Korruption in Thailand ist kein abstraktes politisches Problem – sie ist eine lebenslange Steuer, die jeden Bürger erdrückt. Auf einem brisanten Forum legte die Opposition nun detailliert offen, wie tief das System von Bestechung und Vetternwirtschaft in den Alltag eingreift. Die Bilanz ist erschütternd.

Wer bei Korruption in Thailand nur an unehrliche Politiker und fragwürdige staatliche Bauaufträge denkt, übersieht das wahre Ausmaß der Krise. Mit dieser eindringlichen Warnung eröffnete Natthaphong Ruengpanyawut, Vorsitzender der Volkspartei und Oppositionsführer, am 20. Juli ein hochkarätig besetztes Forum im Novotel Bangkok Sukhumvit 20.

Unter dem Titel „Geburt, Altern, Krankheit und Korruption. Wie können die Thailänder diesen Kreislauf durchbrechen?“ sezierte die Opposition ein System, das die Gesellschaft von der Wiege bis zur Bahre durchdringt. Um das historische Ausmaß zu verdeutlichen, rief Natthaphong eine Reihe ungelöster politischer Skandale in Erinnerung: das umstrittene Reispfandsystem, die GT200-Kontroverse, die verschleierten Vermögensdeklarationen während der Junta-Regierung (Nationaler Rat für Frieden und Ordnung), den berüchtigten Fall der geliehenen Uhr, das TH-AI-Passprojekt sowie handfesten Betrug bei Prüfungen von Lokalverwaltungen.

„Wir wollen untersuchen, wie Korruption das Leben der Thailänder, die thailändische Gesellschaft und Thailand selbst zerstört“, betonte Natthaphong. Um Lösungsansätze zu finden, ordnete er das System in fünf fatale Kategorien ein.

Die 5 Säulen der alltäglichen Korruption

Natthaphong skizzierte, wie Schmiergelder und Misswirtschaft jeden Aspekt des öffentlichen Lebens aushöhlen:

  • Kategorie 1: Der Raub an den Schwächsten. Die Unterschlagung von Mitteln, die eigentlich Älteren, Menschen mit Behinderungen und Kleinkindern zustehen. Obwohl das Budgetbüro Gelder berechnet, schrumpfen diese durch fiskalische Engpässe und Beschaffungsverluste. Auch Schulmilch und Lehrbücher sind betroffen. Natthaphongs Appell: Das durch Transparenz eingesparte Geld könnte in den von Mangelernährung geplagten südlichen Grenzprovinzen Schulspeisungen finanzieren – vorausgesetzt, lokale Verwaltungen agieren dezentralisiert und sauber.

  • Kategorie 2: Das institutionalisierte „Teegeld“. Genehmigungen und Lizenzen werden zur Erpressung genutzt. Eine zitierte Studie des Thailand Development Research Institute (TDRI) schätzt, dass Unternehmen jährlich hunderte Milliarden Baht an Schwarzgeld zahlen. Auch der nationale Energieplan fällt hierunter: Unnötige Kraftwerkskonzessionen führen zu Überkapazitäten. Die daraus resultierenden Verfügbarkeitszahlungen werden direkt auf die Stromrechnung der Verbraucher umgelegt.

  • Kategorie 3: Pfusch am Bau. Minderwertige öffentliche Bauvorhaben, die laut Natthaphong „Ziegel, Steine, Zement und Sand fressen“. Als prominentes Beispiel nannte er die Rama II Road. Ohne eine grundlegende Reform des Beschaffungswesens, die echten Wettbewerb fördert, bleiben Bau- und Sicherheitsstandards unzureichend.

  • Kategorie 4: Der Freikauf von Regeln. Behörden versagen bei der Durchsetzung von Gesetzen. Umweltverschmutzende Fabriken oder Unternehmen, die Sicherheitsauflagen ignorieren, kaufen sich durch Bestechungsgelder von Strafen frei, anstatt ehrlich zu wirtschaften.

  • Kategorie 5: Die Grauzonen-Übernahme. Für Natthaphong die gefährlichste Kategorie: Korruption zur Erlangung illegitimer Rechte. Dies umfasst Grauzonengeschäfte, unlauteres Kapital und betrügerische Personenstandsregistrierungen mittels thailändischer Schein-Eltern. Er warnte eindringlich davor, dass Thailand von transnationalen kriminellen Netzwerken überrannt und international als Operationsstützpunkt wahrgenommen werden könnte.

Der Preis der Staatsbürgerschaft: Gekaufte Geburtsurkunden

Wie tief die 5. Kategorie bereits reicht, legte der Abgeordnete Piyarat Jongthep offen. Ausländische Investoren aus dem Grauzonen-Milieu zahlen demnach rund 110.000 Baht, um für ihre Kinder thailändische Geburtsurkunden zu erkaufen – das Tor zu künftigen Rechten und Geschäftsmöglichkeiten. Das Netzwerk sei hochprofessionell: Involviert seien thailändische Schein-Eltern und sechs Krankenhäuser in Bangkok. Über 1.000 Kinder seien bereits so registriert worden. Piyarat forderte die Öffentlichkeit auf, den Behörden nicht blind zu vertrauen, und schlug die verpflichtende Einführung von DNA-Tests vor der Ausstellung von Geburtsurkunden vor.

Bildung als Beute: Dreifacher Schaden für die Jugend

Auch das Schulsystem ist ein florierender Markt für Korruption. Der stellvertretende Parteivorsitzende Parit Wacharasindhu schätzt die Verluste aus dem Bildungsetat durch Schmiergelder auf 100 bis 200 Millionen Baht – vorausgesetzt, jede Schule wäre an Praktiken wie maßgeschneiderten Lehrbuchvorgaben beteiligt. Parit identifizierte drei versteckte Kosten, die die Zukunft des Landes massiv gefährden:

  1. Qualitätsverlust: Korruption führt zu verdorbener Schulmilch, veralteten Lernmaterialien durch Monopol-Anbieter und verwehrt Schülern durch Vetternwirtschaft bei der Einstellung die besten Lehrer.

  2. Falsche Prioritäten: Geld fließt dorthin, wo persönlicher Profit winkt (z. B. in teure Gebäude), anstatt in sinnvolle Maßnahmen wie Verwaltungspersonal, das Lehrer entlasten könnte.

  3. Gesellschaftliche Abstumpfung: Es sei zynisch, Schüler den Satz „Wachset auf ohne Korruption“ aufsagen zu lassen, wenn sie Fehlverhalten im Alltag nicht hinterfragen dürfen. Eine ganze Generation drohe, Bestechung als Normalität zu akzeptieren.

Die versteckte Steuer auf alles

Sirikanya Tansakun, ebenfalls stellvertretende Parteivorsitzende, erklärte den Mechanismus hinter den staatlichen Beschaffungsprozessen. Unternehmen, die Schmiergelder für Regierungsprojekte zahlen, wälzen diese Ausgaben als unsichtbare „Steuer auf Steuern“ auf die Verbraucher ab. Sie benannte sechs gängige Betrugsmaschen bei Ausschreibungen:

  • Maßgeschneiderte Spezifikationen

  • Absprachen bei der Gebotsabgabe

  • Überhöhte Richtpreise

  • Künstliche Aufteilung von Verträgen

  • Nachträgliche Reduzierung der Spezifikationen

  • Nutzung mehrerer Strohfirmen durch denselben Eigentümer zur Vortäuschung von Wettbewerb.

„Es werden nicht nur Steuereinnahmen gestohlen. Auch die Zukunft des Landes wird gestohlen“, warnte sie.

Der Alltag: Bürokratie als Erpressungsinstrument

Zwei weitere Abgeordnete beleuchteten die wirtschaftliche Realität an der Basis. Sahassawat Kumkong (Chon Buri) schlüsselte die Schmiergeld-Stufen für Wanderarbeiter auf:

  1. Verzögerungsphase (Maklergebühren): 5.000 bis 12.000 Baht.

  2. Bereiche außerhalb des Zentrums: 1.300 bis 3.600 Baht.

  3. Illegale Phase: Ein mafiöses „Mitgliedschaftssystem“ erfordert 10.000 Baht Startkapital oder 1.000 Baht monatlich. Auch diese Kosten von Kleinbetrieben landen am Ende beim Endverbraucher.

Kamonthas Kittisoonthornsakul (Rayong) rechnete die Last für Fabrikbetreiber vor. Um den bürokratischen Apparat ans Laufen zu bringen, zahlen Unternehmer Schmiergelder, um Beamten „die Augen zu öffnen“:

  • Beschleunigung einer Landaufschüttung: 50.000 bis 300.000 Baht.

  • Baugenehmigung: 100.000 bis 1 Million Baht.

  • Betriebsgenehmigung: Weitere 300.000 bis 1 Million Baht. Oft sei es schlicht billiger, Beamte zu bestechen, damit sie bei Inspektionen „die Augen verschließen“.

Wenn selbst der Tod nicht umsonst ist

Am Ende des Lebenszyklus schlägt das System ein letztes Mal zu. Die Abgeordnete Nattaya Boonpakdee berichtete von Altersrenten-Betrug und Medikamentenengpässen auf dem Land, die lebenswichtige Behandlungen verzögern.

Natachanon Chanaburanasak (Phitsanulok) thematisierte schließlich die Kosten des Sterbens. Eine durchschnittliche Beerdigung kostet 50.000 bis 70.000 Baht. Selbst hier gibt es mutmaßlichen Betrug bei Bestattungshilfefonds, die durch rechtliche Grauzonen (unklare Ziele, verschwiegene Mitgliederzahlen, intransparente Finanzen) Angehörige ausbeuten.

Ein offenes Ende

Oppositionsführer Natthaphong schloss das Forum mit einem offenen Aufruf. Seine fünf Kategorien seien nur ein vorläufiger Raster; er lud die Teilnehmer ein, weitere Kategorien vorzuschlagen, um das Bild zu schärfen. Das Ziel sei klar: Es brauche maßgeschneiderte Lösungen für jede Form der Korruption. Die thailändische Gesellschaft müsse erkennen, dass dieses Problem kein Nischenthema der Politik sei, sondern jeden einzelnen Bürger betrifft – unerbittlich, von der Geburt bis zum Tod.

Von stin

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest

5 Comments
Älteste
Neueste Meistbewertet
berndgrimm
berndgrimm
20 Tage vor
Antwort auf  stin

Das gilt bei STIN’s Propagandismus natürlich nur für diie Opposition.
Seine großen Helden Anutin ,Prayuth und Surachate (ja wo iss er denn?)
sind natürlich alle sauber.

Zuletzt bearbeitet am 20 Tage vor von berndgrimm
berndgrimm
berndgrimm
20 Tage vor

Wenn es in STIN’s Propaganda paßt dann schreibt er (na ja, seine KI) manchmal auch ein wenig von der Realität.
Und macht für die Korruption nicht die Regierung sondern die Opposition verantwortlich. Und natürlich Thaksin ,Paetongtarn und Yingluck.
STIN hat eben für alle Fälle eiine Propagandalüge bereit.
Hier ein Artikel aus der heutigen BP:
https://www.bangkokpost.com/thailand/politics/3288994/opposition-readies-for-censure-bid

Zuletzt bearbeitet am 20 Tage vor von berndgrimm
{title}
WP Twitter Auto Publish Powered By : XYZScripts.com