„Union People’s Democracy“ Thailand – 01

[caption id="attachment_496" align="alignleft" width="150" caption="Junya Yimprasert"]Junya Yimprasert [/caption]

(Mark Teufel, 10.09.2011)            Die Union People’s Democracy ist eine Gruppe von im Ausland lebenden Thailändern, bisher aus neun Ländern, die die Vision einer Gesellschaft aufzeigt, in der Demokratie und Menschenrechte langfristig eine tragende Rolle bei der Lösung interner Konflikte spielen werden. Diese eindeutige Stellungnahme, erstmalig in Giles Ji Ungpakorns Manifest angedacht, ist eine politische Entwicklung, die bisher von den tragenden politischen Parteien Thailands nicht besetzt wurde. Außer Lippenbekenntnisse hatte man unter keiner der vorhergehenden Regierungen, die Förderung von echter Demokratie und die Verfolgung von Menschenrechtsvergehen des Staates, beobachten können. Aus diesem Grund will ich in einer kleinen Artikelserie auf die Hintergründe und Ziele der UPD eingehen.

Zum Beginn ein Interview mit Junya Yimprasert  ( Lek ), das ich am 09.09.2011 in Deutschland geführt habe. Am folgenden Tag war Lek eine der Rednerinnen auf einem Seminar der UPD in Dortmund, das dort unter dem Thema   „The Law of Lèse Majèsté and People‘s Uprising for Democracy“  ( Das Gesetz gegen Majestätsbeleidigung und der Aufstand der Menschen für Demokratie )  stattfand.

MT : Lek, Danke für das Interview und willkommen in Deutschland. Aber vermutlich ist dies nicht das erste Mal, dass Sie hier sind ?

JY : Ich bin auch froh, Sie endlich einmal persönlich kennen zu lernen. Hinsichtlich Deutschland … ich war bereits verschiedene Male seit 1999 in Deutschland. Meist auf Einladung von verschiedenen Organisationen. Ich stellte die Situation der Arbeiter in Thailand vor, ich war aktiv in der Frauenbewegung, ich nahm an der „Clean Cloth Campaign“  ( Kampagne für saubere Textilproduktion ) teil, durch die wir Firmen wie Adidas und Puma gezwungen haben, ihre Zulieferer dazu zu bringen, die Verletzung von Arbeitnehmerrechten zu beenden. Eigentlich ist Deutschland das Land, in das ich seit 1999 am meisten gereist bin.

JY : Naja, ein bisschen, Deutschland ist so groß und die Gesellschaft ist so unterschiedlich und andererseits ist das Land so dicht besiedelt … Man kann nicht sagen, dass man Deutschland kennt, wenn man hier oder da mal 2 Wochen war. Und die Sprache ist so schwer. …

MT : Also sollten wir vielleicht mehr über Thailand reden, was Sie ja besser kennen. Lek, wir wissen, dass Sie seit 2010 nicht nach Thailand zurückgegangen sind, und die Menschen fragen mich, ob Sie wohl schon irgendeine Information bekommen hätten, dass eine Anklage wegen Lèse Majèsté auf Sie in Thailand wartet ?

YT : Ich habe bisher noch keine Notiz darüber von der Polizei erhalten. Die Nachricht die mich erreichte war, dass, falls ich wissen wollte, was mir passieren wird, dann sollte ich doch nach Thailand zurück kommen, und abwarten, was am Flughafen geschehen würde. Ich habe keine Ahnung, wie stark das Interesse ist, mit der sie mich beobachten. Aber ich weiß, dass sie auf mich aufmerksam geworden sind. Letztes Jahr, als ich in Finnland war, nahm ich an einer Veranstaltung der größten NOGs des Landes teil, und ich sprach über die Situation in Thailand, denn es war im Mai, kurz nach der Zerschlagung der Demokratiebewegung. Ich wurde gefragt, was in Thailand passieren würde, wenn jemand den König nicht lieben würde. Und ich antwortete, dass man dann ganz leicht für 15 Jahre ins Gefängnis kommen könnte. Und da waren Thailänder anwesend, die die Botschaft kontaktiert haben, die wiederum danach den Organisator ansprachen, und ihm drohten, dass ich Thai wäre, und unter thailändischem Recht stehen würde. Also ich denke wirklich, dass ich beobachtet werde, Sie hatten auch schon mal Menschen organisiert, die einen Flash um mich herum aufgebaut hatten, aber dies hier ist Europa, und man respektiert das Recht auf Versammlungsfreiheit.

Als ich eingeladen worden war, nach Europa zu kommen, hatte ich nicht beabsichtigt, in Europa zu bleiben. Ich war gekommen, um Schweden, Finnland und Polen zu besuchen, um … z.B. über den Menschenhandel von mehreren hundert Thais nach Polen zu diskutieren. Aber die Zerschlagung der Demonstration ab dem 13. Mai brachte mich dazu, sofort darauf zu reagieren, und ich begann eine Petition über Chat in Thailand zu organisieren. Wir hatten schon 9000 Unterschriften in nur 2 Tagen gesammelt, bis die Petition von der Regierung blockiert wurde. Und dann nahm ich an Veranstaltungen teil, die eine Ausstellung über jene Zerschlagung in Finnland organisierte. Und daraufhin schrieb ich meinen Artikel, “Warum ich den König nicht liebe”.

Ich versuche zu erklären, dass ich kein politischer Flüchtling bin, sondern ich bin aus eigenem Wunsch in Europa. Ich bin auch mit niemandem in Europa verheiratet. Ich beantragte ein Visum durch die gleichen Prozesse, wie alle anderen. Und das ist etwas was nicht einfach ist, und hat mich auch einige Monate vom Reisen abgehalten, bis ich nun ein Visum als Resident und nicht als Flüchtling erhalten habe. Der Grund, warum ich mich selbst nicht als Lèse Majèsté politischen Gefangenen bezeichne, ist, dass ich darauf bestehe, ein Weltbürger zu sein, der sein Recht auf Versammlungsfreiheit und das Recht auf Redefreiheit, benutzt. Das ist der Schlüssel, der in der internationalen Menschenrechtsdeklaration von 1948 garantiert ist, und diese hat Thailand ratifiziert. Ich rede, indem ich mich auf die Erklärung über Menschenrechte von 1948 beziehe, weshalb kein Lèse Majèsté-Gesetz gegen mich angewendet werden kann. Niemand sollte als politischer Gefangener betrachtet werden, weil er die Institutionen Thailands kritisiert, wenn er die Absicht dabei hat, das Land hin zu einer nachhaltigen Entwicklung zu bringen, die dazu führt, dass schließlich alle die gleichen Rechte haben. Das ist der Kern der Menschenrechtserklärung.

MT : Einige Beobachter sagen, dass die Gruppe  “Union for People’s Democracy”  nur eine kleine intellektuelle Splittergruppe ist, ohne wirkliche Unterstützung durch die normalen Menschen in Thailand. Wie viele Menschen, glauben Sie, sympathisieren insgeheim mit den Ideen dieser Gruppe, wie sie sie kürzlich veröffentlicht haben.

JY : Die UPD ist sicher nicht akademisch. Die Komplexität der Zusammensetzung der thailändischen Bevölkerungsanteile in Europa, unterscheidet sich nicht wesentlich von der in Thailand. Die Menschen kommen aus unterschiedlichen Hintergründen, Berufen. Die Universität Chiang Mai hat kürzlich einen Bericht veröffentlicht, wie unterschiedlich die Zusammensetzung der Teilnehmerder Rothemden ist. Ich denke, dass in Europa die gleiche Situation besteht. Ich habe die Anführer der Rothemden aus neun Ländern kennen gelernt. Ich denke, dass in Deutschland die gleiche Situation besteht wie in Thailand. Die meisten der Anführer in diesen Ländern sind nicht akademisch. Sie kamen nach Europa wegen einer Heirat, wegen Arbeit und sie leben seit 20 oder 30 Jahren hier. Ihnen war die Situation in Thailand vor den Zerschlagungen von 2009 und 2010 nicht bewusst. Allerdings waren einige auch schon Teilnehmer der Aufstände von 1973 und 1976, Menschen die damals fliehen mussten, aber das ist nur ein sehr kleiner Prozentsatz. Generell kann man sagen, dass die Rothemden in Europa, oder die UPD sicher kleine Splittergruppe ist. Man sieht den gleichen Prozentsatz von Menschen organisiert wie in Thailand. Man sieht sie aus verschiedenen Ländern. … Sie hatten sich oft vorher aus kulturellen Gründen getroffen. Sie haben z.B. buddhistische Zeremonien für Songkhran organisiert und solche Dinge. Die meisten kennen sich daher schon eine geraume Zeit. Sie wurden aber erst durch die militärische Zerschlagung der Demonstrationen politisch aktiviert. Das Vorgehen des Militärs im Jahr 2010 hatte den größten Einfluss darauf, plötzlich politische Dinge zu diskutieren. Es sind Ladenbesitzer, Reinigungskräfte, Kellner, Eigentümer von Restaurants, Hausfrauen, Ärzte, Krankenschwester, oder Trainer in Fitness-Studios. Darunter sind die unterschiedlichsten Menschen.
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Es gibt ca. 200.000 Thailänder in Europa. Und man kann davon ausgehen, dass sich so 100 bis 200 von ihnen pro Land politisch engagieren, unabhängig davon, um welche politische Richtung es geht. Wenn es um kulturelle Dinge geht sind es natürlich mehr. Aber man kann sehen, dass es ein wichtiger Beginn ist. Wenn man sich die Geschichte der letzten 20 Jahre anschaut, dann hatten sich Thailänder nie politische organisiert. Das ist eine sehr positive Entwicklung, die jetzt stattfindet. Vielleicht gibt es die Chance, mehr zu mobilisieren, und die Bewegung zu erweitern. Aber ich denke nicht, dass man alle Thailänder in Europa, oder überhaupt im Ausland, organisieren kann.

MT : Wie stark glauben Sie, ist die republikanische Strömung. Ich habe gehört, dass Giles Ji Ungpakorn an Veranstaltungen teilgenommen hatte, und auch Jakrapob Penkair hatte angerufen. Wie sehr, glauben Sie, haben sich republikanische Neigungen, nach der letzten Zerschlagung der Demonstrationen, verstärkt ?

JY : Die republikanische Strömung innerhalb der Rothemden ist noch nicht sehr stark. Sie reden zwar von Republik und Revolution, aber wenn man tiefer in die Diskussion mit ihnen einsteigt, dann wollen sie eigentlich nur den Beginn eines Demokratisierungsprozesses. Die Entwicklung dahin sollte erlaubt werden, ohne dass Hindernisse aufgebaut werden. Ich glaube nicht, dass es eine echte ambitionierte Bewegung gibt, die das Land in Richtung einer Republik bringen will. Vielleicht reden sie davon, weil sie gerade jetzt so viel davon hören, aber ihre Hauptidee ist es, dem europäischen Modell der Demokratisierung zu folgen. Sie wollen entweder eine Monarchie, oder das französische Modell … je nachdem in welchem Land sie schon so lange leben, empfinden Sie natürlich das jeweils dort vertretene Demokratiemodell als das bevorzugte. Ich glaube nicht, dass sie für eine Revolution bereit wären, für eine Revolution, die Blutvergießen bedeuten würde. Niemand will das wirklich.

MT : Nach dem Militärcoup von 2006 hat es einen starken Wandel im Image der Monarchie gegeben, ebenso wie in den Gefühlen der Menschen für die Monarchie. Was glauben Sie, welche Art von Rolle, könnte die Monarchie in Zukunft in Thailand spielen ?

JY : Die Monarchie steht vor einer wirklichen Herausforderung. Wenn sie sich nicht anpasst, oder kompatibel zu einem demokratischen System wird, dann wird die Monarchie überholt sein,  { veraltet, ausgelaufen }.  Die Frage heute ist nicht, was die Menschen mit der Monarchie tun werden, die Frage ist, ob die Monarchie klug genug ist, die Evolution im Bewusstseinswandel der Menschen zu begreifen. Wenn sie das versteht, wenn sie dann überleben will, dann muss sie sofort den Schutz der Monarchie abbauen, die anachronistischen Gebräuche im Palast reduzieren, wissen Sie, ….sie muss die inhumanen Verhaltensweisen ändern. Sie muss sich in vielen Bereichen anpassen, und für die Öffentlichkeit öffnen. Ob sie das kann, ist die Hauptfrage. Und ich glaube, wenn die Monarchie sich nicht anpassen wird, dann wird mit ihr das gleiche passieren wie mit allen anderen Dynastien, die dem Wechsel nicht folgen konnten. Sie werden sich selbst nicht überleben. Das hängt nicht alleine von Thailand ab. Es ist die Globalisierung, der zunehmende Bewusstseinswandel in der Bevölkerung. Es wird eine Abschaffung der unterschiedlichen Klassen geben, der inhumanen Verhaltensweisen, von Hegemonialkräften, Sklaven- und König-Verhältnissen. Sie haben eine Menge Aufgaben vor sich, und nicht wenige glauben nicht, dass die Monarchie in der Lage sein wird, sich schnell genug zu bewegen, und sich anzupassen, um z.B. dem Modell in Großbritannien oder Norwegen zu folgen.

MT : Eine erste wichtige Änderung könnte mit Artikel 112  ( Lèse Majèsté )  notwendig sein. In der Vergangenheit waren die Angeklagten schnell geständig, erhielten daraufhin eine reduzierte Bestrafung und hofften dann auf eine Begnadigung durch den König. Aber kürzlich sind die ersten Menschen aufgetreten, die sich selbst als   „nicht schuldig“   bezeichneten  ( z.B. Somyos Pruksakasemsuk ) und sie kämpfen einen politischen Prozess, oder sollten wir besser sagen, einen Menschenrechtsprozess aus. Dies ist eine ähnliche Entwicklung, wie zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Deutschland, als die Menschen begannen gegen das Gesetz zu kämpfen, was in einer Aufhebung des Gesetzes durch den Kaiser selbst endete. Denken Sie, dass diese Entwicklung auch in Thailand als der Beginn vom Ende des Gesetzes angesehen werden könnte ?

YT : Genau dies ist der Grund, warum die UPD gegründet wurde. Wir hier in Europa werden durch Gesetze geschützt. Wir haben Redefreiheit und Versammlungsfreiheit. Deshalb fühlen wir uns in den neun Ländern verantwortlich dafür, diese Angelegenheit in die Öffentlichkeit zu bringen. Um auch in Thailand die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen. Und mehr und mehr Leute in Thailand treten jetzt auf und stellen an die Monarchie herausfordernde Fragen. Sie sagen nicht, dass sie den König nicht wollen, auch wenn man das in Europa sagen könnte, ohne unter Konsequenzen zu leiden. Die meisten Menschen werden verhaftet wegen Dingen, die überhaupt nichts mit einer Beleidigung des Königs zu tun haben. Schauen Sie Somyos an. Er war der Herausgeber eines Magazins, und vielleicht in ein oder zwei Zeilen wurde etwas von einem Autor über die Monarchie gesagt. Wir denken, dass das nun wirklich zu weit geht. Lèse Majèsté wurde lächerlich und krankhaft. Und als eine internationale Bewegung müssen wir Thailand helfen. Es gibt eine halbe Million Thai außerhalb von Thailand in der Welt. Sie sind diejenigen, die die Möglichkeit haben, Kritik auszusprechen, ohne eingesperrt zu werden, denn sie werden durch Gesetze beschützt.

Die Monarchie ist nicht nur der König. Es geht um die Elite, die hohen Beamten, die Regierungsbeamten, die Richter, viele der höchsten Richter sind nun im Kronrat, in den letzten 60 Jahren wurde so viel Macht angesammelt, und wir benötigen internationalen Druck, damit Thailand geholfen werden kann. Ja, die Menschen müssen auch in Thailand aufstehen, sie müssen dieses Gesetz lächerlich machen. Aber weil Thailand so sehr ein Drehpunkt der internationalen Kommunikation ist, es gibt UN-Büros, viele internationale Hilfsorganisationen haben Büros hier, muss auch die internationale Gemeinschaft helfen. Auch unter der Regierung Yingluck werden Menschen noch verhaftet. Das ist sehr ernsthaft, dieses Gesetz. Ich denke es ist zu schwierig, es zu beseitigen, wenn man es alleine den Thailändern in Thailand überlässt, wenn die internationale Gemeinschaft nicht hilft. Sie sollte sagen   „Wir unterstützen euch, wenn ihr sagt, was ihr denkt“,   und sie sollte klar machen, dass es das Recht der Menschen ist, ihre Meinung zu sagen.

MT : Lek, die Hauptfrage war, ob Sie glauben, dass die Tatsache, dass sich Menschen als   “nicht schuldig”   bekennen, dies der Beginn vom Endes dieses Gesetzes sein könnte.

JY : Ja, ich glaube, dieses Gesetz liegt im Sterben. Ich habe keinen Zweifel daran. Die wachsende Wut, das Gefühl der Ungerechtigkeit die durch das Gesetz erzeugt wird, das ist zu viel. Ich habe keinen Zweifel daran, dass dieses Gesetz irgendwie in Frage gestellt werden wird. Die Frage ist, bevor es in dieser Form abgeschafft wird, wie viel Schaden wird es noch in der thailändischen Gesellschaft anrichten ?   Was wir jetzt versuchen, ist die Transition so zu gestalten, dass sie möglichst wenig Leiden für die Menschen Thailands verursacht.

MT : Wenn ich Sie richtig verstehe, ist die Frage der Monarchie nur eine untergeordnete Frage auf dem Weg zur Demokratisierung. Die Monarchie ist nicht das Hauptproblem. Einige Menschen sagen, dass es das Kernproblem wäre, und dass es keine Transition zur Demokratie ohne Abschaffung der Monarchie geben wird. Aber wir sahen in anderen Ländern wie Süd-Afrika, das ein ähnliches System hatte, in dem eine Minderheit eine Mehrheit unterdrückt hatte, dass ein weitgehend unblutiger Übergang zu einem demokratischen System möglich ist. So wie ich Sie verstehe, sind Sie der Meinung, dass das auch in Thailand möglich wäre ?

JY : Wenn Sie in die Geschichte Thailands und in die Geschichte nach dem Coup von 2006 schauen, können Sie klar erkennen, dass es immer Gewalt in all den Jahrzehnten gegeben hat. Wenn die Thailänder nicht im Einklang mit der Entwicklung in der internationalen Gemeinschaft begreifen, dass Aggression und Gewalt durch eine Regierung, nicht der richtige Weg ist, wird die Demokratisierung nicht gelingen. Wenn sie sich verstecken hinter wirtschaftlichem Wachstum … Für mich ist das die gefährlichere Frage. Thailand muss unbedingt mehr über die universalen Menschenrechte lernen. Thailand benötigt mehr Wissen über die Prinzipien der universalen Rechte. Das wird aber in Thailand nicht so sehr in den Mittelpunkt gerückt. Ich habe oft eine Menge von Fragen von Ausländern in Europa über Thailand zu beantworten. Sie fragen, was denn die Vision für die Zukunft ist. Nun, ich habe noch keine gesehen. Und das ist der Grund, warum die UPD diese politische Agenda erstellt hat. Es gibt eine Menge, was in Thailand verbessert werden muss. Die Psychologie der derzeit herrschenden Klasse in Thailand war zu lange das Herrschen mit Blutvergießen. Jeder Wechsel in den Dynastien seit hunderten von Jahren hatte immer etwas mit dem Töten zu tun. Töten des Bruders, töten des Königs … Töten ist zur normalen Praxis von thailändischen Regierungen geworden. Und die Menschen haben daraus gelernt, dass es akzeptabel wäre, Gewalt anzuwenden, dass Regierende Menschen töten, um das Land zu regieren. Das muss unbedingt geändert werden.

MT : Ich habe kürzlich einen Artikel über eine Rede von Craig J. Reynolds in Prachatai  ( http://www.prachatai.com/english/node/2720 ) gelesen. Und in der Rede gab es einen Teil, der mich schockierte. Weil man mehr oder weniger daraus den Eindruck gewinnen könnte, dass Craig meinte, dass die Menschen Südostasiens autokratische Systeme wünschten. Was denken Sie darüber ?

JY : Nun, das ist dumm. Wir können ihnen nicht erlauben, Thainess und Asiatische Werte unter einer Autokratischen Herrschaft zusammen zu fassen. Das war übrigens auch, was Thaksin versuchte. Er ist auch autoritär. Er ist nicht wirklich demokratisch. Selbst Leute aus seiner eigenen Partei sagen mir, dass er keine wahrer Demokrat wäre. Aber es ist lächerlich zu behaupten, dass die Menschen so etwas wünschten. Es ist lächerlich, dass wir Thailand erlauben, Thainess als Entschuldigung zu verwenden, nicht über ökologische Probleme zu diskutieren, über Demokratie, oder wegen China, weil die Welt mit China Kompromisse eingeht, und   „Asiatische Regeln“   oder   “Asiatische Werte“   akzeptiert. Es ist NICHT der Wille der Menschen. Die Menschen wollen Freiheit, sie wollen keine autokratischen Herrscher. Wir wissen, dass die Menschen in Malaysia protestierten, In Singapur werden Dissidenten für  wie viele Jahre ins Gefängnis gesperrt ?  Weil sie versuchten, die Forderung nach Gleichheit zu erheben. Es ist nicht der Wille der Menschen, sie sind nicht glücklich damit. Es ist der Wunsch der Herrscher, es sind diese, die die autokratischen Systeme lieben. Sie kontrollieren die Gewehre und schlagen jede Opposition in Stücke.

MT : Kommen wir noch einmal zurück zu Thaksin, der, wie Sie sagen, auch eine autokratische Herrschaft bevorzugen würde. Er war unter starke Kritik geraten, und vielleicht würde er ohne den Militärcoup längst nicht mehr eine so wichtige Rolle spielen. Aber er hat die Büchse der Pandora geöffnet mit seiner Politik, und mit seiner Unterstützung der Rothemden. Die Menschen empfanden, dass sie etwas bewegen konnten. Nick Nostitz hatte schon früh im Jahre 2008 gesagt, dass ein früherer Thai-Rak-Thai Politiker ihm erklärt hatte, dass diesem klar war, dass das Anwachsen der Rothemden den Anfang vom Ende des alten Systems der Geld- und Beziehungspolitik wäre. Und dass die Thai-Rak-Thai, indem sie mit den Rothemden kooperierte, auf Dauer Einfluss und Macht verlieren würde ?

JY :     Ich denke, dass natürlicherweise jeder daran arbeitet, Freiheit für sich selbst zu schaffen. Wenn man zurückschaut in die Geschichte der Chakri Dynastie, dann sieht man eine Menge Blutvergießen. Wir haben den Lampoon-Aufstand, Lanna Thai Chiangmai, Lampang, den Ubon Roi Et Aufstand unter Rama V. Rama I bis Rama V sandten Truppen nach Pattani, sie brannten sogar die ganze Hauptstadt nieder. Pattani verlor sein goldenes Zeitalter. Aber das Gefühl des Aufstandes, der Hunger nach Unabhängigkeit war immer während der gesamten Chakri-Dynastie vorhanden. Was diesmal den Unterschied ausmacht, ist, dass sich auch eine politische Partei am Kampf beteiligt. In der Vergangenheit hatte man die Köpfe der politischen Parteien abgeschnitten, wie z.B. Khana Ratsadorn, nach 15 Jahren war die Bewegung vollkommen zerschlagen, wobei viele getötet worden waren, viele Minister waren ermordet worden, sie töteten die Anführer und die Partei brach zusammen. Aber die Pheu-Thai-Party, weil sie so viele Mitglieder im Parlament hat, selbst nachdem man Thaksin los geworden war, und auch bis zu drei Ebenen von Anführern, gab es immer noch genug Leute, die sich engagierten. Und dies ist der Grund, warum es nun anders ist. Die Menschen haben schon immer gekämpft, aber so ein Kampf mit der Unterstützung einer so mächtigen politischen Partei hat einen anderen Stellenwert. Wir müssen es der Pheu-Thai zugutehalten, dass sie genug Menschen zur Verfügung gestellt hat, die sich hin gestellt haben, nachdem die Anführer ausgeschaltet worden waren.

Der Drang der Menschen nach Freiheit und Demokratie war schon immer vorhanden. Und ich stimme überhaupt nicht mit denen überein, die behaupten, dass Thailand niemals bereit für Demokratie sein wird.

MT : Die Pheu-Thai hat viele verschiedene Fraktionen. Wir haben da die alte Klasse der Geldpolitiker und junge Progressive, alte Kämpfer für Demokratie und pragmatische Bürokraten. Diese Koalition wird nur durch den Druck des Militärs, oder besser der Amart, zusammen gehalten, weniger aus Sympathie. Denken Sie, dass die Partei auseinander fallen wird?

JY : Ich würde das begrüßen. Wenn man demokratische Länder anschaut, benötigt man eigentlich drei weitere Parteien. Jetzt hat man da die monarchistische Elite und auf der anderen Seite, die kapitalistische Elite. Mehrheitlich ist die Pheu-Thai Teil der kapitalistischen Elite. Thailand benötigt aber auch eine Umweltpartei, eine Partei der Graswurzelbevölkerung, usw. Und die Spaltung der Pheu-Thai ist wichtig, weil sie den Menschen klar machen wird, dass sie ihre eigene Gruppe unterstützten müssen, um Einfluss im Parlament auszuüben, ohne irgendwelche faulen Kompromisse einzugehen. Die Rothemden sind auch sehr unterschiedlich. Ebenso wie die Pheu-Thai, und es müssen zwangsläufig mehr politische Parteien entstehen, und dann über eine politische Ideologie verhandeln. Im Moment müssen wir uns zwischen Abhisit und Yingluck entscheiden, nein, wir brauchen mehr Parteien.

MT :     Lek, glauben Sie, dass es Vereinbarungen zwischen Yingluck und der Ammart gibt, die es Yingluck erlauben zu regieren, so lange sie die Angelegenheiten des Militärs nicht berührt und die Frage nach Lèse Majèsté nicht stellt ?

JY : Viele Menschen werden glauben, dass das wahr ist. Weil das ist die Art von Politik die wir kennen. Aber wenn es wahr sein sollte, und Yingluck in die Falle geht, dann wird sie vielleicht nicht Probleme mit der Ammart bekommen, aber sie wird ernsthaft durch die Rothemden unter Druck geraten. Die Rothemden fordern wirklich nach Gerechtigkeit. Wenn sie das ignoriert, weil sie vielleicht denkt, dass es nur ein kleiner Teil ist, und glaubt, sie könnte die Mehrheit der Rothemden dominieren, denke, ich, dass sie einen großen Fehler machen wird.Lassen Sie mich ein Wort zu Deutschland sagen. Weil ich denke, dass Deutschland eine wichtige Rolle spielt. Die Art, wie Deutschland Redefreiheit gewährt, ist wichtig. Ein sehr wichtiges Beispiel für Thailand. Und die Art, wie die Gerichte den Fall vom Flugzeuges des Kronprinzen behandelt haben, ist bewundernswert, weil sie demonstrieren, wie unabhängig deutsche Gerichte sind. Und sie zeigten, dass Gerechtigkeit tiefe Wurzeln in der deutschen Gesellschaft besitzt. Das öffnet das Verhalten anderer Länder, die früher mehr Kompromisse gemacht hatten, und die nun auch die Frage der thailändischen Monarchie aufwerfen.Am 19. September wird eines der Schlüsseldokumente, die wir vorstellen werden, die Zusammenstellung einer Liste von Menschen sein, die durch politische Entscheidungen der Ammart in den letzten 60 Jahren getötet wurden. Es ist eine Liste von Thailändern, die getötet, ermordet, exekutiert wurden, und zwar seit dem Jahr 1947 und unter dem derzeitigen König.Und die Zahl mag einen in Erstaunen versetzen. Und dabei sind dies offizielle Mindestzahlen. Es waren 11.000 Menschen. Deshalb will ich die Europäer fragen, ob sie vielleicht so wenig über die politische Krise in Thailand gesagt haben, weil sie dachten, dass die Opferzahl so gering wäre. Aber wenn man in die gesamten 60 Jahre schaut, stellt man fest, dass es 11.000 politische Tötungen gegeben hat, die offiziell bekannt und anerkannt wurden, während die wirkliche Zahl sehr viel höher sein wird. Zum Schutz der Monarchie, im Krieg gegen den Kommunismus, zur Befriedung des Landes, wurden vielleicht ca. 30.000 Menschen getötet, während 11.000 offiziell anerkannt wurden. Und wir möchten dies jeder Regierung zur Kenntnis bringen, die wir erreichen können.

Ich glaube, dass jetzt der Augenblick gekommen ist, dass die internationale Gemeinschaft die Frage der Menschenrechtsverletzungen in Thailand stellen sollte. In der Thaksin-Periode fanden wir 6.000 Menschen, die getötet wurden. Besonders im Krieg gegen die Drogen und im Krieg im Süden. Diese Ideologie, die wir unter allen Regierungen sehen, dass Gewalt Krisen lösen kann, muss geändert werden.

MT : Viele Thailänder, die ich kenne, wollen einfach nichts über Politik wissen. Sie fühlen sich depressiv und traurig, sind oft beschämt über die Vorgänge im eigenen Land, wollen nichts mit Politik zu tun haben, und nicht darüber diskutieren. Und sie sagen mir, dass Thailand sich niemals ändern wird. Was sagen Sie diesen Menschen ?

JY : Ich muss jeden Tag darüber reden. Ich werde oft aus den Reihen der UPD gefragt, was man da tun kann. Die UPD wurde aus unterschiedlichsten Gruppen gebildet. Und viele haben unterschiedliche Vorstellungen. Heute sprach ich mit einem Thai aus Frankreich, der sagte, dass Demokratie nichts mit Menschenrechten zu tun hätte. In unserer Agenda haben wir aber ein ganzheitliches Bild, und wir berühren an vielen Stellen Fragen der Menschenrechte.   „Wir wollen direkt zum Kampf für Demokratie übergehen“,   sagen sie und meinen, dass der Kampf um Menschenrechte erst ein nächster Schritt wäre. Ich sage ihnen immer, dass es gerade jetzt einen Moment gibt, in dem Thailand zum Besseren verändert werden könnte. Die Macht der Menschen ist jetzt im vierten Gang, wenn man es mit einem Auto vergleicht. Das kann nicht mehr angehalten werden. Es gibt genug Menschen in Thailand, die wissen, was Demokratie ist, und sehen wollen, dass sich das Land zu einer Demokratie entwickelt. Zu einer echten Demokratie der Menschen. Von den Menschen, für die Menschen, durch die Menschen. Wenn wir die Geschichte von Birma anschauen, dann kämpfen die dort seit über 20 Jahren. Thailand hat jetzt seit 5 Jahren bewiesen, dass das Land sich ununterbrochen für eine Änderung einsetzt. Die Ernsthaftigkeit ist bewiesen. Die Welt sollte das nicht ignorieren.

Thailand hat schon viel für die Welt produziert, wir haben etwas zur Welt beigetragen. Es ist jetzt an der Zeit für einen Wechsel. Die Welt sollte uns nun etwas zurückgeben, nicht nur einfach darüber hinweg gehen. Und sie sollten die Menschen in Thailand, die sich für einen Wechsel einsetzen, Ernst nehmen.

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2 Antworten zu „Union People’s Democracy“ Thailand – 01

  1. Avatar berndgrimm sagt:

    Ich möchte mich aber bei der interviewten entschuldigen,
    die, wenn es sie wirklich gibt unser Mitgefühl und
    unsere Unterstützung verdient hat.
    Es ist nicht ihr anzukreiden wenn sie in ihrer Verzweiflung
    auf Scharlatane wie Mark Teufel, Giles Ji Ungpakorn
    und Jakprapob Penkair hereinfällt, die sie nur zur
    Durchsetzung ihrer eigenen (geklauten und verkauften)
    Ideologien missbrauchen.
    Alle 3 “Herren” sind übrigens auf der Flucht.
    Nicht nur vor eingebildeter Strafverfolgung durch
    die Behörden sondern hauptsächlich vor der
    Realität in Thailand.

  2. Avatar berndgrimm sagt:

    Jetzt hab ich ihn doch verpasst.
    Statt in der Hitze (bei uns gabs zwar Sturm aber kaum Regen wie rundherum)
    hier zu schmoren hätte ich mir am Freitag im China Restaurant neben dem
    Globus Baumarkt in Bergkamen einen lustigen Abend mit zwar fragwürdigem
    Essen aber dafür gepflegten Getränken machen können.
    Und hätte den Dichterfürst live und in Farbe bei einem Kontakthofgespräch,
    tschuldigung Interview natürlich beobachten können.
    In freier Wildbahn sozusagen.
    Wann bekommt man so eine Gelegenheit mal wieder?
    Hier in Thailand wohl eher nicht.
    Denn auch unter der neuesten Takki Regierung fühlt sich Mark Teufel
    mit Recht verfolgt.
    Schliesslich kennt er Chalerm besser als wir.
    Nehme ich mal an.

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