Seit über acht Jahren vollstreckt das Königreich keine Todesurteile mehr. Doch die Gerichte verhängen die Höchststrafe unbeeindruckt weiter. Fünf Schicksale enthüllen das komplexe Machtspiel aus Justiz, königlichen Begnadigungen und dem lebenslangen Verharren im Ungewissen.

In den Gerichtssälen Thailands verhallt das Wort regelmäßig mit ganzer Härte: Todesstrafe. Es trifft Raubmörder, Drogenbarone und Serienkiller. Doch wer das Urteil empfängt, tritt nicht den Gang zur Giftspritze an, sondern stürzt in ein bürokratisches Vakuum. Seit dem 18. Juni 2018 hat der Staat keinen einzigen Verurteilten mehr hingerichtet. Dennoch ruht das Schafott keineswegs kraft Gesetzes, sondern bloß durch ein inoffizielles Moratorium. Zwischen dem Urteilsspruch und seiner Vollstreckung klafft ein juristischer Abgrund – beleuchtet durch fünf eindrückliche Fälle.

Das Papier-Urteil: Höchststrafe ohne Vollstreckung

Das thailändische Strafgesetzbuch sieht für schweren Raubmord, vorsätzliche Tötung und großflächigen Drogenhandel unmissverständlich die Todesstrafe vor. Was im Gesetzbuch jedoch fehlt, ist eine Automatismus-Klausel zur Vollstreckung. Nach dem Richterspruch erster Instanz öffnet sich ein zäher, mehrstufiger Instanzenzug: Berufungsverfahren, die Prüfung durch den Obersten Gerichtshof und schließlich königliche Gnadengesuche.

Da das Land seit über acht Jahren faktisch auf Exekutionen verzichtet, verwandelt sich die Todesstrafe in ein Relikt auf dem Papier. Der tatsächliche Lebensweg der Verurteilten wird zum unvorhersehbaren Einzelfall.

Fünf Fälle – Fünf Wege durch das thailändische System

1. „Am Cyanide“: Dreifach verurteilt, 80 Verfahren offen

Sararat Rangsiwuthaporn – von den Medien ehrfurchtsvoll wie schaudernd „Am Cyanide“ getauft – gilt als eine der berüchtigtsten Serienmörderinnen in der Geschichte Thailands. Zwischen 2015 und 2023 soll sie mindestens 14 Menschen mit Hochgift getötet haben – meist Bekannte, bei denen sie tief in der Kreide stand.

Im November 2024 erging das erste Todesurteil für den Giftmord an ihrer Freundin Siriporn Khanwong, die im April 2023 an einem Fluss in Ratchaburi zusammengebrochen war. Wegen teilweiser Kooperation wandelte das Gericht die Strafe umgehend in lebenslange Haft um. Im Februar 2026 folgte das zweite Urteil wegen Mordes an einer Polizeioffizierin, im April 2026 das dritte – jedes Mal lautete das Urteil formal auf Tod, jedes Mal wurde es direkt auf lebenslänglich reduziert. Während Sararat im Frauengefängnis sitzt, warten noch rund 80 weitere Anklagepunkte auf juristische Aufarbeitung.

2. „Director Golf“: Drei Tote für 28 Baht Gold

Am 9. Januar 2020 stürmte Prasittichai Khaokaeo alias „Director Golf“ mit Sturmhaube und schallgedämpfter Waffe das Aurora-Schmuckgeschäft im Robinson-Einkaufszentrum von Lopburi. Er erschoss drei Menschen – darunter den zweijährigen Titan, der an der Hand seiner Mutter durch das Einkaufszentrum ging – und verletzte vier weitere schwer. Seine Beute: Gold im Wert von über 600.000 Baht (28 Baht-Gewicht). Motiv: Schulden.

Alle drei Instanzen – Strafgericht, Berufungsgericht und Oberster Gerichtshof – bestätigten die Todesstrafe unnachgiebig. Das Urteil ist rechtskräftig. Dennoch sitzt Prasittichai weiterhin in seiner Zelle. Solange sein eingereichtes Gnadengesuch nicht entschieden ist, bleibt die Vollstreckung ausgesetzt.

3. „Jo Ferrari“: Tödliche Folter und das abrupte Ende im Hochsicherheitstrakt

Thitisan Utthanaphon, Polizeioberstleutnant und Revierleiter in Nakhon Sawan, fiel durch seinen protzigen Lebensstil und seine Luxusschlitten-Sammlung auf. Im August 2021 enthüllte ein durchgesickertes Überwachungsvideo die Quelle seines Wohlstands: Thitisan und sechs Polizisten erpressten den 24-jährigen Drogenverdächtigen Jirapong Thanapat und stülpten ihm sieben Plastiktüten über den Kopf. Der Festgenommene erstickte während des Verhörs.

Das Gericht verurteilte Thitisan wegen gemeinschaftlichen Mordes durch Folter zum Tode, milderte die Strafe jedoch um ein Drittel auf Lebenslang ab – Begründung: Wiederbelebungsversuche und Entschädigungszahlungen an die Hinterbliebenen. Im Hochsicherheitsgefängnis Klong Prem in Bangkok fand die Haft ein abruptes Ende: Am 7. März 2025 entdeckten Wärter Thitisan leblos in seiner Zelle, erhängt mit einem Handtuch am Türgriff. Obwohl die Behörden Suizid feststellten, zweifelt die Familie unter Verweis auf einen gemeldeten Übergriff im Januar 2025 bis heute an dieser Version.

4. Das Mädchen im Expresszug 174: Die Kette der Begnadigungen

In der Nacht zum 6. Juli 2014 verschwand die 13-jährige Kaem spurlos aus dem Schlafwagen des Expresszuges 174 (Nakhon Si Thammarat nach Bangkok). Der betrunkene und drogenintoxikierte Bahnangestellte Wanchai Saengkhao hatte das Mädchen vergewaltigt, getötet und bei Pran Buri aus dem fahrenden Zug geworfen, während sein Kollege Nattakorn Chamnan Schmiere stand (4 Jahre Haft).

Wanchai kassierte in erster und zweiter Instanz die Todesstrafe. Durch mehrere aufeinanderfolgende königliche Begnadigungen wurde die Höchststrafe Schritt für Schritt bis auf lebenslange Haft herabgestuft. Der Fall entfachte eine landesweite Debatte über Alkoholverbote und Sicherheitsmängel in thailändischen Fernzügen, die bis heute nachhallt.

5. Theerasak Longji: Die vorerst letzte Giftspritze Thailands

Es war der 17. Juli 2012, als der 19-jährige Theerasak Longji in der Provinz Trang einen gleichaltrigen Schüler mit mehr als 24 Messerstichen ermordete – nur um dessen Geldbörse und ein iPhone zu rauben. Sämtliche drei Gerichtsinstanzen bestätigten die Todesstrafe. Sein Gnadengesuch wurde gnadenlos abgelehnt.

Am 18. Juni 2018 wurde Theerasak im Bang-Kwang-Gefängnis per Giftspritze hingerichtet. Er ist bis heute (Stand: August 2026) der letzte Mensch, den Thailand exekutieren ließ. Sein Tod markiert den Beginn des aktuellen inoffiziellen Moratoriums. Seine Zelle in Bang Kwang ist zwar längst nachbelegt, doch die Spritze schweigt.

Mechanismus des Auswegs: Wie Todesurteile weichgespült werden

  • Geständnis und Kooperation als Lebensversicherung: Wer vor thailändischen Gerichten reinen Tisch macht oder Ermittlungen vorantreibt, hat beste Chancen, dem Tod von der Schippe zu springen. Das Gesetz erlaubt Richtern, Todesurteile um ein Drittel oder mehr zu mildern, wenn der Angeklagte wertvolle Aussagen liefert, Mittäter belastet oder Beweismittel offenlegt. Genau dieser Mechanismus rettete Sararat Rangsiwuthaporn („Am Cyanide“) in allen bisherigen Drei-Serien-Urteilen den Kopf.

  • Königliche Begnadigung als strategischer Joker: An bedeutenden Feiertagen prüft das Königshaus Traditionen folgend Welle um Welle von Gnadengesuchen. Anwälte und Angehörige nutzen diesen Weg konsequent. Ein eingereichtes Gesuch blockiert die Vollstreckung zwar nicht automatisch per Gesetz, bremst die Justizmühlen aber drastisch ab. Während Wanchai Saengkhao durch Kaskaden-Begnadigungen mit dem Leben davonkam, scheiterte Theerasak Longji – der Ausgang gleicht einem juristischen Roulette.

  • Jahre im Labyrinth der Instanzen: Bis ein Urteil den Weg durch Strafgericht, Berufungsgericht und den Obersten Gerichtshof absolviert hat, vergehen oft viele Jahre. Allein beim Goldraub-Mörder Prasittichai Khaokaeo verstrich über ein halbes Jahrzehnt, bis die Entscheidung rechtskräftig feststand. Die Überlastung der Justiz und Haftanstalten wie Bang Kwang oder Klong Prem führt zu jahrelangem Verharren in der Schwebe.

Fazit: Ein System der paradoxen Gnade

Täter / Fall Ursprüngliches Urteil Aktueller Status (Stand Aug. 2026)
Sararat Rangsiwuthaporn („Am Cyanide“) 3x Todesstrafe Umwandlung in lebenslänglich (Geständnisse); ~80 Verfahren offen
Prasittichai Khaokaeo („Director Golf“) Todesstrafe (3 Instanzen) Rechtskräftig; wartet auf Entscheidung zum Gnadengesuch
Thitisan Utthanaphon („Jo Ferrari“) Todesstrafe Reduziert auf lebenslang; am 07.03.2025 tot in Zelle aufgefunden
Wanchai Saengkhao (Zugmord) Todesstrafe Durch multiple königliche Begnadigungen in lebenslang umgewandelt
Theerasak Longji (Raubmord 2012) Todesstrafe Am 18.06.2018 per Giftspritze hingerichtet (Letzte Hinrichtung)

Das thailändische Justizsystem erweist sich als träger, mehrstufiger Apparat mit variablen Ausgangstüren. Das inoffizielle Hinrichtungsmoratorium seit 2018 verzerrt die Wahrnehmung zusätzlich: Juristisch schwebt die Höchststrafe weiter über den Köpfen der Verurteilten, faktisch bedeutet ein Todesurteil derzeit lebenslange Haft – sofern kein Gesuch abgelehnt wird. Wie lange diese brüchige Ruhe hält, weiß im Königreich niemand.

Redaktion STIN --> Austria // Thailand

Von stin

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2 Comments
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berndgrimm
berndgrimm
1 Monat vor

Ich bin nicht generell gegen die Todesstrafe, aber nur in Rechtsstaaten welche die Todesstrafe meist abgeschafft haben. Thailand,NordKorea,China,Russland und die USA gehören nicht dazu.
Ich halte die Gefängnisse nur für die Brutstellen von Kriminalität und Menschenverachtung.Auf beiden Seiten des Gitters.
Ich habe einige Jahre in LUX nebenbei noch die Urlaubsvertretung vom Weißen Ring gemacht.
Der weiße Ring ist eine Organisation von ex Polizisten die den Opfern der Kriminalität helfen.
Meines Erachtens sollten nur nichtresozialisierbare Gewalttäter hinter Gitter.
Für die anderen Straftäter wäre Wiedegutmachung der Opfer das Wichtigste.
Was ist die größte Strafe für solche Menschen? Arbeit, Arbeit , Arbeit.
Für die Allgemeinheit und nicht für private Ausbeuter.
Und natürlich müßte diese Arbeit leistungsgerecht bezahlt werden.
Zugunsten der Wiedergutmachung an den Opfern und an der Gesellschaft.
In TH wäre es schon schön wenn es halbwegs ordentliche Gerichte geben würde und nicht nur Regimevollstrecker.

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