Die zivile Luftfahrtflotte Chinas altert in einem rasanten Tempo – und zwar schneller, als neue Maschinen die Lücken füllen können. Diese Entwicklung droht den Fluggesellschaften der Volksrepublik in naher Zukunft massive Mehrkosten aufzubürden. Zwar könnten die jüngsten Bestellungen des im Inland entwickelten Jet-Typs C919 diesen Trend abfedern, doch die Herausforderungen für die Branche bleiben gewaltig.

Austauschrate unter kritischem Schwellenwert

Trotz jüngster Großbestellungen bei den westlichen Branchenriesen Airbus und Boeing erreichen die aktuellen Flugzeugerneuerungen im Reich der Mitte bei weitem nicht das Niveau des Vor-Corona-Jahres 2019. Dies erklärte Xie Xingquan, Regional-Vizepräsident der International Air Transport Association (IATA) für Nordasien, im Rahmen einer Fragerunde auf der IATA-Jahreshauptversammlung im brasilianischen Rio de Janeiro.

In einem via YouTube übertragenen Webcast legte der IATA-Chef alarmierende Zahlen offen: Bereits seit dem Jahr 2020 übersteigt die Anzahl der Flugzeuge, die älter als 20 Jahre sind, die Zahl der Neuauslieferungen kontinuierlich. Damit ist die Austauschrate unter den kritischen Schwellenwert gesunken, der für ein stabiles Flottenalter zwingend erforderlich wäre. Die chinesische Flotte, die über lange Zeit als eine der jüngsten und modernsten weltweit galt, droht nun unaufhaltsam zu überaltern.

Wartung und Treibstoff als finanzielle Belastung

Die Konsequenzen dieser Entwicklung sind rein wirtschaftlicher Natur. Laut IATA-Analysen zieht eine alternde Flugzeugflotte unweigerlich signifikant höhere Betriebskosten nach sich. Ältere Maschinen verlangen nach einer wesentlich strengeren technischen Überwachung, binden mehr Personalkapazitäten und weisen einen spürbar höheren Treibstoffverbrauch auf.

Der unabhängige Luftfahrtanalyst Li Hanming verdeutlichte das finanzielle Dilemma: Die Instandhaltung in die Jahre gekommener Flugzeuge sei vor allem durch den Bedarf an sogenannten „langlebigen Teilen“ extrem kapitalintensiv. Auch wenn diese Prozesse buchhalterisch als Abschreibung von Vermögenswerten erfasst werden, belasten sie den realen Cashflow der Unternehmen massiv. Wie drängend das Problem ist, zeigt der Blick auf die schiere Größe des Marktes: Nach Angaben der chinesischen Zivilluftfahrtbehörde betrieben die 65 inländischen Fluggesellschaften Chinas Ende 2025 zusammen eine Flotte von 4.574 Verkehrsflugzeugen.

Hoffnungsträger C919 gegen den globalen Lieferengpass

Als strategischer Hebel zur Verjüngung der heimischen Flotte könnte sich nun die C919 erweisen – Chinas erstes im Inland produziertes Schmalrumpfflugzeug mit einem Mittelgang. Laut Xie bietet der neue Jet den Fluggesellschaften nicht nur eine zusätzliche Option zur Flottenmodernisierung, sondern dient auch als Puffer, um die aktuellen, weltweiten Lieferkettenprobleme der großen Hersteller abzumildern. Der Jet könne der Luftfahrtindustrie in China und der gesamten Welt definitiv neue Impulse verleihen.

Der staatliche chinesische Flugzeughersteller Commercial Aircraft Corporation of China (Comac) hat im Zeitraum von Dezember 2022 bis zum ersten Quartal dieses Jahres bereits 35 Einheiten der C919 ausgeliefert. Die großen staatlichen Fluggesellschaften des Landes untermauern das Vertrauen in das eigene Produkt mit Bestellungen über rund 300 dieser Jets. Comac positioniert die C919, die ihren regulären Erstflug im Jahr 2023 absolvierte, ganz offen als direkten Konkurrenten zu den etablierten und ähnlich großen Flugzeugfamilien Airbus A320 und Boeing 737.

Milliarden-Deals mit Airbus und Boeing

Dass der immense Bedarf Chinas nicht im Alleingang durch die heimische Produktion gedeckt werden kann, zeigen die parallel laufenden Großaufträge auf dem internationalen Parkett. Erst im Mai gab die Fluggesellschaft China Eastern Airlines bekannt, eine neue Milliardenbestellung über 101 Flugzeuge des Typs Airbus A320neo aufgegeben zu haben.

Gleichzeitig zeichnet sich auch ein Großgeschäft mit den USA ab: Nach seinem Besuch in Peking im vergangenen Monat erklärte US-Präsident Donald Trump, dass China mindestens 200 Verkehrsflugzeuge von Boeing kaufen werde. Die langfristigen Prognosen des US-amerikanischen Flugzeugbauers untermauern diese Dimensionen: Boeing rechnet bis zum Jahr 2043 mit einer gigantischen Nachfrage nach insgesamt 8.830 neuen Verkehrsflugzeugen allein auf dem chinesischen Markt.

Redaktion STIN // CTN-Media

Von stin

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