Bangkok: Malaria-Therapie hilft kaum noch – Erreger werden resistent

In weiten Teilen Südostasiens hilft die gängige Malaria-Therapie kaum noch. Studien zeigen, wie weit Multiresistenzen in Thailand, Vietnam, Kambodscha und Laos verbreitet sind. Sollte der Erregerstamm nach Afrika gelangen, drohe eine Katastrophe, mahnen Experten.

Resistente Malaria-Erreger verbreiten sich zunehmend über weite Regionen Südostasiens. Multiresistente Varianten der gefährlichsten Erregerart Plasmodium falciparum seien inzwischen in großen Teilen von Kambodscha, Thailand, Vietnam und Laos vorherrschend, schreiben zwei internationale Forscherteams im Fachblatt „The LancetInfectious Diseases“.

In Nordost-Thailand sind demnach schon mehr als 80 Prozent der zirkulierenden Parasiten gegen die gängige Arzneikombination resistent. Experten warnen vor einer überregionalen Ausbreitung dieser Stämme nach Afrika. Jürgen May vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), der an den Studien nicht beteiligt war, spricht von einer dramatischen Situation.

Malaria-Therapie besteht aus zwei Komponenten

Malaria zählt zu den gefährlichsten Infektionskrankheiten. Im Jahr 2017 starben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehr als 430.000 Menschen an der Krankheit, die weitaus meisten davon in Afrika. Mit der gefährlichsten Erregerart P. falciparum, die 90 Prozent der Todesfälle verursacht, sind weltweit mehr als 200 Millionen Menschen infiziert.

Die vielerorts empfohlene Therapie besteht aus zwei Komponenten: dem kurz wirksamen, aber höchst effektiven Pflanzenstoff Artemisinin, für dessen Entwicklung die Chinesin Tu Youyou 2015 den Medizin-Nobelpreis erhielt, und der länger wirkenden Substanz Piperaquin. Studien zeigten schon früher, dass Artemisinin seit 2008 vielerorts an Wirkung eingebüßt hat. Allerdings half die Kombination noch wegen der zweiten Arznei – wenn auch in stark abgeschwächter Form.

Multiresistenter Malaria-Stamm ist schon weit verbreitet

Im Jahr 2013 wurde bekannt, dass die Kombination aus Dihydroartemisinin und Piperaquin (DHA-PPQ) oft ganz versagte, zunächst in Kambodscha, später auch in Thailand und Vietnam. Nun zeigen zwei neue Studien, wie stark der multiresistente Stamm – nach den Resistenzgenen KEL1/PLA1 benannt – mittlerweile in der Region verbreitet ist.

In der ersten Untersuchung prüfte ein Team um Rob van der Pluijm von der Mahidol Oxford Tropical Medicine Research Unit in Thailand die Wirksamkeit der Zweier-Kombination an 140 Patienten in Kambodscha, Thailand und Vietnam. Insgesamt half die Kombination nach sechs Wochen nur jedem zweiten Patienten. In Nordthailandwaren es sogar nur knapp 13 Prozent, in Westkambodscha 38 Prozent. Zwar sind diese Ergebnisse der noch laufenden Studie nur vorläufig, wie May betont. „Die Forscher hielten sie aber für so wichtig und dringlich, dass sie sie schon veröffentlicht haben.“

Problem hat sich verschlimmert

Die zweite Studie des Teams um William Hamilton vom britischen Wellcome Sanger Institute untersuchte das Erbgut der Erreger. Dazu analysierten die Forscher 1673 Proben aus 19 Provinzen in vier Ländern. Demnach trugen in allen Regionen außerhalb von Laos mehr als die Hälfte der Erreger Mutationen, die sie sowohl gegen Artemisinin als auch gegen Piperaquin immun machten.

„Diese beunruhigenden Resultate zeigen, dass sich das Problem von Multiresistenzen bei P. falciparum in Südostasien seit 2015 substanziell verschlimmert hat“, sagt Studienleiter Olivo Miotto vom Wellcome Sanger Institute. Erschreckend sei vor allem das Tempo, mit dem sich die Resistenzen verbreitet hätten. „Andere Arzneien sind momentan vielleicht noch wirksam, aber die Lage ist extrem brüchig.“

Resistenz breitet sich nach Afrika aus

Katastrophal, so betonen die Forscher, wäre eine Ausbreitung resistenter Stämme nach Afrika. Das habe es schon bei Resistenzengegen die Wirkstoffe Chloroquin und Sulfadoxin-Pyrimethamin gegeben, schreibt das Team um van der Pluijm. „Von Südostasien aus verbreiteten sie sich zum Indischen Subkontinent und nach Afrikasüdlich der Sahara, wo sie wahrscheinlich zu Millionen Todesfällen bei afrikanischen Kindern beigetragen haben.“

„Bisher sind alle Resistenzen aus der Region irgendwann nach Afrikaübergesprungen“, bestätigt der Experte May. „Das wäre dann eine sehr kritische Situation. Deshalb ist die Studie ein Hinweis, dass man sofort etwas tun muss.“

Großer Bedarf an neuen Therapien

Das Team um van der Pluijm rät, die DHA-PPQ-Kombination in der Region nicht mehr einzusetzen, um die Ausbreitung der resistenten Stämme nicht weiter zu fördern. Stattdessen solle man auf neue Wirkstoff-Kombinationen setzen. Das berge jedoch das Risiko, dass sich auch dagegen Resistenzen entwickelten. Man müsse die genetische Entwicklung der Erreger genau beobachten, um Therapien schnell an neue Entwicklungen anpassen zu können.

In einem „Lancet“-Kommentar betont Didier Ménard vom Institut Pasteur in Paris: „Beide Studien veranschaulichen das zunehmende Tempo, mit dem sich P. falciparum-Resistenzen gegen DHA-PPQ entwickelt und über Südostasien verbreitet haben.“ Das zeige die dringende Notwendigkeit, neue Therapien zu entwickeln und einzusetzen. So könne man etwa die derzeitige DHA-PPQ-Kombination durch drei Wirkstoffe ersetzen.

Mit der Zahl der Wirkstoffe steigt das Risiko für Nebenwirkungen
Dreier-Kombinationen böten einen besseren Schutz, sagt auch May, allerdings steige mit der Zahl der Wirkstoffe das Risiko für Nebenwirkungen. Derzeit werde die Sicherheit solcher Dreier-Cocktails in Studien überprüft. Eine weitere Möglichkeit, so May, sei die Malaria-Bekämpfung generell in der Region, etwa durch Mückennetze oder Eindämmen der Brutmöglichkeiten für Mücken.

Für Touristen seien die Malaria-Resistenzen wahrscheinlich kein größeres Problem, sagt May. Wirkstoffe der gängigen Standby-Medikamente seien von den Resistenzen nach derzeitigem Kenntnisstand nicht betroffen. /RND-DPA

 

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