SAN PEDRO CUTUD (PAMPANGA) – Die Hitze drückt wie eine Bleiplatte auf das staubige Feld von San Pedro Cutud, rund 70 Kilometer nördlich von Manila. Es ist Karfreitag, kurz vor drei Uhr nachmittags – jene Stunde, in der laut der christlichen Liturgie Jesus von Nazareth starb. Die Luft riecht nach Schweiß, Weihrauch und metallischem Blut. Tausende Menschen drängen sich hinter Absperrungen, Handys werden in die Höhe gereckt. Ein dumpfer Trommelwirbel setzt ein, der den Herzschlag der wartenden Menge zu diktieren scheint.

Dann bricht die Menge in ein Raunen aus. Ruben Enaje betritt die Arena.

Der 65-jährige Schildermaler trägt ein langes, weißes Gewand und eine Dornenkrone. Sein Gesicht ist gezeichnet von Erschöpfung, aber seine Augen fixieren fest das hölzerne Kreuz, das flach auf dem künstlich aufgeschütteten Hügel liegt. Für Enaje ist es kein gewöhnlicher Karfreitag. Es ist der Tag, an dem er Geschichte schreibt – und Abschied nimmt. Zum 37. und definitiv letzten Mal wird er sich gleich mit echten Stahlnägeln an das Holz heften lassen.

Ein Sturz, der alles veränderte

Was für Außenstehende wie eine makabre Touristenattraktion oder religiöser Fanatismus wirkt, ist auf den Philippinen tief im Volksglauben verwurzelt. Das Phänomen nennt sich Panatà – ein heiliges Gelübde, das man mit Gott schließt.

Bei Enaje begann alles im Jahr 1986. Damals stürzte er bei der Arbeit von einem dreistöckigen Plakatgebäude. Wie durch ein Wunder überlebte er den tiefen Fall völlig unverletzt. Aus tiefer Dankbarkeit versprach er Gott, dessen Leiden am eigenen Leib nachzuempfinden. Aus einem einmaligen Versprechen wurde eine lebenslange Pflicht. Später kamen Gebete für die Heilung seiner krebskranken Frau und die Asthma-Erkrankungen seiner Kinder hinzu.

„Ich spüre die Angst immer noch, jedes einzelne Mal“, hatte Enaje kurz vor der Prozession in einem Interview zugegeben. „Aber heute schließt sich der Kreis. Mein Körper altert. Das Asthma macht mir zu schaffen. Es ist Zeit, die Nägel weiterzugeben.“

Der Moment des Schmerzes

Das Spektakel auf dem Hügel erreicht seinen dramatischen Höhepunkt. Männer, verkleidet als römische Zenturionen mit glänzenden Brustpanzern und roten Umhängen, packen Enaje grob an den Armen. Sie legen ihn auf das Kreuz.

Die Menge wird schlagartig still. Das Einzige, was man noch hört, ist das dumpfe Aufschlagen eines Hammers.

Pling. Pling. Pling.

Siebeneinhalb Zentimeter lange Stahlnägel, die zuvor in klarem Alkohol desinfiziert wurden, bohren sich durch Enajes Handflächen, direkt in das Holz. Ein kurzes, schmerzverzerrtes Aufstöhnen entweicht seinen Lippen, seine Finger verkrampfen sich. Dann folgen die Füße.

Mit Seilen und purer Muskelkraft richten die „Römer“ das schwere Kreuz auf. Ruben Enaje hängt im gleißenden Sonnenlicht, fixiert nur durch die Nägel und dünne Schnüre an den Handgelenken, die verhindern sollen, dass das Fleisch reißt. Fünf Minuten verarrt er in dieser Position, die Augen zum Himmel gerichtet, leise Gebete murmelnd. Um ihn herum lassen sich an diesem Tag vierzehn weitere Büßer an verschiedenen Schauplätzen der Provinz kreuzigen. Hunderte andere sind zuvor stundenlang barfuß durch die Straßen gezogen und haben sich den Rücken mit scharfen Bambuspeitschen blutig geschlagen, bis der Asphalt dunkel gefärbt war.

Ein Spektakel zwischen Verbot und Tourismus

Szenen wie diese sorgen Jahr für Jahr weltweit für Kopfschütteln und Entsetzen. Auch im eigenen Land ist die Praxis hochgradig umstritten. Die katholische Kirche der Philippinen distanziert sich seit Jahrzehnten unmissverständlich von den Kreuzigungen. „Wahre Buße geschieht im Herzen, nicht durch Selbstverstümmelung“, mahnen die Bischöfe des Landes gebetsmühlenartig vor jeder Karwoche.

Doch die lokalen Behörden wissen längst, dass ein Verbot den jahrzehntealten Ritus nur in den Untergrund treiben würde. Stattdessen setzt man auf Schadensbegrenzung: Das Gesundheitsministerium stellt Sanitätshilfe bereit, verteilt Erste-Hilfe-Kits und kontrolliert die Hygiene der Nägel, um Tetanus-Infektionen zu verhindern. Gleichzeitig ist das Event zu einem gigantischen Wirtschaftsfaktor geworden. Rund 15.000 Besucher, darunter Hunderte ausländische Touristen und internationale TV-Teams, säumen die Straßen von Pampanga. Street-Food-Verkäufer machen das Geschäft ihres Lebens, während im Hintergrund das Leiden Christi nachgestellt wird.

Die nächste Generation steht bereit

Als das Kreuz nach qualvollen Minuten wieder umgelegt wird und die Sanitäter herbeieilen, um Enaje die Nägel aus den Händen zu ziehen und die Wunden zu verbinden, wirkt der 65-Jährige erleichtert. Er hat sein Versprechen eingelöst. Ein letztes Mal.

Wer glaubt, dass mit dem Rückzug des „Christus der Philippinen“ auch die Tradition stirbt, täuscht sich. Die Faszination des Panatà ist ungebrochen. In den staubigen Gassen von San Pedro Cutud stehen bereits jüngere Männer bereit, die Enajes Nachfolge antreten wollen. Solange die Menschen hier für schwere Krankheiten, bittere Armut oder persönliche Schicksalsschläge keine andere Rettung sehen, werden auf den Philippinen am Karfreitag weiterhin die Hämmer fallen.

Redaktion STIN // CTN-Media

Von stin

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