite Kung-Fu-Shows und kommerzielle Unternehmungen zu einer globalen Lifestyle-Marke aufgepumpt. Doch während die Kassen klingelten, wuchs die Kritik an der extremen Kommerzialisierung des heiligen Ortes.

Doppelleben und gebrochene Gelübde

Hinter der Fassade des geschäftstüchtigen Kulturbotschafters verbarg sich offenbar ein extremes Doppelleben. Die Ermittlungen, die im Juli letzten Jahres von mehreren Behörden gemeinsam ins Rollen gebracht wurden, förderten nicht nur finanzielle Abgründe zutage. Sie demontierten auch das moralische Fundament des Geistlichen.

Neben den harten Straftatbeständen stand Shi im Visier, weil er über einen langen Zeitraum hinweg schwer gegen die fundamentalen buddhistischen Gebote verstoßen haben soll. Konkret warfen ihm die Ermittler intime Beziehungen zu mehreren Frauen und die Vaterschaft mindestens eines Kindes vor – ein absolutes Tabu für einen Mönch.

„Er hat es selbst verschuldet.“ — Buddhistischer Verband Chinas

Die Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten: Noch während der laufenden Ermittlungen entzog der Buddhistische Verband Chinas dem Abt umgehend seine Mönchslizenz. Nach der Urteilsverkündung am Freitag kommentierte der Verband das Schicksal seines ehemaligen Aushängeschilds kurz, aber eiskalt mit den Worten: „Er hat es selbst verschuldet.“

Keine Berufung: Das Urteil steht

Bereits im März dieses Jahres war offiziell Anklage erhoben worden, nachdem die Beweislast erdrückend geworden war. Vor Gericht zeigte sich der gefallene Star-Mönch nun reumütig: Shi bekannte sich in allen Punkten für schuldig und ließ über die Staatsmedien ausrichten, dass er keine Berufung gegen das drakonische Urteil einlegen werde.

Damit ist die bemerkenswerte Kehrtwende vollzogen: Der Mann, der einst Staatsgäste empfing und als Chinas stolzer Kulturbotschafter um die Welt reiste, tauscht die traditionelle Safran-Robe endgültig gegen die Häftlingskleidung. Shis Erbe bleibt ein tief beschädigter Shaolin-Tempel, dessen spiritueller Ruf unter der Gier seines „CEOs“ in Trümmern liegt.

Redaktion STIN --> Austria // Thailand

Von stin

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