Es klingt wie das Drehbuch eines Psycho-Thrillers, war für eine Familie aus Hongkong jedoch bittere Realität: Eine internationale Betrügerbande hat eine 21-jährige chinesische Studentin mittels psychologischer Manipulation dazu gebracht, ihre eigene Entführung vorzutäuschen. Nach einer dramatischen grenzüberschreitenden Ermittlung gelang es der thailändischen Polizei, die junge Frau in letzter Sekunde aus den Fängen der Cyber-Kriminellen zu befreien – mitten in einem Videoanruf mit den Tätern. Gefordert waren rund 3 Millionen Hongkong-Dollar (ca. 12,5 Millionen Baht) Lösegeld.
Der Verdacht der Eltern: Wenn das Lösegeld zur Masche wird
Der Fall inszeniert ein perfides Phänomen, das Ermittler weltweit alarmiert. Die thailändischen Behörden schalteten sich ein, nachdem sie einen dringenden Hinweis von ihren Kollegen aus Hongkong erhalten hatten. Die Eltern der Studentin, deren Name aus Schutzgründen nicht genannt wird, hegten zu diesem Zeitpunkt bereits einen schrecklichen Verdacht: Sie vermuteten, dass ihre Tochter nicht real verschleppt worden war, sondern von einer transnationalen Bande gezwungen wurde, die eigene Geiselnahme vorzutäuschen.
Es war nicht der erste Erpressungsversuch: Bereits im Mai hatte die Familie aus Angst um das Leben ihrer Tochter rund drei Millionen Baht Lösegeld an die Betrüger gezahlt. Als die Täter nun erneut Geld forderten, schöpften die Eltern Verdacht und alarmierten statt der Bank die Polizei.
Ein fingiertes Video und die Spur nach Bangkok
Die Eskalation folgte am 1. Juni: Bei den Eltern in Hongkong ging ein erschütterndes Video ein. Es zeigte die 21-Jährige in Gefangenschaft – mit gefesselten Händen und sichtbaren Prellungen im Gesicht, die scheinbar von Misshandlungen der Entführer stammten. Die Forderung der Kriminellen: 3 Millionen Hongkong-Dollar. Dieses Mal weigerten sich die Eltern jedoch zu zahlen.
Die Ermittlungen der thailändischen Polizei liefen nach dem Hinweis aus Hongkong sofort auf Hochtouren. Die Ermittler rekonstruierten umgehend die Reisewege des Opfers und stellten fest, dass die Studentin am selben Tag, dem 1. Juni, aus Hongkong kommend in Bangkok gelandet war.
Psychoterror per Smartphone: Die Inszenierung im Hotelzimmer
Was sich danach in den Hotelzimmern der thailändischen Metropole abspielte, zeigt die manipulative Kraft der Täter. Die Studentin checkte zunächst in einem Hotel im Bangkoker Bezirk Lat Krabang ein. Unter der psychischen Kontrolle der Bande kaufte sie kurz darauf selbst die Utensilien für ihr Martyrium: Seile und Kabelbinder. Im Hotelzimmer inszenierte sie die „virtuelle Entführung“, filmte die qualvollen Szenen mit ihrem eigenen Handy und schickte den Clip direkt an die Betrüger.
Kurz nach der Tat erhielt die junge Frau von der Bande die Anweisung, die Unterkunft zu wechseln. Sie zog in ein anderes Hotel im Bezirk Bang Phli in der Provinz Samut Prakan um.
„In diesem Fall sieht es ganz danach aus, als ob das Opfer von der Betrügerbande psychisch vollkommen kontrolliert wurde“, erklärt Pol Maj Thiraphan Homchan, Inspektor der Unterabteilung zur Bekämpfung des Menschenhandels. „Die Studentin tat ausnahmslos alles, was ihr befohlen wurde.“
Zugriff in letzter Sekunde und Warnung vor neuer Betrugsmasche
Am darauffolgenden Dienstag gelang den thailändischen Ermittlern schließlich der Durchbruch. Sie lokalisierten das Versteck der Studentin und stürmten das Hotelzimmer. Die Befreiung erfolgte in sprichwörtlich letzter Sekunde: Die 21-Jährige befand sich genau in diesem Moment in einem aktiven Videoanruf mit der Betrügerbande.
Der stellvertretende nationale Polizeichef, General Thatchai Pitaneelaboot, betonte nach dem Zugriff, dass Fälle von „virtueller Entführung“ in Thailand bislang zwar recht selten seien, sich diese Masche international jedoch rasant ausbreite. Er riet der Öffentlichkeit zu äußerster Wachsamkeit bei vermeintlichen Notrufen von Familienmitgliedern, die dringend Geld für eine Freilassung fordern.
Für die Studentin endete das psychologische Drama glücklich, wenn auch traumatisch. Unmittelbar nach ihrer Rettung flogen ihre Eltern nach Bangkok, um ihre Tochter in Empfang zu nehmen, und kehrten direkt im Anschluss gemeinsam nach Hongkong zurück. Die Ermittlungen der thailändischen und Hongkonger Behörden laufen unterdessen auf Hochtouren, um die Hintermänner der transnationalen Bande dingfest zu machen.