Afrika: Kontinent steht bei der Corona-Pandemie nicht so gut da, wie offiziell dargestellt

Befürchtete Schreckensszenarien sind nicht eingetreten, der Kontinent steht aber auch nicht so gut da wie offiziell dargestellt. Außerdem hat die Pandemie weitere negative Folgen.

Ein Sommer wie im Bilderbuch. Die Sonne strahlt, mittags kommt der erlösende Regen, und abends sind die Bars geöffnet. Die Ausgangssperre wurde auf Mitternacht verschoben, der Alkohol darf wieder fließen, von der Pandemie ist höchstens im Fernseher die Rede, wenn von der vierten Welle und den Lockdowns in Europa berichtet wird. In Südafrika werden zuletzt an einem Tag rund 1200 Menschen angesteckt, nicht vergleichbar mit den Zahlen in Österreich.

Das Kap der Guten Hoffnung trägt seinen Namen wieder zu Recht – wenn die griesgrämigen Experten nicht wären, die auch dort vor einer vierten Welle ausgerechnet zu Weihnachten warnen und die aktuell auch eine neue Virusmutante beschäftigt. “So schlimm wird es nicht werden”, beruhigt ein Wirt. “Die Schwarzmalerei hat sich hier in Afrika schon immer als übertrieben erwiesen.”

Apokalyptische Szenarien

Der Mann hat recht, zumindest auf den ersten Blick. Als das Coronavirus vor fast zwei Jahren seinen Siegeszug durch die Welt antrat, wurden dem afrikanischen Kontinent apokalyptische Szenarien vorausgesagt: verheerte Städte, entvölkerte Landschaften, vor Leichen berstende Krankenhäuser.

Dass ein hochansteckender Erreger in diesen Breitengraden besonders leichtes Spiel haben würde, verstand sich von selbst: dichtbesiedelte Slums, mangelnde Hygiene, vom Hunger geschwächte Körper.

Die Sorge schien sich allerdings bald als verfehlt herauszustellen. Während reiche Industrienationen wie Großbritannien und die USA von einer Krise in die andere taumelten, kam der Kontinent der Krankheiten, Katastrophen und Kriege relativ ungeschoren davon. Bis heute wurden aus Afrika, wo rund 16 Prozent der Weltbevölkerung leben, nur gut drei Prozent der weltweiten Infektionen (8,6 Millionen) und vier Prozent der Todesfälle (223.000) gemeldet.

Rätsel für Fachleute

Ausgerechnet jene Staaten des Kontinents, die wie Südafrika, Algerien oder Tunesien den Standards der Industrienationen am nächsten kommen, haben die Pandemie am härtesten zu spüren bekommen – ein Paradox, das Fachleuten zu denken gibt.

Die naheliegendste Erklärung ist, dass in Afrika nur ein geringer Teil der Infektionen überhaupt gemeldet wird. Nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird hier nur eine von sieben Ansteckungen tatsächlich den Behörden bekannt, auch die Zahl der Opfer soll in Wahrheit wesentlich höher liegen. In Südafrika weisen die über dem historischen Durchschnitt liegenden “Zusatztoten” darauf hin, dass dreimal mehr Menschen an dem Virus sterben, als der Statistik zu entnehmen ist.

Dermaßen korrigiert, liegen die afrikanischen Zahlen bereits über dem globalen Mittel. Wobei das Paradox noch nicht erklärt ist, warum die ärmeren Staaten glimpflicher davonzukommen scheinen als Afrikas Musterländer.

Junge Bevölkerung

Für diesen Umstand bieten Fachleute gleich mehrere Erklärungen an. Die wichtigste: Afrikas Bevölkerung ist vor allem in Armutsstaaten wesentlich jünger als in Industrienationen. In den 27 EU-Nationen liegt der statistische Durchschnitt bei 43,7 Jahren, in den 55 afrikanischen Staaten bei unter 20 Jahren. Längst bekannt ist die Tatsache, dass das Virus besonders älteren Menschen zusetzt. Dass ganze Altersheime aussterben, gibt es in Afrika nicht.

Hinzu kommt die größere Mobilität in wohlhabenderen Staaten: Mehr Bewegung bedeutet mehr Kontakt und höhere Ansteckungszahlen. Bezeichnenderweise stehen die am schlimmsten betroffenen afrikanischen Staaten in engem Kontakt mit Europa – wie Südafrika, Marokko oder Tunesien.

Abwehrkräfte entwickelt

Schließlich gehen Epidemiologen davon aus, dass Afrikaner mit Coronaviren schon früher in Kontakt gerieten und deshalb Abwehrkräfte entwickelt haben. Das würde die hohe Zahl symptomloser Covid-Fälle oder solcher mit schwachem Krankheitsverlauf erklären. Rund 70 Prozent der Südafrikaner sollen schon heute einen gewissen Immunschutz wegen einer überwundenen Infektion genießen – von den Geimpften (derzeit gut 33 Prozent) einmal abgesehen.

Weil das für Armutsstaaten mit begrenzter Mobilität nicht zutrifft, kommt Impfungen dort eine noch größere Bedeutung zu. “Antivaxxers” sind in Afrika kaum anzutreffen: Dass nicht einmal 17 Prozent der dortigen Bevölkerung geimpft sind (in knapp der Hälfte der 55 Staaten sogar nur zwei Prozent), ist weniger “by choice” als “by default”.

Impfstoffe sind in Afrika noch immer Mangelware: Jüngst gab der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn bekannt, dass eigentlich für Entwicklungsländer bestimmte Seren zurückgehalten werden, um möglichst vielen Deutschen einen Booster-Shot zu ermöglichen. Dass täglich sechsmal mehr Impfdosen für Booster-Shots als für Erstimpfungen in Entwicklungsländern verwendet werden, sei “ein Skandal”, schimpft WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Armut nimmt wieder zu

Auch indirekt wirkt sich die Pandemie in Afrika katastrophaler als im Norden aus. Derzeit sterben wieder mehr Menschen an HIV/Aids, an Tuberkulose oder sogar an Masern, weil die Gesundheitsversorgung schon mit dem Kampf gegen Covid überlastet ist. Überhaupt leidet Afrika unter den wirtschaftlichen Folgen der globalen Seuche stärker als jeder andere Teil der Welt: Die Armut nimmt erstmals seit Jahrzehnten wieder zu.

Eigentlich müsse man von zwei unterschiedlichen Pandemien reden, meint der britisch-ghanaische Philosoph Kwame Anthony Appiah: einer medizinischen Seuche im Norden der Welt, der vor allem ältere Menschen zum Opfer fallen. Und einer ökonomischen Seuche im Süden, die vor allem Arme tötet. (Standard / Johannes Dieterich aus Johannesburg, 25.11.2021)

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2 Antworten zu Afrika: Kontinent steht bei der Corona-Pandemie nicht so gut da, wie offiziell dargestellt

  1. berndgrimm sagt:

    Schoen wenn man einen ganzen Kontinent der angeblich schlechter ist als TH  als Ausrede fuer das eigene Versagen nehmen kann!

    Thailand liegt East of Africa ist aber in vielem vergleichbar.

    TH ist zwar ein ziemlich reiches Industrie- und Touristenland aber gibt sein Geld lieber fuer so notwendige Dinge wie U-Boote ,Militaerflugzeuge, anderes Kriegsspielzeug und nutzlose Prestigeprojekte aus. Dafuer laesst man sich die Impfmittel lieber von anderen Laendern schenken und verkauft den groessten Teil davon weiter.

    Thailand hat zwar Krankenhaeuser von denen Afrika noch nicht mal traeumen darf , aber geimpft wird in Shopping Malls weil man dort mehr Platz fuer die Show hat.

    Und was die Zahlen angeht: Man hat eine ganze Behoerde dafuer aufgemacht, nur um die Statistiken politisch zu faelschen.

    Ich war in den 70er Jahren haeufig in Afrika und damals gab es dort einige vorbildliche Entwicklungslaender wie Senegal,Ghana,Elfenbeinkueste, Liberia,Kamerun,Togo,Gabun,Kenia,Tansania.

    Seht was heute aus denen geworden ist!

    Thailand war damals auch ein vorbildliches Entwicklungsland .

    Seht was heute aus dem geworden ist!

    • STIN sagt:

      Schoen wenn man einen ganzen Kontinent der angeblich schlechter ist als TH als Ausrede fuer das eigene Versagen nehmen kann!

      Wenn TH bei Corona versagt haben soll – wie behzeichnet man dann das Versagen in DE u.a.?
      Mega-Versagen…….?

      Fakt ist: TH hat am Beginn mit der Schließung des Landes sehr gut reagiert, waren lange Zeit an der Spitze weltweit, zusammen mit
      Neuseeland, Vietnam usw.

      Dann wurde es holprig – weil leider jemand was dagegen hatte, Impfstoffe zu bestellen, tw. sogar Geschenke ablehnte – um sein eigenes Geschäft nicht zu
      stören.
      Derzeit läuft es wieder gut – Impfstationen im ganzen Land, immer dort – wo es aufflammt. Frau hätte sich in TH locker
      impfen können – macht es aber lieber jetzt hier in DE.

      Wenn man die Zahlen vergleicht, so steht TH trotz monatelanger Probleme bei Impfungen – derzeit besser da, als DE u.a.
      Viel weniger Tote, derzeit alles im Griff und die Impfquote nähert sich jener der Deutschen – nur sind dort viele
      schon wieder ohne Schutz, da die Impfung nur 3-4 Monate schützt.

      Thailand hat zwar Krankenhaeuser von denen Afrika noch nicht mal traeumen darf ,
      aber geimpft wird in Shopping Malls weil man dort mehr Platz fuer die Show hat.

      Nein, macht man hier auch – vor Edeka, vor dem Rathaus in der Fußgängerzone usw.
      Das macht Sinn, weil man hier viele Leute damit einfangen kann, die den Impfbus sehen und sich dann schnell
      impfen lassen.

      Die Show läuft hier auch sonst sehr gut. Am Wochenende lange Schlange im KH, stundenlange Wartezeit – dann kam der B ürgermeister mit
      Fotografen, Presse – 30 Minuten keine Impfungen, the show must go on……..

      Thailand war damals auch ein vorbildliches Entwicklungsland .

      Ist es immer noch…. – in Teilen sogar noch wie vor 30 Jahren, nur die Strassen sind asphaltiert, ansonsten hat sich in den Mubans
      nix verändert – auch nicht in Phayao – Frauchen war ja dort, sieht gleich aus, wie vor 10 Jahren, meinte sie.

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