Bangkok: Thailand wird in 3 Monaten vom Corona-Musterland zu einem Problemfall

Länder wie Thailand, Vietnam, Malaysia, Taiwan usw. waren bei der Corona-Bekämpfung Musterländer. Jetzt stecken sie in der Krise. Es fehlt – zum Teil selbstverschuldet – ausreichend Impfstoff.

Es hat nur ein paar Monate gedauert, bis Thailand vom Corona-Musterland zu einem der größten Problemfälle geworden ist. Die riesigen Einkaufszentren rund um das Bangkoker Shoppingviertel Siam Square waren im vergangenen Jahr bereits zum Alltag zurückgekehrt, als Europa noch im Lockdown steckte – weil es in der Millionenstadt damals so gut wie keine Infektionen gab.

Inzwischen ist die Gegend aber einer der vielen Schauplätze einer schweren Gesundheitskrise. In einem Krankenhaus gegenüber eines brandneuen Apple-Stores werden die Patienten bereits im Freien behandelt, weil es drinnen keinen Platz mehr gibt.

Thailands Corona-Notlage ist Teil einer heftigen Infektionswelle, die ganz Südostasien und auch Taiwan erfasst hat. Die 660 Millionen Einwohner große Region zwischen Burma und den Philippinen war im vergangenen Jahr vergleichsweise glimpflich durch die Pandemie gekommen. Doch nun überrollt die Delta-Variante des Coronavirus die Gesundheitssysteme der Schwellenländer. Für die weitgehend ungeimpfte Bevölkerung gibt es kaum Schutz. Die Eindämmungsstrategien, die noch bis vor Kurzem Erfolg hatten, verfehlen inzwischen die gewünschte Wirkung.

Doch die strikten Maßnahmen, mit denen Vietnam in der Vergangenheit kleinere Ausbrüche schnell wieder unter Kontrolle brachte, halfen bisher nicht. “Das Auftreten der Delta-Variante Ende April hat in Vietnam alles verändert”, kommentiert Barnaby Flower, der an einem Ableger der Oxford-Universität in Ho-Chi-Minh-Stadt forscht.

“Die Eingriffe, mit denen die Virusausbreitung bisher gestoppt werden konnte, reichen jetzt nicht mehr aus, um die Ausbrüche unter Kontrolle zu bekommen.”

Die Delta-Variante, die in Südostasien inzwischen dominiert und auch in Ländern wie Malaysia und Indonesien derzeit für die höchsten Fallzahlen seit Pandemiebeginn sorgt, gilt als besonders leicht übertragbar. Forscherinnen gehen davon aus, dass sie um rund 50 Prozent ansteckender ist als die Alpha-Variante, die sich wiederum um 50 Prozent stärker ausbreitet als die Ursprungsform des Virus.

Auch in Thailand sind die Gegenmaßnahmen, die noch zu Beginn der Pandemie Erfolg hatten, offensichtlich nicht mehr genug: Konsequentes Maskentragen und Lockdowns konnten die Fallzahlen vor einem Jahr noch auf null drücken. Nun breitet sich das Virus trotz der Einschränkungen weiter aus. Seit die Regierung vor fast einem Monat eine nächtliche Ausgangssperre verhängte, Restaurants schließen ließ und den inländischen Flugverkehr zum Erliegen brachte, sind die täglichen Fallzahlen um das Zweieinhalbfache gestiegen.

In Bangkok sind die Folgen der Gesundheitskrise unübersehbar. Während die Touristen-Tuktuks fast vollständig aus dem Stadtbild verschwunden sind, rasen jetzt im Minutentakt die Krankenwagen über die Hauptstraßen der Stadt. Wer noch in einem Krankenhaus aufgenommen wird, hat Glück. Nach Regierungsangaben waren zu Wochenbeginn fast sämtliche Betten belegt.

In vielen Fällen werden neue Patientinnen abgewiesen. An der Fassade einer Klinik am Ufer des Chao-Phraya-Flusses hängt ein Banner mit der Aufschrift: “Die Zahl unserer Covid-Patienten übersteigt bereits unsere Kapazitäten. Wir bitten alle Hilfesuchenden um Verständnis.” Lokale Freiwilligengruppen dokumentieren auf einer Internetplattform Hunderte Fälle von Covid-19-Erkrankten, die in ihrem Zuhause auf medizinische Hilfe warten.

Nur langsame Fortschritte bei den Impfkampagnen sorgen dafür, dass kurzfristig mit keiner wesentlichen Reduktion der Infektionsgefahr zu rechnen ist. Wie im Großteil Asiens ist erst ein Bruchteil der Bevölkerung immunisiert. Bei den früher führenden Corona-Bekämpfern ist die Impfquote besonders niedrig: In Thailand sind erst sechs Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, in Vietnam weniger als ein Prozent.

Der Impfstoffmangel liegt nicht nur an einer unfairen internationalen Verteilung. Die Länder leiden auch unter eigenen Fehlern. Durch die anfänglichen Erfolge bei der Eindämmung der Pandemie fühlten sich die Regierungen in Hanoi und Bangkok in einer falschen Sicherheit und sahen wenig Grund, sich am globalen Impfstoffwettlauf zu beteiligen.

Vietnam konzentrierte sich noch im Dezember auf den Versuch, einen eigenen Impfstoff zu entwickeln und gab erst im Januar eine vergleichsweise kleine Bestellung bei AstraZeneca auf. Inzwischen hat sich Vietnam zumindest Zusagen für die Lieferung von 120 Millionen Dosen noch in diesem Jahr eingeholt, darunter solche der Hersteller Moderna, Sputnik V aus Russland, AstraZeneca und BioNTech sowie aus der Covax-Initiative.

Nachzügler auf dem globalen Impfmarkt

Thailand lehnte zunächst sogar eine Teilnahme an der internationalen Impfallianz Covax ab. Stattdessen setzte die Regierung auf die lokale Produktion des AstraZeneca-Impfstoffs. Ausgeliefert werden die Impfdosen seit Juni – allerdings nicht in besonders großen Mengen. Erwartet werden fünf bis sechs Millionen Dosen pro Monat für das Land mit rund 70 Millionen Einwohnern.

Der Chef von dem für die Impfkampagne zuständigen Impfinstitut bat die Bevölkerung vor wenigen Wochen für die Fehleinschätzung um Entschuldigung. “Wir haben es nicht geschafft, genug Impfdosen zu besorgen, die für die aktuelle Situation angemessen wären”, sagte Nakorn Premsri. “Wir konnten nicht vorhersehen, wie sehr das Virus mutiert ist, was nun zu einer viel schnelleren Ausbreitung führt als im vergangenen Jahr.”

Als Nachzügler auf dem globalen Impfmarkt fällt es Thailand nun schwer, kurzfristig zusätzliche Impfdosen aufzutreiben. Nur der chinesische Impfstoffhersteller Sinovac war bisher bereit, größere Mengen seiner Vakzine zu liefern. Doch inzwischen zweifelt die Regierung – wie auch andere Länder in Asien – an dessen Wirksamkeit und verabreicht Sinovac-Erstgeimpften als zweite Dosis nun den Wirkstoff von AstraZeneca.

Gesundheitspersonal, das bereits doppelt mit Sinovac geimpft wurde, bekommt eine dritte Dosis mit der BioNTech-Vakzine – die US-Regierung hatte davon kürzlich 1,5 Millionen Dosen an Thailand gespendet.

In Vietnam dagegen war und ist aufgrund eines seit jeher gepflegten Misstrauens gegenüber dem großen Nachbarn die Skepsis vor chinesischen Impfstoffen ohnehin hoch. Erst im Sommer genehmigte man eine Vakzine des staatlich-chinesischen Unternehmens Sinopharm, es gilt aber als wahrscheinlich, dass die vietnamesischen Behörden kaum etwas davon kaufen werden.

Die gravierenden Mängel bei der Impfstoffversorgung stoßen in Thailand auf wachsenden Protest. Oppositionelle demonstrierten in den vergangenen Wochen trotz eines Versammlungsverbotes mehrfach gegen die Corona-Politik der vom Militär gestützten Regierung.

Die staatlichen Einsatzkräfte griffen hart durch – unter anderem mit Tränengas. Unter den Regierungsgegnern löste das Verhalten Empörung aus. Auf Twitter kommentierte einer von ihnen: “Wir bitten um Impfstoffe und bekommen stattdessen Gummigeschosse.”
/Die Zeit

 

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10 Antworten zu Bangkok: Thailand wird in 3 Monaten vom Corona-Musterland zu einem Problemfall

  1. devin sagt:

    Und auch dies gibt es aus TH zu vermelden, wobei man sich diesmal nur fragen kann, was diese Regierung, allen voran Anutin geraucht haben müssen, um derartige Aussagen zu verbreiten – und dies, wo in TH bisher erst 6, 14 % der Bevölkerung voll geimpft wurden und dazu einer der Hauptimpfstoffe nach wie vor der umstrittene Sinovac ist:

    „Anutin behauptete, dass Thailand auf dem besten Weg sei, das Ziel einer Impfung von 70% der Bevölkerung zu erreichen, und behauptete weiter, dass jetzt jede Provinz über einen Impfstoff verfüge.

    Er sagte, dass er seine Zeit damit verbringe, sicherzustellen, dass alle eine Spritze bekommen und dass die Kranken versorgt werden.

    INN hat absolut keinen Versuch unternommen, diese Behauptungen zu überprüfen.

    Jüngste Zahlen zeigen, dass nur ein kleiner Teil der Thais – meist in medizinischen Berufen – zwei Impfungen erhalten hat und die Zahl der Menschen mit einer Impfung gering ist, hauptsächlich ältere Menschen, Menschen mit zugrunde liegenden Gesundheitsproblemen und schwangere Frauen.

    Anutins Behauptungen können mit einer gewissen Skepsis, wenn nicht sogar mit Fake News, behandelt werden.“

    • STIN sagt:

      „Anutin behauptete, dass Thailand auf dem besten Weg sei, das Ziel einer Impfung von 70% der Bevölkerung zu erreichen, und behauptete weiter, dass jetzt jede Provinz über einen Impfstoff verfüge.

      Nein, er lügt – Verzögerungstaktik. Es gibt kaum Impfstoff. Hab ich doch schon erklärt. Er müsste einfach
      ins Büro gehen, Pfizer, Johnson, Moderna anrufen und insgesamt 200 Millionen Dosen bestellen, ev. für eine 3. Impfung.
      Er kann das – macht es aber nicht. Wieso – das überlass ich euch – hab ich schon erklärt.

      Er sagte, dass er seine Zeit damit verbringe, sicherzustellen, dass alle eine Spritze bekommen und dass die Kranken versorgt werden.

      Ja, vermutlich ruft er täglich R10 an um nachzufragen, ob schon genug AZ produziert wurde, die Untertanen würden
      nervös werden 🙂

      INN hat absolut keinen Versuch unternommen, diese Behauptungen zu überprüfen.

      Muss man nicht, ist eine Lüge.

      Jüngste Zahlen zeigen, dass nur ein kleiner Teil der Thais – meist in medizinischen Berufen – zwei Impfungen erhalten hat und die Zahl der Menschen mit einer Impfung gering ist, hauptsächlich ältere Menschen, Menschen mit zugrunde liegenden Gesundheitsproblemen und schwangere Frauen.

      Anutins Behauptungen können mit einer gewissen Skepsis, wenn nicht sogar mit Fake News, behandelt werden.“

      Endlich mal einer Meinung….

  2. devin sagt:

    So kennen wir Thailand, denn diese Putschregierung will sich wieder einmal von allem freisprechen lassen:

    „Die Regierung plant, Gesetze zu verabschieden, die wichtige Entscheidungsträger von jeglichem Fehlverhalten bei der Nichtbeschaffung von Impfstoffen für das Land freisprechen würden, so die oppositionelle Move Forward Party.

    Wenn man dem durchgesickerten Dokument Glauben schenken darf, würde das bedeuten, dass Premierminister Prayuth Chan-ocha und Gesundheitsminister Anutin Charnvirakul von jeder zukünftigen Strafverfolgung befreit wären.“

    Government plans amnesty bill for the leaders that decided Thailand’s vaccination plan

    • STIN sagt:

      Jetzt hast du ein Medium gefunden 🙂

      Redaktionelle Haltung
      Die Redaktion ist bekannt dafür, dass sie der aktuellen Regierung von Premierminister Prayuth Chan-o-cha sowie der Militärjunta , die zwischen 2014 und 2019 die Macht übernahm , sehr kritisch gegenübersteht.

      Gehört der Laden dem Sohn von Thaksin? 🙂
      Wie Voice TV?

    • STIN sagt:

      Wenn man dem durchgesickerten Dokument Glauben schenken darf, würde das bedeuten, dass Premierminister Prayuth Chan-ocha und Gesundheitsminister Anutin Charnvirakul von jeder zukünftigen Strafverfolgung befreit wären.“

      Schließt dieses neue Gesetz/Amnestie dann den R10 mit ein?

  3. ben sagt:

    @ Devin alias… Thailand ist im Covid-19 Recovery Index von Nikkei Asia mit einer Punktzahl von 22, gleichauf mit Vietnam, das Schlusslicht in einer Liste von über 120 Ländern…

    Jetzt geht unserem Rotkäpli Trump Troll wieder ein Schuss ab… – unglaublich wie ein Mensch nichts anderes macht als jeden Tag nach negativ Nachrichten zu suchen und sie genüsslich verbreitet – während das Thai Volk leidet.. habe echt noch nie so einen Deppen gesehen!

  4. devin sagt:

    Wer es noch nicht wußte:

    Thailand ist im Covid-19 Recovery Index von Nikkei Asia mit einer Punktzahl von 22, gleichauf mit Vietnam, das Schlusslicht in einer Liste von über 120 Ländern.

    Nach Angaben des staatlichen Centre of Covid-19 Situation Administration (CCSA) werden in Thailand immer noch 212.926 Menschen in Krankenhäusern behandelt, darunter 4.999 schwere Fälle.

    https://der-farang.com/de/pages/thailand-schlusslicht-im-covid-19-erholungsindex

    • STIN sagt:

      Thailand ist im Covid-19 Recovery Index von Nikkei Asia mit einer Punktzahl von
      22, gleichauf mit Vietnam, das Schlusslicht in einer Liste von über 120 Ländern.

      Ja, ganz Asean u.a. sind abgestürzt. Vietnam, weil sie dem China-Inpfstoff nicht vertrauen, andere halt wegen anderer
      Gründe.

      Nach Angaben des staatlichen Centre of Covid-19 Situation Administration (CCSA)
      werden in Thailand immer noch 212.926 Menschen in Krankenhäusern behandelt, darunter 4.999 schwere Fälle.

      Erst wenn Corona völlig unter Kontrolle ist, wird man sehen – wer es am besten geschafft hat.

  5. berndgrimm sagt:

    Nein, Thailand war noch nie ein Covid Musterland sondern hat sich nur selber als solches verkauft. Was Vietnam , Malaysia etc. uebrigens nie gemacht haben.

    Anfangs gab es hier eben kaum Covid und es wurde auch nicht viel getestet

    Trotzdem machte man die CCSA auf und begann eine Riesen Covid Nineteen Show!

    In der Realitaet machte man garnix sinnvolles.

    Die CCSA holte sich jeden Morgen einen runter indem sie die realen Zahlen aus den wirklich von Corona betroffenen Laendern mit ihren niedrigen Zahlen verglich und die Ueberlegenheit der Thai Rasse feierte.

    Dann kam Covid wirklich und noch immer wird nix zielfuehrendes getan.

    Die Impfquote liegt bei 6% und natuerlich werden hier nicht die Risikogruppen zuerst geimpft sondern die Edelthai welche sich an Thailand verdient machen.

    Trotzdem sind die Zahlen noch sehr niedrig im Vergleich mit dem Westen.

    Man tut nichts ausser Schaulaufen weil man was Anderes garnicht kann.

    Ich wundere mich nur immer woher die ploetzlich die vielen angeblichen "Virologen" haben.Aber nach einem Auftritt sieht man die eh nie wieder!

    Die Einzigen die hier etwas sinnvolles taten waren Einzelpersonen die nicht so  Arbeitsscheu und Verantwortungslos waren wie der Rest.

    • STIN sagt:

      Nein, Thailand war noch nie ein Covid Musterland sondern hat sich nur selber als solches verkauft. Was Vietnam , Malaysia etc. uebrigens nie gemacht haben.

      nur deine allein-stehende Meinung weltweit.

      Doch, TH gilt als Musterland, bis Ende März 2021. Weltweit….. in Medien, WHO, Rankings nachzulesen.

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