Bangkok: Protestbewegung der Jugend verliert Dampf und zersplittert sich

Nach alledem hat Thailands Jugendprotestbewegung im vergangenen Jahr an Dampf verloren. Seine wichtigsten Führer wurden aus Gründen der Antimonarchie angeklagt und ohne Kaution inhaftiert, während die einfachen Leute demoralisiert sind, immer noch in Bewegung, aber in geringer Zahl. Auf der anderen Seite haben die amtierenden Machtzentren die Kontrolle wiedererlangt und die lautstärkste und energischste Anti-Establishment-Bewegung, die Thailand seit Jahrzehnten gesehen hat, niedergeschlagen.

Während die Beschwerden der jungen Generation auf dem Campus und auf den Straßen sowie die Missbräuche und Exzesse der oberen Bevölkerungsstruktur in den Korridoren von Reichtum und Macht bestehen bleiben, wird der erstickende Status quo auf absehbare Zeit Bestand haben.

Der mit Spannung erwartete Schritt zur Überarbeitung der Verfassung durch die Einrichtung eines neuen Redaktionsausschusses wurde im Parlament abgeschossen, auch dank des Senats, der die Verfassungsänderungen überarbeiten sollte. Infolgedessen wird sich Thailands fehlerhafte Charta eher festigen als reformieren. Um die Sache noch schlimmer zu machen, wird das autoritäre Thailand in naher Zukunft zweitrangig und neben der brutalen Militärdiktatur Myanmars sein.

Gleichzeitig geht es um die Fähigkeit der jungen Generation, sich neu zu gruppieren und die Traktion wiederzugewinnen, und um die Bereitschaft der älteren und mächtigen Eliten, sich an neue Anforderungen und Erwartungen anzupassen. Was wir im vergangenen Jahr gesehen haben, war entweder die erste Runde oder das gesamte Spiel, soweit die junge Generation unter 40 eine politische Kraft war, mit der man rechnen musste.

Ende Februar letzten Jahres begannen regierungsfeindliche Flashmobs auf Universitätsgeländen und Gymnasien als Reaktion auf die Auflösung der Future Forward Partei, die in den Umfragen im März 2019 die drittgrößte Partei gewesen war. Die ersten Proteste auf dem Campus wurden von der Coronavirus-Pandemie und den daraus resultierenden Einschränkungen und Sperren von März bis Mai 2020 unterbrochen, aber im Juni mit Popularität und Intensität wieder aufgenommen.

In den folgenden Monaten nahm die Jugendprotestbewegung Fahrt auf und verwandelte sich in eine vollwertige Anti-Establishment-Kampagne. Sie forderte zunächst die Einstellung offizieller Belästigungen, Verfassungsänderungen und neuer Umfragen. Später wurden die drei Forderungen zum Rücktritt von Premierminister Prayut Chan-o-cha, einer neuen Verfassung und Reform der Monarchie.

Die übergeordnete Dachorganisation wurde Free Youth genannt und wurde dann Free People. Die Straßenproteste erreichten von Oktober bis November zu Zehntausenden mit überwiegend jungen Demonstranten ihren Höhepunkt, was sich in ähnlichen Protestaktivitäten auf dem Campus widerspiegelte.

Bis Dezember 2020, als die zweite Covid-19-Welle ausbrach, schwächte sich die Jugendprotestbewegung ab, die von internen Spaltungen, der Unfähigkeit, ihre Attraktivität zu erweitern, und der Verhaftung wichtiger Führer geprägt war. Die Free People Movement wurde zur Ratsadon Group, während ein anderes Camp die Free Youth neu startete.

Bisher erscheint die Bewegung in diesem Jahr als Schatten ihrer selbst, verwässert und verbraucht. An den regelmäßigen Straßendemonstrationen sind jetzt Hunderte statt Zehntausende beteiligt. Frustriert, wütend und disziplinlos hat eine kleine Anzahl von Demonstranten auf Gewalt zurückgegriffen, die Legitimität und die moralische Überlegenheit gegenüber den Behörden abgetreten. Ohne Führer und in Unordnung ist die Jugendprotestbewegung des vergangenen Jahres unverkennbar keine große politische Kraft mehr.

Die thailändische Jugendprotestbewegung scheint legitime Beschwerden über Missbräuche und Ungerechtigkeiten in der thailändischen Gesellschaft gehabt zu haben, wenn sie seziert und wegen Lehren und Implikationen herausgeputzt wird. Die Bewegung hat sich jedoch möglicherweise unerreichbare Ziele gesetzt und diese auf kontraproduktive Weise verfolgt.

Als sich die jungen Demonstranten auf die militärische Korruption von der Wehrpflicht bis zur Waffenbeschaffung konzentrierten, fand sie breite Resonanz. Als sie auf die Inkompetenz der Regierung und die Notwendigkeit von Bildungsreformen hinwiesen, hallte dies wider. Als der Monarch und die Monarchie zum Hauptgegenstand von Dissens wurden, führte dies zu Kontroversen und die roten Fahnen der Strafverfolgung gingen hoch.

Da Thailand unter unzähligen gesellschaftspolitischen Beschwerden bis hin zu politischer Verzögerung und potenzieller wirtschaftlicher Stagnation leidet, sollten die Forderungen nach Reformen und Veränderungen aus verschiedenen Richtungen kommen und auf niedrig hängende Früchte abzielen. Zum Beispiel waren Bildungsreformen ein leichtes Ziel, wenn die Protestbewegung weiterhin Nachrichten schrieb und sich darauf konzentrierte.

Die von Studenten geführte Bewegung zersplitterte nicht nur in unterschiedliche Kolumnen mit unterschiedlichen Präferenzen, sondern definierte auch keine klare und tragfähige alternative politische Ordnung. Viele Thailänder fanden Übereinstimmung in Protestbotschaften, aber die Fixierung auf die Monarchie führte zu Spaltungen und Bedenken der Generationen.

Regelmäßige Obszönitäten und Namensnennungen waren eine Abneigung gegen ältere Bevölkerungsgruppen. Infolgedessen hat sich die Bewegung nie wirklich über die jüngeren Bevölkerungsgruppen hinaus erweitert. Wäre die Hauptbotschaft beispielsweise „Besteuerung“ und deren Missbrauch gewesen, hätte dies eine breitere Anhängerschaft hervorbringen und aufrechterhalten können.

Als das Freie Jugendlager Anfang Dezember das Symbol „RT“ mit einem Hammer- und Sichelschild aufstellte, war dies ein Wendepunkt. Die Bewegung konnte sich nicht nur nicht erweitern, sondern verlor auch allmählich die Unterstützung, die sie hatte. Sich einer kommunistischen Utopie zuzuwenden, war nicht das, wofür sich viele Anhänger und Sympathisanten angemeldet hatten.

Ein verräterisches Zeichen für die möglichen Auswirkungen der Jugendbewegung war die thailändischsprachige Facebook-Seite „royalistmarketplace“. Es zog früh mehr als zwei Millionen Anhänger an, hat sich aber seitdem nicht wesentlich erweitert und dient eher als Entlüftungsplattform als als politische Bewegung für positive Veränderungen und Reformen für ein besseres Thailand.

Thailands Amt war klug, sich Zeit zu nehmen und die Jugendbewegung aufstehen und sich erschöpfen zu lassen, während sie ihre Führer mit dieser und jener Anklage einschüchterte und belästigte. Nach dem Höhepunkt und als die Spaltung klar wurde, starteten die Behörden eine Ausrottungskampagne und wischten nun die Überreste der Führung mit hartnäckigen Taktiken auf, einschließlich Verhaftungen ohne Haftbefehl und Inhaftierung ohne Verurteilung oder Kaution.

Die Realität hier ist, dass Thailands Höhepunkt möglicherweise vorbei ist und nun auf unbestimmte Zeit mit einer Regierung zusammenbricht, die Tag für Tag ohne Pläne für eine bessere Zukunft geführt wird. / Bangkok Post

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berndgrimm
Gast
berndgrimm
25. März 2021 9:55 am

Dies ist die uebliche psychologische Kriegsfuehrung gegen einen intellektuell

ueberlegenen und machtpolitisch weit unterlegenen Gegner.

Thailand soll froh sein dass es nach fast 7 Jahren Militaerdiktatur

ueberhaupt junge Leute hat die selber denken und trozt aller Repression

auf die Strasse gehern.

Hier schreibt jemand der bei fast allen politischen  Protesten  in Thailand

von 2008 bis 2010 und 2013/14 sowie 2020/21 dabei war.

Es gab immer schon ehrliche Demonstanten in Thailand die ein

wirkliches Anliegen hatten. Sowohl bei den Gelben 2008 als auch

bei den Roten 2009/10.

Aber hauptsaechlich wurden sowohl von Gelb als auch von Rot

wirtschaftliche Interessen reicher Thai vertreten.

Diese Studenten lassen sich nicht so einordnen.

Keineswegs sind sie die Agenten Thanathorns wie STIN hier

behauptet.

Die Studentengruppen sind nicht homogen aber sie haben

natuerlich einen gemeinsamen Feind : Diese Militaerdiktatur.

Es geht dabei natuerlich auch um die Monarchie.

Die Studenten wollen dass die Monarchie in TH das wird

was sie auf dem Papier sein soll:

Eine KONSTITUTIONELLE Monarchie.

Dies ist sie derzeit nicht sondern sie wird von dieser Militaerdiktatur

zum Machterhalt missbraucht.

Im wesentlichen geht es aber um ein Ende dieser Militaerdiktatur,

ein Ende des Militaersenates  und eine Aenderung der Militaerverfassung.

Natuerlich auch um praktische Sachen wie z.B. Bildung die in TH

weit jenseits von PISA ist. Egal wo.

Das absichtlich Ungebildetsein gehoert auch zum Machterhalt dieser Militaerdiktatur.

Leider erhaelt die Studentenbewegung ueberhaupt keine mediale Unterstuetzung.

Wegen der herrschenden Zensur nicht von thailaendischen Medien,

und auch nicht von den westlichen Medien die 2010 Thaksins Volksrevolutionsoper

als „Demokratiebewegung“ unterstuetzten.

Wenn es in Thailand waehrend meiner Bleibezeit jemals eine wirkliche

Demokratiebewegung gegegeben hat, dann ist es diese Studentenbewegung..

Sie kommen wirklich aus allen Schichten , von Rot und Gelb und von Arm und Reicht.

Wobei die Armen wie immer in Thailand wenig auffallen weil fuer sie das Risiko

viel hoeher ist.

Eines muss man auch ganz klar sagen:

Diese paar Tausend Studenten haben nie und werden nie eine Gefahr fuer

diese Militaerdiktatur darstellen.

Aber sie muss sie bekaempfen um ihr mediales Echo zu unterdruecken.

Die Mehrheit der Thai interessiert sich leider ueberhaupt nicht

fuer Politik aber geht (leider?) trotzdem waehlen.

Sie waehlen dann nach total irrationalen Kriterien.

Auch ich halte die Chuan und die Abhisit Regierungen fuer die bisher

besten in Thailand.

Suchinda habe ich nicht wirklich miterlebt  und Thaksin war fuer mich

bisher auch die negativste Regierung (ausser den ersten beiden Regierungsjahren)

besonders seine Marionetten nach !

Aber diese Militaerdiktatur ohne Ende ist fuer mich das Schlimmste

was es in Thailand je gegeben hat, und ich bin ueberzeugt davon

dass sie Thailand viel mehr kosten wird als Thaksin je gekostet hat.

Thaksin war vielleicht ein regierender Krimineller.

Aber diese Militaerdiktatur ist ganz einfach eine kriminelle Regierung.

Ein Unrechtsregime auf allen Ebenen!Ohne jegliche Kontrolle!

Und dazu noch von minderbermittelten Geistern , nicht nur im Vergleich

zu Thaksin!

 

berndgrimm
Gast
berndgrimm
28. März 2021 1:04 pm
Reply to  berndgrimm

Ab und zu kommt doch eine internationale Stimme!

Hier ein Bericht der AP veroeffentlicht in khaosod:

Protesters Hold Peaceful Rally Criticizing the Monarchy

Associated Press

March 26, 2021 12:04 pm

Thai pro-democracy protesters who last year broke a long-standing taboo by publicly criticizing the country’s monarchy returned to the streets Wednesday to defiantly repeat their calls for reform of the royal institution.

The rally in the middle of a Bangkok shopping district was called by the United Front of Thammasat and Demonstration, a faction of a broader protest movement that started last year and has three core demands: the resignation of Prime Minister Prayuth Chan-ocha and his government, for the constitution to be amended to make it more democratic and the monarchy to be reformed to make it more accountable.

It is the latter demand that has rattled Thailand’s traditional establishment, which is fiercely opposed to change, especially with regard to the monarchy.

Several activists involved with the protests have already been jailed as they await trial on charges of violating Thailand’s lese majeste law, which makes criticizing, insulting or defaming the king or other key royals punishable by up to 15 years’ imprisonment.

According to Thai Lawyers for Human Rights, a legal assistance group, at least 76 people, including six minors, have been charged with violating the lese majeste law since last November, when the government began cracking down on the protest movement.

Wednesday’s rally ended peacefully, unlike several other protests this year that ended with violent confrontations with police. On Saturday police used water cannons, tear gas and rubber bullets to break up a rally near Bangkok’s Grand Palace, leaving more than 30 injured and at least 32 detained.

 

Ich habe selber geschrieben dass es unklug war die Monarchie zu erwaehnen.

Tatsache ist aber das die Institution durch einseitige Provokation

Partei ergriffen hat und keinesfalls im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie

handelt.

Ausserdem ist die Beliebtheit des Neuen unter den Gelben vielleicht

noch niedriger als unter den Studenten.

Deshalb wenden sie Gewalt gegen die Studenten an die die Probleme

offen ansprechen.

Ich habe ja vorher selber 25 Jahre in der konstitutionellen Monarchie

Luxemburg gelebt und moechte einmal beschreiben wie soetwas

in LUX abgelaufen waere:

Der Erzherzog haette eine Fernsehansprache ans Volk gehalten

und beide Seiten zum Dialog aufgefordert.

Die LUX Monarchie ist sehr volkstuemlich.Der Grossherzog und seine Frau

gehen ohne Personenschutz einkaufen und in Restaurants zum Essen.

Die Kinder sind inzwischen ja erwachsen und wenn die ganze Familie

zusammenkommt sind es ueber 30 Personen.Damit faellt man ueberall auf.

Natuerlich gibt es in LUX auch Monarchiegegner, aber nicht viele.

Grund ist natuerlich das Geld! Die grossherzogliche Familie besitzt

immer noch viel Land und viel Kunst.

Die Schloesser besitzen sie nicht mehr ,weil sie den Unterhalt

nicht bezahlen koennen. Sie wohnen zur Miete beim Staat.

Die Luxemburger verehren am meisten die Grossmutter des

heutigen Grossherzogs, Grossherzogin Charlotte die nach

dem 1. Weltkrieg LUX zu einem hervorragenden Sozialstaat machte.

Schon ihr Sohn genoss nicht mehr die gleiche Verehrung obwohl

er 1944  in der britischen Armee kaempfte und dafuer gesorgt hat

dass die Alliierten nicht an LUX vorbeigezogen sind weil sie

schnellstens nach Berlin wollten.

Der jetzige Grossherzog (der auch schon 21 Jahre regiert )

macht nicht viel Aufsehens um sich und schickt lieber

seine kubanische Frau oder seine 5 Kinder nach vorn.

In LUX ist Alles ziemlich transparent.

Wenn es dort Studentendemos geben wuerde haetten

die grossherzoglichen Kinder schon Partei ergriffen.

Ohne Ruecksicht auf den Titel oder die Staatsraison.

Nochetwas zur konstitutionellen Monarchie in LUX:

Der Erzherzog weigerte sich vor ein paar Jahren

ein Gesetz zum liberaleren Umgang mit Toetung auf Verlangen

zu unterschreiben. Aus ethisch religioesen Gruenden.

Daraufhin entband ihn das Parlament von seiner Aufgabe

und erliess das Gesetz auch ohne seine Unterschrift.

Soweit zur konstitutionellen Monarchie!